Interview mit Mme Simone Alizon
geführt am 17. 01. 2002 von Adrian Rossmann und Paul Schieder

Mme Alizon wird am 24. Februar 1925 in Rennes geboren. Nach einer teilweise bei Ziehmüttern verbrachten Kindheit kehrt sie im Alter von sieben Jahren in den elterlichen Haushalt zurück und lebt dort gemeinsam mit ihrer um vier Jahre älteren Schwester Marie. Die politischen Ereignisse - die Volksfront, der Spanienkrieg, das Münchener Abkommen, der Ausbruch des Krieges 1939 und der Waffenstillstand - lassen langsam ein politisches Bewusstsein in ihr erwachen. Im Jahre 1941 wird das Hotel der Eltern durch Zufall zum Treffpunkt einer Widerstandsgruppe, der sich die beiden Schwestern anschließen. Die Gruppe wird Anfang 1942 fast vollständig aufgedeckt, die Verhaftungen häufen sich. Fünf Tage nach ihrer Schwester wird auch Mme Alizon am 18. März 1942 verhaftet.

Können Sie uns von Ihrer Verhaftung erzählen ?

Ich hatte damit gerechnet, verhaftet zu werden, da ja meine Schwester fünf Tage vor mir verhaftet worden war. Auch ihre Verhaftung hatte mich nicht überrascht, denn wir waren uns sehr wohl dessen bewusst, dass es Verhaftungen gegeben hatte und dass es mit jedem Tag enger würde. Es waren Feldgendarmen, die mich verhafteten, keine SS-Männer. Alles ging sehr schnell: meine Eltern waren erschüttert und beklagten sich. Ich verkürzte diesen schmerzvollen Abschied. In zehn Minuten war ich fertig. Ich nahm meinen Mantel und ging. Ehe ich mir dessen bewusst werden konnte, was geschehen war, fand ich mich im Gefängnis wieder.

Wie waren die Bedingungen in diesem Gefängnis ?

Es war ein Gefängnis in Rennes, meinem Geburtsort, in dem ich drei Tage lang blieb. In der Nachbarzelle war eine Frau, die vom Deutschen Militärgerichtshof zurückgekommen war. Sie schrie: "Drei Jahre habe ich bekommen, drei Jahre lang werde ich nicht leben!", und ich dachte mir -ich war 17 Jahre alt - "sie wird schlecht leben, aber sie wird leben, sie wird verändert herauskommen, aber…"; lustigerweise habe ich dann drei Jahre bekommen! Ich war drei Jahre lang eingesperrt, als ob das Schicksal mir "drei Jahre" gesagt hätte: ich wurde im März 1942 verhaftet und kehrte im Juli 1945 zurück; befreit wurde ich im Mai 1945. Das wusste ich natürlich an diesem Tag noch nicht.

Dann wurde ich nach Paris gebracht. Ich kam im Gefängnis "La Santé" an, wo ich acht Monate blieb. Ich traf meine Schwester wieder. Sie war in einer gegenüberliegenden Zelle untergebracht, aber ich konnte sie nicht sehen, da die Türen sich nur sehr selten gleichzeitig öffneten und sie ein Stockwerk unterhalb war…

In ihrem Buch "L'exercice de vivre" beschreibt Mme Alizon ihre Zelle im Gefängnis "La Santé" folgendermaßen:

"Nach den üblichen Formalitäten fand ich mich, neuerlich allein, in einer anderen Zelle wieder. Ich betrachtete sie sorgfältig und bemerkte die rudimentären Verhältnisse. An der Mauer befestigt war ein Metallklappbett, auf dem eine dünne Matratze aus Stroh und eine Decke lagen, beide höchst zweifelhaft. Gegenüber befand sich ein ebenfalls an der Mauer befestigter Klapptisch, dazu ein Hocker.
Die Toilette: ein Loch, schlecht angelegt, aber auf geeigneter Höhe, mit einem mehr oder weniger angepassten Holzdeckel. Dieser Abort war nichts anderes als die Verlängerung des Abflussrohres. Daneben befand sich ein Wasserkrug und ein kurzer Besen aus Reisstroh, "um die Zelle zu reinigen", wie man mir später mitteilte. Mit einem Wort, das Ritz! Ich maß mein Reich ab: fünf Fuß breit, acht lang".

