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Mme
Alizon wird am 24. Februar 1925 in Rennes geboren. Nach einer
teilweise bei Ziehmüttern verbrachten Kindheit kehrt
sie im Alter von sieben Jahren in den elterlichen Haushalt
zurück und lebt dort gemeinsam mit ihrer um vier Jahre
älteren Schwester Marie. Die politischen Ereignisse -
die Volksfront, der Spanienkrieg, das Münchener Abkommen,
der Ausbruch des Krieges 1939 und der Waffenstillstand - lassen
langsam ein politisches Bewusstsein in ihr erwachen. Im Jahre
1941 wird das Hotel der Eltern durch Zufall zum Treffpunkt
einer Widerstandsgruppe, der sich die beiden Schwestern anschließen.
Die Gruppe wird Anfang 1942 fast vollständig aufgedeckt,
die Verhaftungen häufen sich. Fünf Tage nach ihrer
Schwester wird auch Mme Alizon am 18. März 1942 verhaftet.
Können Sie uns von Ihrer Verhaftung erzählen
?
Ich hatte damit gerechnet, verhaftet zu werden, da ja meine
Schwester fünf Tage vor mir verhaftet worden war. Auch
ihre Verhaftung hatte mich nicht überrascht, denn wir
waren uns sehr wohl dessen bewusst, dass es Verhaftungen gegeben
hatte und dass es mit jedem Tag enger würde. Es waren
Feldgendarmen, die mich verhafteten, keine SS-Männer.
Alles ging sehr schnell: meine Eltern waren erschüttert
und beklagten sich. Ich verkürzte diesen schmerzvollen
Abschied. In zehn Minuten war ich fertig. Ich nahm meinen
Mantel und ging. Ehe ich mir dessen bewusst werden konnte,
was geschehen war, fand ich mich im Gefängnis wieder.
Wie waren die Bedingungen in diesem Gefängnis ?
Es war ein Gefängnis in Rennes, meinem Geburtsort, in
dem ich drei Tage lang blieb. In der Nachbarzelle war eine
Frau, die vom Deutschen Militärgerichtshof zurückgekommen
war. Sie schrie: "Drei Jahre habe ich bekommen, drei
Jahre lang werde ich nicht leben!", und ich dachte mir
-ich war 17 Jahre alt - "sie wird schlecht leben, aber
sie wird leben, sie wird verändert herauskommen, aber
";
lustigerweise habe ich dann drei Jahre bekommen! Ich war drei
Jahre lang eingesperrt, als ob das Schicksal mir "drei
Jahre" gesagt hätte: ich wurde im März 1942
verhaftet und kehrte im Juli 1945 zurück; befreit wurde
ich im Mai 1945. Das wusste ich natürlich an diesem Tag
noch nicht.
Dann wurde ich nach Paris gebracht. Ich kam im Gefängnis
"La Santé" an, wo ich acht Monate blieb.
Ich traf meine Schwester wieder. Sie war in einer gegenüberliegenden
Zelle untergebracht, aber ich konnte sie nicht sehen, da die
Türen sich nur sehr selten gleichzeitig öffneten
und sie ein Stockwerk unterhalb war
In ihrem Buch "L'exercice de vivre" beschreibt
Mme Alizon ihre Zelle im Gefängnis "La Santé"
folgendermaßen:
"Nach den üblichen Formalitäten fand ich mich,
neuerlich allein, in einer anderen Zelle wieder. Ich betrachtete
sie sorgfältig und bemerkte die rudimentären Verhältnisse.
An der Mauer befestigt war ein Metallklappbett, auf dem eine
dünne Matratze aus Stroh und eine Decke lagen, beide
höchst zweifelhaft. Gegenüber befand sich ein ebenfalls
an der Mauer befestigter Klapptisch, dazu ein Hocker.
Die Toilette: ein Loch, schlecht angelegt, aber auf geeigneter
Höhe, mit einem mehr oder weniger angepassten Holzdeckel.
Dieser Abort war nichts anderes als die Verlängerung
des Abflussrohres. Daneben befand sich ein Wasserkrug und
ein kurzer Besen aus Reisstroh, "um die Zelle zu reinigen",
wie man mir später mitteilte. Mit einem Wort, das Ritz!
