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Mr. Choumoff ist Überlebender der KZ Mauthausen und
Gusen. Nach dem Krieg arbeitete er als Mathematiker und führender
Wissenschaftler in der Elektronischen Industrie.
Michael Wislocki ist der österreichische Gedenkdiener
an der „Amicale de Mauthausen“ 2008/2009.
Anmerkung: das folgende Interview ist aus dem Französischen
übersetzt, manche Passagen sind der Lesbarkeit halber
leicht umgeschrieben worden.
M.W.: Mr. Choumoff, gehen wir vielleicht zuerst auf die Zeit
vor ihrer Deportation ein und folgen dann schrittweise ihrem
Weg durch das Lagersystem.
Wo haben sie vor ihrer Deportation gewohnt?
S.C.: Ich bin in Paris geboren und habe hier auch gelebt,
bis zu dem Zeitpunkt meiner Verhaftung.
M.W.: Wie kommt es denn, dass sie Polnisch und Russisch sprechen?
S.C.: Ah, das ist eine andere Frage… Meine Eltern sind
beide russischer Abstammung, mein Vater ist 1872 und meine
Mutter 1880 in den polnischen Gebieten die damals zu Russland
gehörten geboren.
Wieso sind sie dann nach Frankreich gekommen?
Mein Vater besuchte das Polytechnikum in St. Petersburg, dort
lernte er viele polnische Mitschüler kennen die die Augen
für die Ungerechtigkeit der Situation in Polen öffneten.
Von da an nahm er Position für Polen und engagierte sich
auch in einer Bewegung die die Unabhängigkeit Polens
forderte.
Nach einigen Jahren wurde er allerdings verhaftet und verbrachte
4 Jahre im Gefängnis. Er wusste, dass er nun nach Sibirien
deportiert werden sollte und entschied sich mit meiner Mutter
nach Frankreich zu fliehen, ein Land das zu diesem Zeitpunkt
eine Insel der Freiheit darstellte.
Sie kamen um 1907 nach Frankreich und zu diesem Zeitpunkt
hatte mein Vater seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen.
Er interessierte sich für die Photographie und gründete
sein eigenes Atelier wo er hauptsächlich als Kunstphotograph
unter anderem für Rodin tätig war. In der Folgezeit
begannen meine Eltern aus Interesse für das Land Polnisch
zu lernen.
1929 wurde es aufgrund der Weltwirtschaftskrise zunehmend
schwerer für meinen Vater Arbeit zu finden. Er unterhielt
aber noch seit seiner Zeit in Russland gute Verbindung zu
namhaften Politikern in Polen, insbesondere zu Marschall Pilsudzki,
dem Präsidenten der in der Zwischenkriegszeit neu gegründeten
Republik Polen.
Als diese nun von seinen Schwierigkeiten hörten luden
sie in ein, nach Polen zu kommen und dort zu arbeiten. 1934
kam er nach Polen und arbeitete in der Direktion einer Fabrik
in Lodz. Er forderte auch meine Mutter und mich (Anm. S.C.
ist 1921 geboren) auf zu ihm zu kommen. Wir kamen also 1935
nach Polen, das war allerdings schon ziemlich spät, weil
mein Vater 1936 recht schnell gestorben ist, was bewirkte,
dass ich nur ungefähr 18 Monate in Polen blieb. Dort
lernte ich auch Polnisch und besuchte eine technische Schule,
nach dem Tod meines Vaters kehrte ich allerdings nach Frankreich
zurück. Unsere Familie war zu diesem Zeitpunkt sehr knapp
bei Geld und ich musste neben der Schule auch arbeiten. Ich
besuchte Kurse am „ Conservatoire des arts et metiers
» und an einer technischen Schule für Radioelektrizität,
wo ich auch ein Diplom bekam. Deswegen war ich auch, als ich
nach Mauthausen kam, trotz meines jungen Alters ein Berufshäftling
– was einen enormen Vorteil darstellte: die die keine
Ausbildung vorweisen konnten mussten im Steinbruch arbeiten,
während wir Elektromechaniker für anspruchsvollere
Arbeiten vorgesehen waren. Die SS wollte unsere Fähigkeiten
in der Kriegswirtschaft nutzen – ich arbeitete unter
anderem in den Steyer-Werken, doch dazu später…
Wieso wurde ich eigentlich deportiert?
Ich hätte in Frankreich mobilisiert werden sollen, allerdings
war es dann schon zu spät, Frankreich war 1940 sehr schnell
besiegt und von den Deutschen besetzt worden.