Das Leben wurde mir durch die Berichte anderer vermittelt, weil ich in der Zelle allein war. Ich war sehr jung und zu dieser Zeit wurden junge siebzehnjährige Mädchen noch nach der alten Schule erzogen: man verheimlichte uns alles und hatten keine Ahnung davon, wie das Leben läuft. Da war ich also; wir sprachen mit dem Abflussrohr, was sehr unangenehm war, aber: reden oder nicht reden, da redet man, trotz des Geruchs, und wir klammerten uns an den Fenstern an, und ich kletterte auf meinen Krug und hörte den Gesprächen zu. Am Abend, nach Dienstschluss, als die Wachen weg waren, redeten die Gefangenen, sie sangen, die zum Tode Verurteilten im gegenüberliegenden Block sangen, erzählten einander Geschichten, das ist doch unglaublich… Ich glaube, sie machten das, weil sie, solange sie erzählten, das Gefühl hatten noch zu leben. Das beeindruckte mich sehr, ich sagte mir: "Sie wissen, dass sie sterben werden und hören nicht auf zu singen, zu lachen und einander Geschichten zu erzählen. Wie machen sie das?"

Das Leben wurde mir also durch die Berichte der Leute, die ich hörte, vermittelt. Als ich im Lager war, redete man in den ersten Tagen nicht miteinander, man lebte wie man konnte. Es war so völlig anders, so gedrängt, voller Schreie und Schläge. Man bekam all das ab, man konnte nicht sprechen, wir erstickten vor Angst und erst nach einigen Wochen begannen wir, ein wenig miteinander zu reden, in den Reihen, bei der Arbeit, wir gruppierten uns und sprachen. Und auch da sagte ich nichts, denn ich hatte nichts zu sagen, ich hatte keinerlei Erfahrungen, war gerade erst aus der Schule gekommen. Das Leben wurde mir während meiner gesamten Gefangenschaft durch die Berichte meiner Gefährtinnen vermittelt.

Sie blieben acht Monate im Gefängnis "La Santé". Und dann…

Dann kam ich nach Fresnes, einem anderen Gefängnis ganz im Süden von Paris, bei Orly, und blieb dort ein Monat. Nach einem Monat wurden wir nach Romainvill gebracht, wo ich meine Schwester wiedertraf. Romainville ist ein Verteidigungsfort und wir waren dort in einem Schlafsaal, in dem am Ende etwa vierzig Personen untergebracht waren…

In Romainville wussten die SS-Männer genau, was sie wollten, sie versammelten aus der gesamten besetzten Zone Leute, um uns nach Birkenau zu schicken. Sie wussten genau, dass es ein Sammelpunkt war, sie gruppierten uns: der Saal, in dem ich war, war bei meiner Ankunft fast leer, wir war vielleicht zehn Personen; am Ende waren wir vierzig. Innerhalb zweier Monate wurde so das ganze Gefängnis aufgefüllt und als sie die angestrebte Zahl erreicht hatten, brachten sie uns nach Compiègne, wo wir nicht einmal 24 Stunden verbrachten - wir kamen am Abend an und fuhren am nächsten Morgen ab - man steckte uns in Wagons… dann folgten drei Tage und drei Nächte Reise.


Gab es Gerüchte über das Ziel der Reise?

Nein, nein. Wir wussten nichts. Man sagte uns: "Schickt alle eure Sachen zurück, nehmt nichts mit, behaltet nur, was Ihr bei Euch habt", was wir -leider- nicht machten. Denn später, bei der Ankunft…

Mme Alizon verließ Compiègne am Morgen des 24. Januar 1943 und kam bei Tagesanbruch am 27. Januar in Auschwitz an.