Ich maß mein Reich ab: fünf Fuß breit, acht
lang".
Das Leben wurde mir durch die Berichte anderer vermittelt,
weil ich in der Zelle allein war. Ich war sehr jung und zu
dieser Zeit wurden junge siebzehnjährige Mädchen
noch nach der alten Schule erzogen: man verheimlichte uns
alles und hatten keine Ahnung davon, wie das Leben läuft.
Da war ich also; wir sprachen mit dem Abflussrohr, was sehr
unangenehm war, aber: reden oder nicht reden, da redet man,
trotz des Geruchs, und wir klammerten uns an den Fenstern
an, und ich kletterte auf meinen Krug und hörte den Gesprächen
zu. Am Abend, nach Dienstschluss, als die Wachen weg waren,
redeten die Gefangenen, sie sangen, die zum Tode Verurteilten
im gegenüberliegenden Block sangen, erzählten einander
Geschichten, das ist doch unglaublich
Ich glaube, sie
machten das, weil sie, solange sie erzählten, das Gefühl
hatten noch zu leben. Das beeindruckte mich sehr, ich sagte
mir: "Sie wissen, dass sie sterben werden und hören
nicht auf zu singen, zu lachen und einander Geschichten zu
erzählen. Wie machen sie das?"
Das Leben wurde mir also durch die Berichte der Leute, die
ich hörte, vermittelt. Als ich im Lager war, redete man
in den ersten Tagen nicht miteinander, man lebte wie man konnte.
Es war so völlig anders, so gedrängt, voller Schreie
und Schläge. Man bekam all das ab, man konnte nicht sprechen,
wir erstickten vor Angst und erst nach einigen Wochen begannen
wir, ein wenig miteinander zu reden, in den Reihen, bei der
Arbeit, wir gruppierten uns und sprachen. Und auch da sagte
ich nichts, denn ich hatte nichts zu sagen, ich hatte keinerlei
Erfahrungen, war gerade erst aus der Schule gekommen. Das
Leben wurde mir während meiner gesamten Gefangenschaft
durch die Berichte meiner Gefährtinnen vermittelt.
Sie blieben acht Monate im Gefängnis "La Santé".
Und dann
Dann kam ich nach Fresnes, einem anderen Gefängnis ganz
im Süden von Paris, bei Orly, und blieb dort ein Monat.
Nach einem Monat wurden wir nach Romainvill gebracht, wo ich
meine Schwester wiedertraf. Romainville ist ein Verteidigungsfort
und wir waren dort in einem Schlafsaal, in dem am Ende etwa
vierzig Personen untergebracht waren
In Romainville wussten die SS-Männer genau, was sie
wollten, sie versammelten aus der gesamten besetzten Zone
Leute, um uns nach Birkenau zu schicken. Sie wussten genau,
dass es ein Sammelpunkt war, sie gruppierten uns: der Saal,
in dem ich war, war bei meiner Ankunft fast leer, wir war
vielleicht zehn Personen; am Ende waren wir vierzig. Innerhalb
zweier Monate wurde so das ganze Gefängnis aufgefüllt
und als sie die angestrebte Zahl erreicht hatten, brachten
sie uns nach Compiègne, wo wir nicht einmal 24 Stunden
verbrachten - wir kamen am Abend an und fuhren am nächsten
Morgen ab - man steckte uns in Wagons
dann folgten drei
Tage und drei Nächte Reise.
Gab es Gerüchte über das Ziel der Reise?
Nein, nein. Wir wussten nichts. Man sagte uns: "Schickt
alle eure Sachen zurück, nehmt nichts mit, behaltet nur,
was Ihr bei Euch habt", was wir -leider- nicht machten.
Denn später, bei der Ankunft
Mme Alizon verließ Compiègne am Morgen des
24. Januar 1943 und kam bei Tagesanbruch am 27. Januar in
Auschwitz an.