Ich wollte in die Résistance eintreten und habe auch
Mitglieder derselben kennen gelernt – sie brauchten
ein Funkgerät um Kontakt mit London zu haben. Sie fragten
mich ob ich ihnen gewisse Teile dazu nicht beschaffen könnte
– man konnte diese natürlich nicht einfach so kaufen,
aber einige, wie elektronische Röhren, wurden auch in
der Medizin verwendet. Ende 1940 konnte ich schlussendlich
eine der gewünschten Lampen für die Résistancekämpfer
beschaffen.
Da ich alleine war, meine Mutter ist in Polen geblieben, musste
ich selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen, was
mir unmöglich machte in die Résistance zu gehen
– eine Vorraussetzung war, dass man genügend abgesichert
war um sein Überleben zu sichern.
Sehr viel später, am 11 März 1942 wurde ich verhaftet,
nachdem die Behörden meine Beteiligung an dieser Untergrundaktion
entdeckten.
Ich wurde von den französischen Polizei verhaften, an
die Gestapo ausgeliefert und in mehreren Gefängnissen
inhaftiert, unter anderen das berüchtigte Fort von Romainville
(Frontstalag 122). Dort hätte ich am 21 September 1942
im Rahmen einer Massenexekution erschossen werden sollen.
Wie durch ein Wunder überlebte ich aufgrund eines glücklichen
Zufalls: Der Anfangsbuchstabe meines Namens schreibt sich
auf französisch mit einem C, auf deutsch jedoch mit einem
S. Dies bewirkte, dass ich in der alphabetischen Reihenfolge
gegen Ende gereiht wurde und von den vorgesehenen 116 Sühnepersonen
wurden nur 46 erschossen.
So bin ich am Leben geblieben und wurde später, als die
Entscheidung erfolgte, die übrigen Häftlinge nach
Mauthausen zu deportieren, in einer besonderen Kategorie eingestuft:
NN – Nacht und Nebel. Meine Deportation beginnt am 1
April 1943.
Wir wurden nicht in Viehwaggons eingepfercht, sondern mit
Fesseln in Passagier und Postwaggons unter Aufsicht der Feldgendarmerie
transportiert.
M.W.: Was war ihr Parcours in dem Lagersystem?
S.C.: Ich wurde zuerst direkt nach Mauthausen deportiert,
dort wurde ich, wie bereits erwähnt, nicht für die
Arbeit in dem Steinbruch eingeteilt, sondern arbeitete ab
Ende April in den Steyer-Werken in Gusen als Werkzeugkontroller.
M.W.: Das war sicher weniger anstrengend…
S.C.: Natürlich, vor allem weil wir untertags arbeiteten,
aber es war trotzdem nicht einfach, besonders wenn man an
den Maschinen selbst arbeitete, ich musste ungefähr 400
davon pro Tag kontrollieren. Dann wurde ich Werkzeugkontroller
und bin es für mehr als ein Jahr geblieben. Ich lernte
den Radioelektriker des Lager kennen, Arnold Deppe, er reparierte
die Funkgeräte der SS. Nebenbei war er auch ein NN und
als im Juni 44 ein Transport der NNs nach Strutthof abging,
überließ er seinen Posten, den ich übernahm.
Der Kommandoführer des Elektrikerkommandos war ein gewisser
Kölbl, der ein Geschäft in Linz betrieb, und für
dieses manchmal kleinere Gegenstände mitgehen ließ.
Radioelektriker: das war eine komplette Veränderung meiner
Situation moraltechnisch und auch sonst. Jetzt war ich in
der Lage heimlich die Nachrichten abzuhören. Das war
nicht einfach, aber ich habe mich arrangieren können.
Als ich beispielsweise ein Funkgerät von einem SS bekommen
habe, reparierte ich es, aber ohne es ihm zu sagen. Stattdessen
behauptete ich, ich wäre nicht in der Lage es zu reparieren
wenn ich keine Kopfhörer hätte – und so bekam
ich tatsächlich das Recht mir Kopfhörer für
ein paar Minuten zu nehmen und ein wenig zu hören. Nach
einiger Zeit hatte ich die Zeiten der BBC Transmissionen heraus,
ganz kurze für Résistancekämpfer in von Deutschen
besetzten Gebieten bestimmte Berichte, in verschiedenen Sprachen:
das Polnisch und Tschechisch half mir dabei – der polnische
Bericht war um 9:20 am Morgen und der tschechische um 10 Uhr
glaube ich.
Ich hatte also ein richtiges Stratagem entwickelt, es gab
in dem Raum in dem ich arbeitete eine Uhr und ich konnte es
so einrichten, dass ich immer um diese Zeit die Kopfhörer
bekam.
Die SS hatte mir angedroht mich auf der Stelle zu erschießen
wenn sie Wind davon bekämen, dass ich etwas Unerlaubtes
machte.
Ich übermittelte die Nachrichten die ich aufschnappte
auch an meine Kameraden, insbesondere an einen Schriftsteller
namens Jean Cayrol.