Als wir ankamen, gab es Schreie, Schläge, Schüsse, bellende Hunde, "Raus, raus!", "Schnell, schnell!", es war verrückt. Es war Absicht, dass sie schrien, brüllten, viel Lärm machten, drängelten, damit den Leuten kein bißchen Zeit bliebe sich aufzulehnen, denn das fürchteten sie über alles. Nun, wenn man so ankommt, nach drei Tagen Zugfahrt: die Leute waren bereits sehr durstig und müde…

Wir mussten unsere Koffer schleppen und das war sehr schwer; als wir Auschwitz wieder verließen, gab man sie uns zurück, aber … sie waren leer… alles war genommen worden… und das ist auch der Grund dafür, dass man in Auschwitz alles bekommen konnte -ich glaube, dass das etwas Besonderes an Auschwitz war - weil von allen ankommenden Transporten alles eingesammelt wurde. Es wurde sortiert; alles was zu abgenutzt und unverwendbar war, wurde weggeworfen, und alles Wiederverwendbare eingesammelt und in die Geschäfte geschickt oder an die Bevölkerung verteilt…
Es war schrecklich, denn… man wurde ausgeplündert, fast sofort geschlagen, dann in ein vollkommen leeres Gebäude gesteckt. Da war man, mit den mühsam vom Zug mitgeschleppten Koffern, und die Kapos näherten sich und sagten: "Gib mir deine Uhr, gib mir deinen Ring, gib mir das, wir werden euch sowieso alles wegnehmen", was die Wahrheit war, aber das wussten wir nicht, und da wir nicht wollten, schlugen sie uns, dann fingen die deutschen Wachen an uns zu schlagen, man begann uns zu drängeln, zu schlagen. Dann wurden die Frauen in kleinen Gruppen zur Desinfektion gerufen. Wir mussten uns ausziehen, vollkommen nackt, und wurden rasiert…überall…unter der Achsel, die Schamhaare, überall, die Kopfhaare… man wird völlig ausgeplündert und wenn man so vollkommen nackt ist, fühlt man sich entsetzlich verwundbar…es ist schrecklich. Selbst wenn man nur einen Lendenschurz hat, fühlt man sich bereits ein wenig besser, aber ohne Schuhe, mit rein gar nichts, ist es wirklich grauenhaft. Und dann die Schläge und Schreie, das Deutsch, wie es die Deutschen dort sprachen, es war entsetzlich, weil es so war, wie wenn man zu Vieh spricht: es ist mehr der Ton, die Intonation, die es einen verstehen lässt, aber wenn man es anschreit, weiß es nicht, was es tun soll. Wir waren wie Tiere, wir wussten nicht mehr, wo wir hingehen sollten; was wir machen sollten, wir wussten es nicht, es war grauenhaft. Man brachte uns in einen überheizten Raum, immer mehr Leute fielen in Ohnmacht, alle oder fast alle fielen in Ohnmacht, dann wurden wir sofort in einen eiskalten Raum mit einer Dusche gebracht, aber es gab kein Wasser, oder aber das Wasser war zu kalt oder zu heiß. Unmittelbar darauf gab man uns Kleidung und es ging in den Block. Wenn man sich bereits so stark verändert hatte, war man traumatisiert, man war bereits durch die brutale Ankunft konditioniert, diese völlige Ausplünderung, man hatte nichts mehr, das einem gehörte… Wie soll man das erklären? Es tut weh…

Wir wurden also im Block geschlagen, außerhalb des Blocks geschlagen; wir waren zwei Wochen lang in Quarantäne und arbeiteten daher im Lager, nicht viel, aber während dieser zwei Wochen blieben wir dort, und erst danach verließen wir das Lager, das ja sehr weitläufig war.

Es ist eine Welt von Verrückten… Die Leute mussten vollkommen verfallen. Es war das Ziel, sie sterben zu lassen, aber sie mussten vorher vollkommen zerstört werden… Diejenigen, die im Sterben lagen hatten zwei, drei Wochen vorher völlig den Kopf verloren. Sie taten was zu tun war, aber sie waren sich ihres körperlichen Zustandes und des bevorstehenden Todes überhaupt nicht mehr bewusst. Sie waren sich dessen überhaupt nicht bewusst und hatten nicht einmal mehr Angst vor dem Tod, das sie es nicht merkten. Sie waren vollkommen benebelt. In solchen Situationen kommt man in relativ guter Verfassung an, verliert zunächst das Körperfett, dann schrumpfen die Muskeln, dann die Knochen und das Gehirn…ich weiß nicht, was passiert, aber auf jeden Fall ist man sich nicht mehr dessen bewusst, was man ist, man ist sich nicht dessen bewusst zu sein, zu existieren.