Als wir ankamen, gab es Schreie, Schläge, Schüsse,
bellende Hunde, "Raus, raus!", "Schnell, schnell!",
es war verrückt. Es war Absicht, dass sie schrien, brüllten,
viel Lärm machten, drängelten, damit den Leuten
kein bißchen Zeit bliebe sich aufzulehnen, denn das
fürchteten sie über alles. Nun, wenn man so ankommt,
nach drei Tagen Zugfahrt: die Leute waren bereits sehr durstig
und müde
Wir mussten unsere Koffer schleppen und das war sehr schwer;
als wir Auschwitz wieder verließen, gab man sie uns
zurück, aber
sie waren leer
alles war genommen
worden
und das ist auch der Grund dafür, dass man
in Auschwitz alles bekommen konnte -ich glaube, dass das etwas
Besonderes an Auschwitz war - weil von allen ankommenden Transporten
alles eingesammelt wurde. Es wurde sortiert; alles was zu
abgenutzt und unverwendbar war, wurde weggeworfen, und alles
Wiederverwendbare eingesammelt und in die Geschäfte geschickt
oder an die Bevölkerung verteilt
Es war schrecklich, denn
man wurde ausgeplündert,
fast sofort geschlagen, dann in ein vollkommen leeres Gebäude
gesteckt. Da war man, mit den mühsam vom Zug mitgeschleppten
Koffern, und die Kapos näherten sich und sagten: "Gib
mir deine Uhr, gib mir deinen Ring, gib mir das, wir werden
euch sowieso alles wegnehmen", was die Wahrheit war,
aber das wussten wir nicht, und da wir nicht wollten, schlugen
sie uns, dann fingen die deutschen Wachen an uns zu schlagen,
man begann uns zu drängeln, zu schlagen. Dann wurden
die Frauen in kleinen Gruppen zur Desinfektion gerufen. Wir
mussten uns ausziehen, vollkommen nackt, und wurden rasiert
überall
unter
der Achsel, die Schamhaare, überall, die Kopfhaare
man wird völlig ausgeplündert und wenn man so vollkommen
nackt ist, fühlt man sich entsetzlich verwundbar
es
ist schrecklich. Selbst wenn man nur einen Lendenschurz hat,
fühlt man sich bereits ein wenig besser, aber ohne Schuhe,
mit rein gar nichts, ist es wirklich grauenhaft. Und dann
die Schläge und Schreie, das Deutsch, wie es die Deutschen
dort sprachen, es war entsetzlich, weil es so war, wie wenn
man zu Vieh spricht: es ist mehr der Ton, die Intonation,
die es einen verstehen lässt, aber wenn man es anschreit,
weiß es nicht, was es tun soll. Wir waren wie Tiere,
wir wussten nicht mehr, wo wir hingehen sollten; was wir machen
sollten, wir wussten es nicht, es war grauenhaft. Man brachte
uns in einen überheizten Raum, immer mehr Leute fielen
in Ohnmacht, alle oder fast alle fielen in Ohnmacht, dann
wurden wir sofort in einen eiskalten Raum mit einer Dusche
gebracht, aber es gab kein Wasser, oder aber das Wasser war
zu kalt oder zu heiß. Unmittelbar darauf gab man uns
Kleidung und es ging in den Block. Wenn man sich bereits so
stark verändert hatte, war man traumatisiert, man war
bereits durch die brutale Ankunft konditioniert, diese völlige
Ausplünderung, man hatte nichts mehr, das einem gehörte
Wie soll man das erklären? Es tut weh
Wir wurden also im Block geschlagen, außerhalb des
Blocks geschlagen; wir waren zwei Wochen lang in Quarantäne
und arbeiteten daher im Lager, nicht viel, aber während
dieser zwei Wochen blieben wir dort, und erst danach verließen
wir das Lager, das ja sehr weitläufig war.
Es ist eine Welt von Verrückten
Die Leute mussten
vollkommen verfallen. Es war das Ziel, sie sterben zu lassen,
aber sie mussten vorher vollkommen zerstört werden
Diejenigen, die im Sterben lagen hatten zwei, drei Wochen
vorher völlig den Kopf verloren. Sie taten was zu tun
war, aber sie waren sich ihres körperlichen Zustandes
und des bevorstehenden Todes überhaupt nicht mehr bewusst.
Sie waren sich dessen überhaupt nicht bewusst und hatten
nicht einmal mehr Angst vor dem Tod, das sie es nicht merkten.