Es gab auch andere Möglichkeiten Radio zu hören:
jedes SS Mitglied hatte sein eigenes, und während des
Tages, als sie ihren Funktionen nachgingen kamen die jungen
Häftlinge, „Schwung“ genannt, die ihre Wohnungen
aufräumten. Da sie dabei nicht beaufsichtigt wurden,
konnten sie die Nachrichten anhören. Ich hatte also im
Falle eines Lecks die Möglichkeit den SS zu sagen, dass
die Nachrichten nicht von mir kamen, da ich ja beaufsichtigt
wurde, sondern von jemandem anderen.
Ich konnte also bis zu der Befreiung heimlich Radio hören,
und ich erinnere mich genau, wie ich, es war schon ’45
auf dem Radio Linz die Ankündigung „Panzergefahr“
gehört habe. Das war zu dem Zeitpunkt als die Russen
und andere Alliierte schon auf das Gebiet Österreichs
vorgedrungen waren.
Dieses Radiohören war von großem Wert für
mich, es gab mir einen moralischen Panzer gegen die SS und
meine Umgebung, und Aussicht auf ein rasches Ende.
Aber nun kommen wir zu der Befreiung…
Ah noch eine Sache zu der Informationsbeschaffung –
wie ich die Nachrichten an die anderen weitergeben konnte.
Ich musste ja sehr Acht geben, dass die SS nicht bemerkten,
dass ich der Ausgangspunkt für die Informationen war.
Jean Cayrol, hat kurz nach dem Krieg seine Memoiren veröffentlicht,
in denen beschreibt er eingehend wie das vor sich ging:
Im Falle eines Bombardements wurden die Häftlinge in
die Stollen „Kellerbau“ bei Gusen I geführt,
dort wo sich auch die Produktion befand. (Anm. S. Choumoff
ist kurz nach seiner Ankunft in Mauthausen nach Gusen I weitergeleitet
worden) Wir waren also plötzlich zu hunderten in diesen
Stollen, die SS bewachte nur die Eingänge, während
wir miteinander reden konnten.
In solchen Fällen traf ich manchmal meinen Kollegen Cayrol,
den ich ja sonst den ganzen Tag lang nicht sah, und konnte
ihm die Neuigkeiten mitteilen. Man konnte dann nicht feststellen
von wo die Nachricht kam, und manchmal kam es sogar so weit,
dass die SS Nachrichten von historischer Bedeutung, wie zum
Beispiel die Befreiung von Paris, „durch die Stollen“
erfuhr.
In diesem besonderen Fall, war die Führung so wütend
darüber, dass sie für einige Zeit alle Radios einzogen…
Also die Befreiung – wir waren bei der Meldung „Panzergefahr“,
es gab also ab diesem Zeitpunkt alliierte Verbände die
von Westen und Osten in Richtung Linz und Mauthausen vorstießen.
Eine solche Patrouille, 23 Männer der 11 amerikanischen
Panzerdivision kamen auch am 5 Mai nach Mauthausen. (Anm.
Am 28 April 1945 wurde S. Choumoff wieder nach Mauthausen
versetzt)
Wo befand ich mich zu diesem Zeitpunkt?
In den letzten Tagen des Bestehens des Lagers wurde das „Comité
francais“ gegründet, ich arbeitete in dessen Sekretariat,
wir waren eine Gruppe von 49 Personen die Kontakt zu anderen
Nationalitäten unterhielten und versuchten so viele Dokumente
wie möglich zu erhalten. Wegen meiner bescheidenen Kenntnis
der Sprachen konnten wir sofort Kontakt zu dieser Patrouille
aufnehmen, deren Führer ein gewisser Sergeant Albert
Kozek war, selbst polnischer Abstammung.
Wir haben auch sofort beschlossen selbst die Waffen zu ergreifen,
wir fanden relativ schnell heraus wo sich das Waffendepot
in der Kommandantur befand und wir sind also bewaffnet zurückgekommen,
durch das Garagentor, wo ich mithalf den Reichsadler zu stürzen
– es gibt dieses Photo.
M.W.: Zu diesem Zeitpunkt war die SS bereits verschwunden?
S.C.: Ja, die Befreiung fand ja am 5 Mai etwa zu Mittag statt,
die SS ist schon am 3 Mai aufgebrochen, sie wurden von der
Feuerwehr und Reservisten aus Wien ersetzt, die auf uns aufpassen
sollten. Auf den Photos von der Befreiung sieht man genau,
dass es keine SS-Männer waren.