Sie meinten vorhin, man konnte nicht wirklich sprechen…

Nein, der Schock war so groß, dass wir nicht den Mut dazu hatten, das war übrigens während der gesamten Gefangenschaft so. Man sah entsetzliche Dinge und kam nicht auf die Idee, später, nach der Rückkehr in den Block, zu sagen: "Hast du gesehen?". Nein, das gab es nie, nie, nie… es war bereits so schwer zu ertragen, dass es nicht in Frage kam, davon zu reden, es zu erwähnen. Jeder behielt seine Gedanken für sich… es war unmöglich sich auszutauschen. Erst als man sich an das Lager angepasst hatte und Freundschaften schloss, oder, wie in unserem Fall, wenn man eine kleine Gruppe war, erfuhr man, was passierte, wie es sich abspielte, man wusste, was man vermeiden und was tun musste, und bei der Arbeit konnte man reden, da wurde gesprochen, aber das war viel später… nicht am Anfang.
Während der ersten drei Monate, jedenfalls aber während der ersten zwei Wochen öffneten wir nicht den Mund.

Wussten Sie irgendwann, was rundherum passierte?

Wir waren sofort auf dem Laufenden. Wir wussten nicht genau, was in den Gaskammern und im Krematorium geschah, aber wir wussten, dass es eine Gaskammer gab und wir wussten, dass es ein Krematorium gab. Man sah die Flammen. Manche Leute geben vor, die Flammen wären hoch gewesen… Das ist falsch. Es gab etwa -schwer zu ermessen- ein oder zwei Meter hohe herausragende Flammen… und ich glaube an die folgende Erklärung: ich glaube, sie ragten nicht wegen der brennenden Körper heraus. Es war der Russ: die ankommenden Leute waren ja nicht so mager wie wir, nein… all der Russ sammelte sich an den Wänden des Schornsteins und es war dieser Russ, der… wenn also Unmengen von Leuten ankamen, man muss sich das vorstellen: sie verschwanden in wenigen Stunden. Der Russ stieg auf, sammelte sich entlang des Schornsteins, brannte und ließ die Flammen herausragen. Das geschah nicht regelmäßig, sondern dann, wenn große Transporte ankamen.

Und mit wem hatten Sie Kontakt?

Wir hatten Glück: von so einem kleinen Transport wie unserem wäre normalerweise niemand zurückgekehrt. Aber wir kannten uns und bildeten eine Gruppe.
Man musste Deutsch können und ich sprach kein Wort Deutsch. Nicht Deutsch zu können war ein zusätzliches Todesrisiko, weil einem ja Befehle zugebrüllt wurden, und wenn man sie nicht verstand, gab es Schläge mit der Faust oder dem Schlagstock oder auch Fußtritte, und so lernte man, was zu tun war.

Sie blieben in Birkenau…

Mitte Juni waren wir nur noch etwa fünfzig. Ungefähr zwanzig kamen nach Raïsko, die anderen blieben in Birkenau, arbeiteten aber, mit einer Ausnahme, im Revier, wo es keinen Appell gab. Diese Appelle dauerten, morgens und abends, je vier Stunden. Dazu der Fußweg zur Arbeit, die Arbeit selbst bis vier oder fünf Uhr nachmittags, dann nach der Rückkehr wieder ein Appell… Das brachte uns um. Die Leute starben an Erschöpfung.

Sie waren anschließend in einem Außenkommando…

Ja, das muss Mitte Juni gewesen sein. Ich hätten in diesem Lager keine zwei Wochen mehr überlebt, so erschöpft war ich. Ich war am Ende meiner Kräfte. Es hat mir das Leben gerettet, nach Raïsko zu kommen, dem kleinen Lager, in dem Löwenzahn gezüchtet wurde, kok-saghyz - das ist der wissenschaftliche Name - aus den Wurzeln dieser Pflanzen sollte Kautschuk gewonnen werden. Es gab Versuchsbänke, wir säten Samen, ernteten die Blätter und Blüten, aber alles war verfälscht, und in den Laboratorien kochten wir die Wurzeln, um herauszufinden, in welcher Art und Weise man Kautschuk gewinnen kann. Aber alles war verfälscht.