Sie waren vollkommen benebelt. In solchen Situationen kommt
man in relativ guter Verfassung an, verliert zunächst
das Körperfett, dann schrumpfen die Muskeln, dann die
Knochen und das Gehirn
ich weiß nicht, was passiert,
aber auf jeden Fall ist man sich nicht mehr dessen bewusst,
was man ist, man ist sich nicht dessen bewusst zu sein, zu
existieren.
Sie meinten vorhin, man konnte nicht wirklich sprechen
Nein, der Schock war so groß, dass wir nicht den Mut
dazu hatten, das war übrigens während der gesamten
Gefangenschaft so. Man sah entsetzliche Dinge und kam nicht
auf die Idee, später, nach der Rückkehr in den Block,
zu sagen: "Hast du gesehen?". Nein, das gab es nie,
nie, nie
es war bereits so schwer zu ertragen, dass
es nicht in Frage kam, davon zu reden, es zu erwähnen.
Jeder behielt seine Gedanken für sich
es war unmöglich
sich auszutauschen. Erst als man sich an das Lager angepasst
hatte und Freundschaften schloss, oder, wie in unserem Fall,
wenn man eine kleine Gruppe war, erfuhr man, was passierte,
wie es sich abspielte, man wusste, was man vermeiden und was
tun musste, und bei der Arbeit konnte man reden, da wurde
gesprochen, aber das war viel später
nicht am Anfang.
Während der ersten drei Monate, jedenfalls aber während
der ersten zwei Wochen öffneten wir nicht den Mund.
Wussten Sie irgendwann, was rundherum passierte?
Wir waren sofort auf dem Laufenden. Wir wussten nicht genau,
was in den Gaskammern und im Krematorium geschah, aber wir
wussten, dass es eine Gaskammer gab und wir wussten, dass
es ein Krematorium gab. Man sah die Flammen. Manche Leute
geben vor, die Flammen wären hoch gewesen
Das ist
falsch. Es gab etwa -schwer zu ermessen- ein oder zwei Meter
hohe herausragende Flammen
und ich glaube an die folgende
Erklärung: ich glaube, sie ragten nicht wegen der brennenden
Körper heraus. Es war der Russ: die ankommenden Leute
waren ja nicht so mager wie wir, nein
all der Russ sammelte
sich an den Wänden des Schornsteins und es war dieser
Russ, der
wenn also Unmengen von Leuten ankamen, man
muss sich das vorstellen: sie verschwanden in wenigen Stunden.
Der Russ stieg auf, sammelte sich entlang des Schornsteins,
brannte und ließ die Flammen herausragen. Das geschah
nicht regelmäßig, sondern dann, wenn große
Transporte ankamen.
Und mit wem hatten Sie Kontakt?
Wir hatten Glück: von so einem kleinen Transport wie
unserem wäre normalerweise niemand zurückgekehrt.
Aber wir kannten uns und bildeten eine Gruppe.
Man musste Deutsch können und ich sprach kein Wort Deutsch.
Nicht Deutsch zu können war ein zusätzliches Todesrisiko,
weil einem ja Befehle zugebrüllt wurden, und wenn man
sie nicht verstand, gab es Schläge mit der Faust oder
dem Schlagstock oder auch Fußtritte, und so lernte man,
was zu tun war.
Sie blieben in Birkenau
Mitte Juni waren wir nur noch etwa fünfzig. Ungefähr
zwanzig kamen nach Raïsko, die anderen blieben in Birkenau,
arbeiteten aber, mit einer Ausnahme, im Revier, wo es keinen
Appell gab. Diese Appelle dauerten, morgens und abends, je
vier Stunden. Dazu der Fußweg zur Arbeit, die Arbeit
selbst bis vier oder fünf Uhr nachmittags, dann nach
der Rückkehr wieder ein Appell
Das brachte uns
um. Die Leute starben an Erschöpfung.
Sie waren anschließend in einem Außenkommando
Ja, das muss Mitte Juni gewesen sein. Ich hätten in
diesem Lager keine zwei Wochen mehr überlebt, so erschöpft
war ich. Ich war am Ende meiner Kräfte. Es hat mir das
Leben gerettet, nach Raïsko zu kommen, dem kleinen Lager,
in dem Löwenzahn gezüchtet wurde, kok-saghyz - das
ist der wissenschaftliche Name - aus den Wurzeln dieser Pflanzen
sollte Kautschuk gewonnen werden. Es gab Versuchsbänke,
wir säten Samen, ernteten die Blätter und Blüten,
aber alles war verfälscht, und in den Laboratorien kochten
wir die Wurzeln, um herauszufinden, in welcher Art und Weise
man Kautschuk gewinnen kann. Aber alles war verfälscht.