Also am 5 war das Gros der amerikanischen Armee noch nicht
da, und diese Patrouille, wir wussten es, sollte auch schnell
abberufen werden. Sie haben sich dann gegen 5 Uhr aufgemacht,
in den paar Stunden haben sie aber eine Bestandaufnahme der
überwältigenden Probleme gemacht: die Häftlinge
waren fast verhungert und es war sehr schwer für Ordnung
unter ihnen zu sorgen. Die Amerikaner ließen also die
Truppen aus Wien so lange als Bewacher da, bis sie sie selbst
abführten, in Summe eskortierten diese 23 Männer
circa 1500 Österreicher.
Wir waren ganz alleine, und mussten nun selbst für Ordnung
sorgen, für 24 Stunden allerdings nur, weil uns schon
am 6 Mai um 18 Uhr die Waffen wieder abgenommen wurden.
Unter den Häftlingen waren ja neben Résistancekämpfern
und Juden auch normale Verbrecher, wir fürchteten dass
sich die Zustände noch verschlimmern konnten durch Raub
und Verwüstung….
M.W.: Was haben sie in der Zeit nach der Befreiung gemacht?
Also in den Tagen die auf die Befreiung folgten erstellten
wir, dieses Comité, sofort diverse Listen und Dokumente,
Listen mit den Überlebenden, denen die Hilfe am nötigsten
hätten, diese gaben wir dann dem roten Kreuz, wir waren
also sehr gefordert in dieser Zeit…
Einerseits mussten wir uns um die Überlebenden kümmern
und anderseits so viele Beweise wie möglich erhalten.
Ich bin noch etwas länger geblieben um mich um die ganzen
Angelegenheiten in Mauthausen zu kümmern, schlussendlich
kam ich dann über die Vermittlung der französischen
Besatzungszone in Ravenburg nach Paris zurück, am 30
Mai, wir wurden nicht von dem roten Kreuz per Flugzeug repatriiert
wie viele andere.
Auf jeden Fall merkte man bald nach unser Rückkehr, dass
es viel zu wenig Daten über den Verbleib unser Kameraden
gab, insbesondere die, die im Revier waren – die Kranken.
Die Amerikaner stellten das Revier sofort unter Quarantäne,
aufgrund der Seuchengefahr war es für den Rest der Häftlingen
verboten dorthin zu gehen, wir die Mitglieder des Comités
durften uns dort frei bewegen – wir versuchten vor allem
die schwerkranken französischen Häftlinge ausfindig
zu machen.
In Paris angekommen, schickte uns der Minister sofort zurück
nach Mauthausen, unter der Führung von Emile Valley (Anm.
Emile ist dann der Generalsekretär der Amicale de Mauthausen
geworden). Wir verbrachten also einige Tage in Mauthausen
und fertigten Listen an, dann hieß es für mich
endgültig nach Frankreich zurückzukehren.
Ich musste mich wieder dem Leben stellen – 1946 konnte
ich meine Matura nachholen, Anfang 47 bekam ich mein erstes
Diplom in Mathematik. Es stellte sich leider heraus, dass
ich an Tuberkulose erkrankt bin und ich musste meine Studien
aufgeben und an ein Sanatorium gehen.
M.W.: Wann sind sie wieder nach Mauthausen zurückgekehrt?
S.C.: Also, das erste Mal gleich zwei Tage später, aber
dann erst wieder im Mai 1960 – ich nahm an einer Reise
der Amicale nach Mauthausen teil. Wir besuchten auch Gusen,
wo wir den Bau eines Monuments initiierten und zu der Einsicht
kamen, dass man die Gedenkstelle unbedingt renovieren müsse.
Dieses Memorial haben wir 1977 dann dem Bundesdenkmalamt überlassen.
M.W.: Was denken sie von der Gedenkarbeit, die heute in Österreich
und Deutschland getan wird?
S.C.: Hier möchte ich besonders die Verdienste Deutschlands
hervorheben – ich war immer sehr anerkennend für
die Arbeit die in Deutschland geleistet wird. Man nimmt diese
Sache sehr ernst in Deutschland – in Frankreich war
es lange Zeit nicht einfach, es gab Historiker, die sagten
es hätte keine Gaskammern in Mauthausen gegeben.
Vor kurzem gab es ein Treffen in Berlin, anlässlich des
25 Jahrestages der Erscheinung eines Buches, das es in Deutsch,
Französisch und Englisch gibt – wo zum ersten Mal
halbwegs genaue Zeitpunkt der ersten Vergasungen durch die
Deutschen festgelegt werden konnte. Das begann gleich nach
dem Anfang des Krieges, im September war der Überfall
auf Polen und im Oktober gab es bereits die ersten Vergasungen.
Dieses Symposium wurde von Deutschland sehr unterstützt.
M.W.: Monsieur Choumoff, vielen Dank für dieses ausführliche
Interview!
© 2009 Amicale de Mauthausen, Verein für Dienste
im Ausland
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