Gab es einen bestimmten Grund dafür, dass Sie ausgewählt wurden?

Ja : in unserem Transport gab es glücklicherweise eine Zahnärztin. Und durch einen außergewöhnlichen Zufall war die frühere Zahnärztin gerade gestorben; gleich nach der Ankunft fragte uns ein SS-Mann, ob es unter uns eine Zahnärztin gäbe, und wir hatten eine. Sie bekam die Stelle und half uns. Sie versuchte, so schnell es ging, die einen und anderen da oder dort unterzubringen, aber es dauerte eine Zeit. Trotz allem waren sechs Wochen später von den 230 Personen unseres Transports 150 gestorben…jeden Tag…eines Tages hatten wir morgens neun Tote…

Fast die Hälfte des Transports war kommunistisch. Jene, die in der kommunistischen Partei eine Stelle hatten, wurden sofort untergebracht. Zwei Wochen später sah man sie nicht mehr, man bemerkte plötzlich, dass diese oder jene nicht mehr da war, aber man sagte uns nichts. Ich selbst wurde im letzten Moment gerettet. Wir waren nur zwei Nichtkommunistinnen, die überlebten. Alle anderen waren Kommunistinnen oder Sympathisantinnen. Da ich die jüngste war und ich meine Schwester dort verloren hatte, hängte ich mich an sie an. Ich dachte mir: "diese Frauen sind interessant, ich muss mich an sie wenden, weil sie, wenn sie eine kleine Möglichkeit zu Überleben haben, überleben werden". Wenn man sich gehen ließ, war es vorbei, es gab keine Hoffnung. Man konnte Nerven aus Stahl haben, wenn man nicht gesund war, war es vorbei. Wenn man aber keine Nerven aus Stahl hatte, konnte man sich nicht zur Wehr setzen. Man musste sich auf jeden Fall an etwas anhängen…

Und Raïsko…?

Der SS-Mann, der das Außenkommando übernommen hatte, hatte es getan, um der russischen Front zu entgehen. Er hatte alles sehr gut vorbereitet und uns so bequem wie möglich untergebracht. Die Versuche mit Kok-saghyz - die Idee, daraus Kautschuk zu gewinnen, hatten sie von den Russen - er hoffte, dieser Dummkopf -entschuldigen Sie bitte- dass er Ergebnisse erreichen würde, wenn er den Häftlingen bessere Bedingungen gewährte. Man soll nie Sklaven trauen… Wir waren also nur eine Person pro Bett, während wir davor Kopf bei Fuß auf Holzpritschen geschlafen hatten, das waren ganz andere Verhältnisse. Wir hatten sogar heiße Duschen, während wir uns in Auschwitz-Birkenau drei Monate lang nicht gewaschen hatten… wir hatten uns nie gewaschen! Nie die Kleidung gewechselt! Es war… der Geruch. Wissen Sie, es ist unglaublich, der Geruchssinn neutralisiert sich, man riecht nichts mehr. Wenn man aber ankommt…"was soll denn das? Warum waschen sich diese Frauen nicht?" Wir verstanden später sehr wohl warum.

Sie erwähnten, dass die Resultate verfälscht waren…

Ja, absichtlich. Von den kleinen Pflanzen, deren Samen wir säten, warfen wir die Hälfte weg. Wir sollten die Blüten zählen. Die Hälfte davon verscharrten wir. Und statt die Samen sorgfältig einzusammeln, bliesen wir sie weg. Die Biologinnen, die für die Laboratorien ausgewählt worden waren, waren wirklich Biologinnen, sehr fähige Leute, die ernsthaft arbeiten hätten können, aber die Resultate wurden absichtlich verfälscht. Niemand hatte Interesse daran, genaue Resultate zu erzielen. Auch nicht in den Gärten, auf den Versuchsbänken für die Auswahl der Samen verschiedener Kok-saghyz-Arten, um die besten Wurzeln zu gewinnen. Die Leute, die in den Gärten arbeiteten, waren für diese Arbeit nicht qualifizierter als ich.