Gab es einen bestimmten Grund dafür, dass Sie ausgewählt
wurden?
Ja : in unserem Transport gab es glücklicherweise eine
Zahnärztin. Und durch einen außergewöhnlichen
Zufall war die frühere Zahnärztin gerade gestorben;
gleich nach der Ankunft fragte uns ein SS-Mann, ob es unter
uns eine Zahnärztin gäbe, und wir hatten eine. Sie
bekam die Stelle und half uns. Sie versuchte, so schnell es
ging, die einen und anderen da oder dort unterzubringen, aber
es dauerte eine Zeit. Trotz allem waren sechs Wochen später
von den 230 Personen unseres Transports 150 gestorben
jeden
Tag
eines Tages hatten wir morgens neun Tote
Fast die Hälfte des Transports war kommunistisch. Jene,
die in der kommunistischen Partei eine Stelle hatten, wurden
sofort untergebracht. Zwei Wochen später sah man sie
nicht mehr, man bemerkte plötzlich, dass diese oder jene
nicht mehr da war, aber man sagte uns nichts. Ich selbst wurde
im letzten Moment gerettet. Wir waren nur zwei Nichtkommunistinnen,
die überlebten. Alle anderen waren Kommunistinnen oder
Sympathisantinnen. Da ich die jüngste war und ich meine
Schwester dort verloren hatte, hängte ich mich an sie
an. Ich dachte mir: "diese Frauen sind interessant, ich
muss mich an sie wenden, weil sie, wenn sie eine kleine Möglichkeit
zu Überleben haben, überleben werden". Wenn
man sich gehen ließ, war es vorbei, es gab keine Hoffnung.
Man konnte Nerven aus Stahl haben, wenn man nicht gesund war,
war es vorbei. Wenn man aber keine Nerven aus Stahl hatte,
konnte man sich nicht zur Wehr setzen. Man musste sich auf
jeden Fall an etwas anhängen
Und Raïsko
?
Der SS-Mann, der das Außenkommando übernommen
hatte, hatte es getan, um der russischen Front zu entgehen.
Er hatte alles sehr gut vorbereitet und uns so bequem wie
möglich untergebracht. Die Versuche mit Kok-saghyz -
die Idee, daraus Kautschuk zu gewinnen, hatten sie von den
Russen - er hoffte, dieser Dummkopf -entschuldigen Sie bitte-
dass er Ergebnisse erreichen würde, wenn er den Häftlingen
bessere Bedingungen gewährte. Man soll nie Sklaven trauen
Wir waren also nur eine Person pro Bett, während wir
davor Kopf bei Fuß auf Holzpritschen geschlafen hatten,
das waren ganz andere Verhältnisse. Wir hatten sogar
heiße Duschen, während wir uns in Auschwitz-Birkenau
drei Monate lang nicht gewaschen hatten
wir hatten uns
nie gewaschen! Nie die Kleidung gewechselt! Es war
der
Geruch. Wissen Sie, es ist unglaublich, der Geruchssinn neutralisiert
sich, man riecht nichts mehr. Wenn man aber ankommt
"was
soll denn das? Warum waschen sich diese Frauen nicht?"
Wir verstanden später sehr wohl warum.
Sie erwähnten, dass die Resultate verfälscht
waren
Ja, absichtlich. Von den kleinen Pflanzen, deren Samen wir
säten, warfen wir die Hälfte weg. Wir sollten die
Blüten zählen. Die Hälfte davon verscharrten
wir. Und statt die Samen sorgfältig einzusammeln, bliesen
wir sie weg. Die Biologinnen, die für die Laboratorien
ausgewählt worden waren, waren wirklich Biologinnen,
sehr fähige Leute, die ernsthaft arbeiten hätten
können, aber die Resultate wurden absichtlich verfälscht.
Niemand hatte Interesse daran, genaue Resultate zu erzielen.