Und der Kautschuk?

Es konnte nie Kautschuk gewonnen werden. Das war auch unsere Absicht…

Gemeinsam mit fünf anderen Französinnen kehrt Mme Alizon im Januar 1944 nach Birkenau zurück und wird via Berlin nach Ravensbrück verlegt, wo sie acht Monate bleibt. Am 10. August wird sie erneut verlegt, diesmal nach Behndorf, in der Nähe von Helmstedt in Niedersachsen, wo sie in einer Salzmine in einer V1-Fertigungsanlage arbeitet. Dort bleibt sie bis zum 10. April 1945.

Die Befreiung

Wir machten eine Reise; die Deutschen steckten uns Überlebende in einen Zug und wir irrten in einem Umkreis von 180 Kilometern in Norddeutschland herum. Der Zug fuhr sehr langsam, dann wieder mit voller Geschwindigkeit, dann blieb er stehen, stundenlang, dann ging's in die andere Richtung zurück, kurz, es war der reine Wahnsinn. Eines Abendes verließen uns die SS-Männer. Wir stiegen aus dem Zug aus und sie verschwanden ins Nichts. Am nächsten Morgen wurden wir von Schupos in ein kleines Lager bei Hamburg gebracht, in dem wir acht Tage blieben - wir nannten sie Schupos: es waren entweder alte pensionierte Soldaten des ersten Weltkriegs oder Jugendliche der Garde Civile. Nach acht Tagen sagte man uns: "Ihr seid frei…". Wir dachten uns: "Das ist der Moment der Wahrheit, etnweder wir werden befreit oder vernichtet". Wieder wurden wir in einen Zug gesteckt und tatsächlich, 24 Stunden später…

Am 1. Mai 1945 durchquert der Zug die zerstörte Stadt Hamburg…

Es war beängstigend, das zu sehen. Wir sagten uns: "Wieviele Tonnen Bomben hat man über dieser Stadt abgeworfen?" Es gab Gebäude, die nur noch zur Hälfte standen, man sah in der Luft hängende Badewannen und Möbelstücke, hin und wieder ein Schrank und Stühle; es war erschütternd. Dann, nach 24 Stunden, kamen wir an der dänischen Grenze an: der Zug hielt an und jemand kam und sagte: "Ihr könnte eure Nummern abnehmen". Wir hörten es, aber es sagte uns nichts… Wir konnten es nicht begreifen… Ich war gerade erst wach geworden, denn wir hatten die ganze Nacht gesungen - quer durch das Repertoire - und daraufhin erschöpft geschlafen. Viele schliefen noch. Ich ging zur halboffenen Tür und sah tatsächlich zum ersten Mal das Zeichen des Roten Kreuzes. Während unserer gesamten Gefangenschaft hatten wir dieses Zeichen niemals gesehen… Da sagte ich mir: vielleicht ist es wahr… Aber es gab keine Freude, wir waren zu erschöpft; diese Reise dauerte seit dem 11. April und wir hatten den 2. Mai. Wir waren unvorstellbar müde, es gab keinen Freudensausbruch. Wir nahmen die Dinge so hin, wie sie waren. Dann stiegen wie auf der anderen Seite aus - das war übrigens symbolträchtig- wir waren auf der einen Seite des Wagons eingestiegen und stiegen auf der anderen Seite aus…
Und unsere kleine fünfköpfige Gruppe war aufs Neue vereint, wir hatten uns wiedergefunden und ließen einander nicht mehr los. Und plötzlich, während wir auf einer Rampe aus dem Zug stiegen, erschallte ohne Absprache unsere Marseillaise, einfach so… wir sangen…
Wir nahmen einen Personenzug und man setzte uns hin… ich war in einem Wagon erster Klasse, mit überzogenen Pölstern, und wir mit unseren Läusen und unserer Schmutzschicht… Wir sagten uns: "Wir werden alles dreckig machen" - diesen Instinkt hatten wir noch. Dann hörten wir Kanonenlärm, die Schlacht. Wir warteten bis drei Uhr morgens, dann setzte sich der Zug in Bewegung und wir kamen in Dänemark an. Im Bahnhof von Kopenhagen war es wie ein Rausch, die Leute warteten am Bahnsteig und gaben uns Brot und Schokolade… Wir aßen Weißbrot…"Es gibt noch Weißbrot…", das war unglaublich. Die Leute applaudierten uns, es war sehr…bewegend… Ich spreche nie davon.

Wenn Sie "uns" sagen, meinen Sie…

Wir hatten während der gesamten Gefangenschaft eine sechsköpfige Gruppe gebildet. In Ravensbrück war eine von uns zurückgeblieben, um bei Siemens zu arbeiten, während wir anderen fünf in der Salzmine waren. Wir fünf aus der Salzmine hatten einander wiedergefunden, als die SS-Männer uns freiließen… wir waren im Evakuierungszug, hatten einander wiedergefunden und blieben zusammen, verließen einander nicht wieder und wurden gemeinsam befreit. Wenn ich von "uns" spreche, so handelt es sich um diese kleine Gruppe.

Wir nahmen die Fähre und als wir auf dem Meer waren, sah man kurze Zeit das Festland nicht mehr. Es war ein bewölkter Himmel… schönes Wetter, kein strahlend blauer Himmel, aber bewölkt. Da erlebte ich einen kurzen Moment der Erregung/Überschwenglichkeit und dachte mir: "Ja, es stimmt, ich bin befreit".

Dann kamen wir nach Malmö. Wir wurden zerstreut… Wir landeten in einer Diskothek; man hatte Matratzen aus sehr starkem Papier ausgelegt und Bettwäsche aus Papier, aber es war sauber. Wir fühlten uns darauf sehr wohl und sind einige Tage geblieben. Man gab uns ein bißchen Geld. Unsere Kleidung hatte man uns abgenommen - sie wurde verbrannt und das war recht so. Bevor wir andere Kleidung erhielten, gab man uns Latzhosen und nach einer Woche schickt man uns in das Zentrum Schwedens, in die Nähe eines Sees. Es war sehr schön. Da blieb ich… Dann hatte ein schwedischer sozialistischer Abgeordneter die Verantwortung für eine Gruppe von Häftlingen übernommen. Er hatte eine Villa an der Ostsee für uns gemietet, mit einer jungen Frau der Bonne Société de Stockholm, die uns behütete. Wir blieben dort zwei Wochen, dann machten wir uns auf den Rückweg nach Frankreich.

Meine Befreiung war außergewöhnlich - für viele trug es sich nicht so zu. Als wir das Flugzeug nahmen, erlebte ich den Höhepunkt - niemals hätte ich das während meiner Zeit in Auschwitz gedacht - wir stiegen ins Flugzeug und… ich muss wohl auf einen der Besatzungsleute Eindruck gemacht haben und bekam die Erlaubnis, einen großen Teil der Reise im Cockpit zu verbringen… es war ein Kampfflugzeug, es gab keine Passagiersitze… Unter meinen Augen sah ich die die Ostsee vorüberziehen, die Landschaft des Festlandes, den Norden Frankreichs… ich kam in Paris am Morgen an - wir waren um sechs oder sieben Uhr abgeflogen - ein strahlend blauer Himmel im Juni erwartete mich, es gab keine Luftverschmutzung… alle Kuppeln der Hauptstadt strahlten… Paris war der Höhepunkt. Ich sagte mir: "Das ist doch unglaublich… Wie kann mir so etwas geschehen?" Es war ein Traum, der absolute Traum… Und ich habe noch immer dieses Bild von Paris… es war fabelhaft. Ich hatte sehr viel Glück…

Sie kamen in Paris an und…

Wie alle kam ich ins Hotel Lutetia. Wir kamen in Villacoublay an und mussten einen Bus nehmen, um ins Lutetia gebracht zu werden… Ich durchquerte die Pariser Vorstadt und war enttäuscht. Als ich im Herzen von Paris war - und ich liebe Paris - fand ich die großen Avenues wieder… aber die Ankunft in Paris, die Vorstadt, überraschte mich: "Das ist Paris? So hatte ich es mir überhaupt nicht vorgestellt". Später verflüchtigte sich dann dieser Eindruck, aber es war ein komischer Eindruck.