Auch nicht in den Gärten, auf den Versuchsbänken
für die Auswahl der Samen verschiedener Kok-saghyz-Arten,
um die besten Wurzeln zu gewinnen. Die Leute, die in den Gärten
arbeiteten, waren für diese Arbeit nicht qualifizierter
als ich.
Und der Kautschuk?
Es konnte nie Kautschuk gewonnen werden. Das war auch unsere
Absicht
Gemeinsam mit fünf anderen Französinnen kehrt
Mme Alizon im Januar 1944 nach Birkenau zurück und wird
via Berlin nach Ravensbrück verlegt, wo sie acht Monate
bleibt. Am 10. August wird sie erneut verlegt, diesmal nach
Behndorf, in der Nähe von Helmstedt in Niedersachsen,
wo sie in einer Salzmine in einer V1-Fertigungsanlage arbeitet.
Dort bleibt sie bis zum 10. April 1945.
Die Befreiung
Wir machten eine Reise; die Deutschen steckten uns Überlebende
in einen Zug und wir irrten in einem Umkreis von 180 Kilometern
in Norddeutschland herum. Der Zug fuhr sehr langsam, dann
wieder mit voller Geschwindigkeit, dann blieb er stehen, stundenlang,
dann ging's in die andere Richtung zurück, kurz, es war
der reine Wahnsinn. Eines Abendes verließen uns die
SS-Männer. Wir stiegen aus dem Zug aus und sie verschwanden
ins Nichts. Am nächsten Morgen wurden wir von Schupos
in ein kleines Lager bei Hamburg gebracht, in dem wir acht
Tage blieben - wir nannten sie Schupos: es waren entweder
alte pensionierte Soldaten des ersten Weltkriegs oder Jugendliche
der Garde Civile. Nach acht Tagen sagte man uns: "Ihr
seid frei
". Wir dachten uns: "Das ist der
Moment der Wahrheit, etnweder wir werden befreit oder vernichtet".
Wieder wurden wir in einen Zug gesteckt und tatsächlich,
24 Stunden später
Am 1. Mai 1945 durchquert der Zug die zerstörte Stadt
Hamburg
Es war beängstigend, das zu sehen. Wir sagten uns: "Wieviele
Tonnen Bomben hat man über dieser Stadt abgeworfen?"
Es gab Gebäude, die nur noch zur Hälfte standen,
man sah in der Luft hängende Badewannen und Möbelstücke,
hin und wieder ein Schrank und Stühle; es war erschütternd.
Dann, nach 24 Stunden, kamen wir an der dänischen Grenze
an: der Zug hielt an und jemand kam und sagte: "Ihr könnte
eure Nummern abnehmen". Wir hörten es, aber es sagte
uns nichts
Wir konnten es nicht begreifen
Ich
war gerade erst wach geworden, denn wir hatten die ganze Nacht
gesungen - quer durch das Repertoire - und daraufhin erschöpft
geschlafen. Viele schliefen noch. Ich ging zur halboffenen
Tür und sah tatsächlich zum ersten Mal das Zeichen
des Roten Kreuzes. Während unserer gesamten Gefangenschaft
hatten wir dieses Zeichen niemals gesehen
Da sagte ich
mir: vielleicht ist es wahr
Aber es gab keine Freude,
wir waren zu erschöpft; diese Reise dauerte seit dem
11. April und wir hatten den 2. Mai. Wir waren unvorstellbar
müde, es gab keinen Freudensausbruch. Wir nahmen die
Dinge so hin, wie sie waren. Dann stiegen wie auf der anderen
Seite aus - das war übrigens symbolträchtig- wir
waren auf der einen Seite des Wagons eingestiegen und stiegen
auf der anderen Seite aus
Und unsere kleine fünfköpfige Gruppe war aufs Neue
vereint, wir hatten uns wiedergefunden und ließen einander
nicht mehr los. Und plötzlich, während wir auf einer
Rampe aus dem Zug stiegen, erschallte ohne Absprache unsere
Marseillaise, einfach so
wir sangen
Wir nahmen einen Personenzug und man setzte uns hin
ich war in einem Wagon erster Klasse, mit überzogenen
Pölstern, und wir mit unseren Läusen und unserer
Schmutzschicht
Wir sagten uns: "Wir werden alles
dreckig machen" - diesen Instinkt hatten wir noch. Dann
hörten wir Kanonenlärm, die Schlacht. Wir warteten
bis drei Uhr morgens, dann setzte sich der Zug in Bewegung
und wir kamen in Dänemark an. Im Bahnhof von Kopenhagen
war es wie ein Rausch, die Leute warteten am Bahnsteig und
gaben uns Brot und Schokolade
Wir aßen Weißbrot
"Es
gibt noch Weißbrot
", das war unglaublich.