Und das Hotel Lutetia…

Wir waren also da, meine Gefährtinnen und ich, und plötzlich wurden wir da oder dort verlangt, die einen im Büro, die anderen für die Ausweise, für Auskünfte usw. sodass wir jäh voneinander getrennt wurden, ohne einander verabschiedet zu haben. Wir sahen einander erst Jahre später wieder. Wir hatten unsere Adressen, aber jede einzelne kehrte in ihr Leben, in ihre Kreise zurück, fand die Familie wieder…
Wir jedenfalls fanden unsere Familie wieder, aber die ankommenden Juden… wohin sollten sie gehen? Die Rückkehr war nicht glücklich. Es gab glückliche Rückkehrer, aber das Leben geht weiter: als die Häftlinge wiederkamen, war ihr Platz manchmal nicht mehr frei. Was soll man tun? Was sagen? In der Zwischenzeit waren Kinder zur Welt gekommen, einfach so… Und es gab Todesfälle… alles hatte sich verändert… und im Norden Frankreichs hatte es auch viel Zerstörung gegeben…

Lebte Ihre Familie nach wie vor in Rennes?

Ja, ja. Aber meine Muter war gestorben und meine Familie zerstört. Wir waren mein Vater, meine Mutter, meine Schwester und ich gewesen. Von uns vieren überlebten nur zwei: meine Mutter starb während meiner Gefangenschaft an Magenkrebs. Mein Schwester starb in Auschwitz… Mein Vater hatte sich unsterblich in eine junge Frau verliebt, die zu mir arbeiten kam, er heiratete sie und ich war sehr unglücklich… Auch das ist das Leben… es wäre nicht so tragisch gewesen, wenn ich nicht von dort gekommen wäre, von wo ich kam, aber: diese Geschichte nach der anderen…

Nach einer solchen Erfahrung ist man natürlich nicht mehr die selbe. Unabhängig vom Alter, in dem man es erlebte, hatte man sich zwangsweise verändert. Und ich persönlich habe nie aufgehört, mir Fragen darüber zu stellen, was mich umgibt, über die großen Ereignisse und die Reaktion der einzelnen. Ich fragte mich: "Dieser Mensch hat dieses oder jenes getan, warum? Es gibt einen Grund, einen Beweggrund, aber welchen? Und wenn ich ihn kennen würde, wäre er die Erklärung." Ich versuche immer nach den Gründen zu fragen - meistens kenne ich sie nicht und habe keine Antwort, aber ich versuche es und ich glaube, wenn jeder einzelne von uns versuchen würde, den oder die anderen zu verstehen, gäbe es vielleicht weniger Schwierigkeiten.
Meine große Frage ist "Warum?"

Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich den Leuten raten: "Redet miteinander". Wenn es ein Problem gibt, welcher Art auch immer, zwischen Freunden, in der Familie - vor allem in der Familie - lasst es nicht im Glauben, man solle nur keine Geschichten machen, auf sich beruhen. Man soll nicht aus einer Maus einen Elefanten machen, aber es sammelt sich alles an - ich spreche aus Erfahrung - wenn die Leute geredet hätten, wenn sie sich gleich ausgesprochen hätten, bei kleinen Angelegenheiten - man soll nicht schüren, aber eine Aussprache suchen, denn alles sammelt sich an und irgendwann kommt der schicksalhafte Augenblick, in dem es explodiert. Ich habe gesehen, wie ganze Familien zerstört wurden, weil nicht rechtzeitig miteinander geredet wurde, und es kommt der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr reden kann: es ist wie eine Glaswand, ein dickes Glas, das einen trennt, man kann einander sehen, man kann sich bewegen, aber kein Wort mehr austauschen, die Kommunikation wird unmöglich. Das ist vielleicht das einzige, was ich zu sagen hätte…


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