Die Leute applaudierten uns, es war sehr
bewegend
Ich spreche nie davon.
Wenn Sie "uns" sagen, meinen Sie
Wir hatten während der gesamten Gefangenschaft eine
sechsköpfige Gruppe gebildet. In Ravensbrück war
eine von uns zurückgeblieben, um bei Siemens zu arbeiten,
während wir anderen fünf in der Salzmine waren.
Wir fünf aus der Salzmine hatten einander wiedergefunden,
als die SS-Männer uns freiließen
wir waren
im Evakuierungszug, hatten einander wiedergefunden und blieben
zusammen, verließen einander nicht wieder und wurden
gemeinsam befreit. Wenn ich von "uns" spreche, so
handelt es sich um diese kleine Gruppe.
Wir nahmen die Fähre und als wir auf dem Meer waren,
sah man kurze Zeit das Festland nicht mehr. Es war ein bewölkter
Himmel
schönes Wetter, kein strahlend blauer Himmel,
aber bewölkt. Da erlebte ich einen kurzen Moment der
Erregung/Überschwenglichkeit und dachte mir: "Ja,
es stimmt, ich bin befreit".
Dann kamen wir nach Malmö. Wir wurden zerstreut
Wir landeten in einer Diskothek; man hatte Matratzen aus sehr
starkem Papier ausgelegt und Bettwäsche aus Papier, aber
es war sauber. Wir fühlten uns darauf sehr wohl und sind
einige Tage geblieben. Man gab uns ein bißchen Geld.
Unsere Kleidung hatte man uns abgenommen - sie wurde verbrannt
und das war recht so. Bevor wir andere Kleidung erhielten,
gab man uns Latzhosen und nach einer Woche schickt man uns
in das Zentrum Schwedens, in die Nähe eines Sees. Es
war sehr schön. Da blieb ich
Dann hatte ein schwedischer
sozialistischer Abgeordneter die Verantwortung für eine
Gruppe von Häftlingen übernommen. Er hatte eine
Villa an der Ostsee für uns gemietet, mit einer jungen
Frau der Bonne Société de Stockholm, die uns
behütete. Wir blieben dort zwei Wochen, dann machten
wir uns auf den Rückweg nach Frankreich.
Meine Befreiung war außergewöhnlich - für
viele trug es sich nicht so zu. Als wir das Flugzeug nahmen,
erlebte ich den Höhepunkt - niemals hätte ich das
während meiner Zeit in Auschwitz gedacht - wir stiegen
ins Flugzeug und
ich muss wohl auf einen der Besatzungsleute
Eindruck gemacht haben und bekam die Erlaubnis, einen großen
Teil der Reise im Cockpit zu verbringen
es war ein Kampfflugzeug,
es gab keine Passagiersitze
Unter meinen Augen sah ich
die die Ostsee vorüberziehen, die Landschaft des Festlandes,
den Norden Frankreichs
ich kam in Paris am Morgen an
- wir waren um sechs oder sieben Uhr abgeflogen - ein strahlend
blauer Himmel im Juni erwartete mich, es gab keine Luftverschmutzung
alle Kuppeln der Hauptstadt strahlten
Paris war der
Höhepunkt. Ich sagte mir: "Das ist doch unglaublich
Wie kann mir so etwas geschehen?" Es war ein Traum, der
absolute Traum
Und ich habe noch immer dieses Bild von
Paris
es war fabelhaft. Ich hatte sehr viel Glück
Sie kamen in Paris an und
Wie alle kam ich ins Hotel Lutetia. Wir kamen in Villacoublay
an und mussten einen Bus nehmen, um ins Lutetia gebracht zu
werden
Ich durchquerte die Pariser Vorstadt und war
enttäuscht. Als ich im Herzen von Paris war - und ich
liebe Paris - fand ich die großen Avenues wieder
aber die Ankunft in Paris, die Vorstadt, überraschte
mich: "Das ist Paris? So hatte ich es mir überhaupt
nicht vorgestellt". Später verflüchtigte sich
dann dieser Eindruck, aber es war ein komischer Eindruck.
Und das Hotel Lutetia
Wir waren also da, meine Gefährtinnen und ich, und plötzlich
wurden wir da oder dort verlangt, die einen im Büro,
die anderen für die Ausweise, für Auskünfte
usw. sodass wir jäh voneinander getrennt wurden, ohne
einander verabschiedet zu haben. Wir sahen einander erst Jahre
später wieder. Wir hatten unsere Adressen, aber jede
einzelne kehrte in ihr Leben, in ihre Kreise zurück,
fand die Familie wieder
Wir jedenfalls fanden unsere Familie wieder, aber die ankommenden
Juden
wohin sollten sie gehen? Die Rückkehr war
nicht glücklich. Es gab glückliche Rückkehrer,
aber das Leben geht weiter: als die Häftlinge wiederkamen,
war ihr Platz manchmal nicht mehr frei. Was soll man tun?
Was sagen? In der Zwischenzeit waren Kinder zur Welt gekommen,
einfach so
Und es gab Todesfälle
alles hatte
sich verändert
und im Norden Frankreichs hatte
es auch viel Zerstörung gegeben
Lebte Ihre Familie nach wie vor in Rennes?
Ja, ja. Aber meine Muter war gestorben und meine Familie
zerstört. Wir waren mein Vater, meine Mutter, meine Schwester
und ich gewesen. Von uns vieren überlebten nur zwei:
meine Mutter starb während meiner Gefangenschaft an Magenkrebs.
Mein Schwester starb in Auschwitz
Mein Vater hatte sich
unsterblich in eine junge Frau verliebt, die zu mir arbeiten
kam, er heiratete sie und ich war sehr unglücklich
Auch das ist das Leben
es wäre nicht so tragisch
gewesen, wenn ich nicht von dort gekommen wäre, von wo
ich kam, aber: diese Geschichte nach der anderen
Nach einer solchen Erfahrung ist man natürlich nicht
mehr die selbe. Unabhängig vom Alter, in dem man es erlebte,
hatte man sich zwangsweise verändert. Und ich persönlich
habe nie aufgehört, mir Fragen darüber zu stellen,
was mich umgibt, über die großen Ereignisse und
die Reaktion der einzelnen. Ich fragte mich: "Dieser
Mensch hat dieses oder jenes getan, warum? Es gibt einen Grund,
einen Beweggrund, aber welchen? Und wenn ich ihn kennen würde,
wäre er die Erklärung." Ich versuche immer
nach den Gründen zu fragen - meistens kenne ich sie nicht
und habe keine Antwort, aber ich versuche es und ich glaube,
wenn jeder einzelne von uns versuchen würde, den oder
die anderen zu verstehen, gäbe es vielleicht weniger
Schwierigkeiten.
Meine große Frage ist "Warum?"
Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich den Leuten
raten: "Redet miteinander". Wenn es ein Problem
gibt, welcher Art auch immer, zwischen Freunden, in der Familie
- vor allem in der Familie - lasst es nicht im Glauben, man
solle nur keine Geschichten machen, auf sich beruhen. Man
soll nicht aus einer Maus einen Elefanten machen, aber es
sammelt sich alles an - ich spreche aus Erfahrung - wenn die
Leute geredet hätten, wenn sie sich gleich ausgesprochen
hätten, bei kleinen Angelegenheiten - man soll nicht
schüren, aber eine Aussprache suchen, denn alles sammelt
sich an und irgendwann kommt der schicksalhafte Augenblick,
in dem es explodiert. Ich habe gesehen, wie ganze Familien
zerstört wurden, weil nicht rechtzeitig miteinander geredet
wurde, und es kommt der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr reden
kann: es ist wie eine Glaswand, ein dickes Glas, das einen
trennt, man kann einander sehen, man kann sich bewegen, aber
kein Wort mehr austauschen, die Kommunikation wird unmöglich.
Das ist vielleicht das einzige, was ich zu sagen hätte
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