Interview mit Mr. Serge Choumoff
von Michael Wislocki am 13.1.2009

 

Mr. Choumoff ist Überlebender der KZ Mauthausen und Gusen. Nach dem Krieg arbeitete er als Mathematiker und führender Wissenschaftler in der Elektronischen Industrie.
Michael Wislocki ist der österreichische Gedenkdiener an der „Amicale de Mauthausen“ 2008/2009.

Anmerkung: das folgende Interview ist aus dem Französischen übersetzt, manche Passagen sind der Lesbarkeit halber leicht umgeschrieben worden.

M.W.: Mr. Choumoff, gehen wir vielleicht zuerst auf die Zeit vor ihrer Deportation ein und folgen dann schrittweise ihrem Weg durch das Lagersystem.
Wo haben sie vor ihrer Deportation gewohnt?

S.C.: Ich bin in Paris geboren und habe hier auch gelebt, bis zu dem Zeitpunkt meiner Verhaftung.

M.W.: Wie kommt es denn, dass sie Polnisch und Russisch sprechen?

S.C.: Ah, das ist eine andere Frage… Meine Eltern sind beide russischer Abstammung, mein Vater ist 1872 und meine Mutter 1880 in den polnischen Gebieten die damals zu Russland gehörten geboren.
Wieso sind sie dann nach Frankreich gekommen?
Mein Vater besuchte das Polytechnikum in St. Petersburg, dort lernte er viele polnische Mitschüler kennen die die Augen für die Ungerechtigkeit der Situation in Polen öffneten.
Von da an nahm er Position für Polen und engagierte sich auch in einer Bewegung die die Unabhängigkeit Polens forderte.
Nach einigen Jahren wurde er allerdings verhaftet und verbrachte 4 Jahre im Gefängnis. Er wusste, dass er nun nach Sibirien deportiert werden sollte und entschied sich mit meiner Mutter nach Frankreich zu fliehen, ein Land das zu diesem Zeitpunkt eine Insel der Freiheit darstellte.
Sie kamen um 1907 nach Frankreich und zu diesem Zeitpunkt hatte mein Vater seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Er interessierte sich für die Photographie und gründete sein eigenes Atelier wo er hauptsächlich als Kunstphotograph unter anderem für Rodin tätig war. In der Folgezeit begannen meine Eltern aus Interesse für das Land Polnisch zu lernen.
1929 wurde es aufgrund der Weltwirtschaftskrise zunehmend schwerer für meinen Vater Arbeit zu finden. Er unterhielt aber noch seit seiner Zeit in Russland gute Verbindung zu namhaften Politikern in Polen, insbesondere zu Marschall Pilsudzki, dem Präsidenten der in der Zwischenkriegszeit neu gegründeten Republik Polen.
Als diese nun von seinen Schwierigkeiten hörten luden sie in ein, nach Polen zu kommen und dort zu arbeiten. 1934 kam er nach Polen und arbeitete in der Direktion einer Fabrik in Lodz. Er forderte auch meine Mutter und mich (Anm. S.C. ist 1921 geboren) auf zu ihm zu kommen. Wir kamen also 1935 nach Polen, das war allerdings schon ziemlich spät, weil mein Vater 1936 recht schnell gestorben ist, was bewirkte, dass ich nur ungefähr 18 Monate in Polen blieb. Dort lernte ich auch Polnisch und besuchte eine technische Schule, nach dem Tod meines Vaters kehrte ich allerdings nach Frankreich zurück. Unsere Familie war zu diesem Zeitpunkt sehr knapp bei Geld und ich musste neben der Schule auch arbeiten. Ich besuchte Kurse am „ Conservatoire des arts et metiers » und an einer technischen Schule für Radioelektrizität, wo ich auch ein Diplom bekam. Deswegen war ich auch, als ich nach Mauthausen kam, trotz meines jungen Alters ein Berufshäftling – was einen enormen Vorteil darstellte: die die keine Ausbildung vorweisen konnten mussten im Steinbruch arbeiten, während wir Elektromechaniker für anspruchsvollere Arbeiten vorgesehen waren. Die SS wollte unsere Fähigkeiten in der Kriegswirtschaft nutzen – ich arbeitete unter anderem in den Steyer-Werken, doch dazu später…
Wieso wurde ich eigentlich deportiert?
Ich hätte in Frankreich mobilisiert werden sollen, allerdings war es dann schon zu spät, Frankreich war 1940 sehr schnell besiegt und von den Deutschen besetzt worden.
Ich wollte in die Résistance eintreten und habe auch Mitglieder derselben kennen gelernt – sie brauchten ein Funkgerät um Kontakt mit London zu haben. Sie fragten mich ob ich ihnen gewisse Teile dazu nicht beschaffen könnte – man konnte diese natürlich nicht einfach so kaufen, aber einige, wie elektronische Röhren, wurden auch in der Medizin verwendet. Ende 1940 konnte ich schlussendlich eine der gewünschten Lampen für die Résistancekämpfer beschaffen.
Da ich alleine war, meine Mutter ist in Polen geblieben, musste ich selbst für meinen Lebensunterhalt aufkommen, was mir unmöglich machte in die Résistance zu gehen – eine Vorraussetzung war, dass man genügend abgesichert war um sein Überleben zu sichern.
Sehr viel später, am 11 März 1942 wurde ich verhaftet, nachdem die Behörden meine Beteiligung an dieser Untergrundaktion entdeckten.
Ich wurde von den französischen Polizei verhaften, an die Gestapo ausgeliefert und in mehreren Gefängnissen inhaftiert, unter anderen das berüchtigte Fort von Romainville (Frontstalag 122). Dort hätte ich am 21 September 1942 im Rahmen einer Massenexekution erschossen werden sollen.
Wie durch ein Wunder überlebte ich aufgrund eines glücklichen Zufalls: Der Anfangsbuchstabe meines Namens schreibt sich auf französisch mit einem C, auf deutsch jedoch mit einem S. Dies bewirkte, dass ich in der alphabetischen Reihenfolge gegen Ende gereiht wurde und von den vorgesehenen 116 Sühnepersonen wurden nur 46 erschossen.
So bin ich am Leben geblieben und wurde später, als die Entscheidung erfolgte, die übrigen Häftlinge nach Mauthausen zu deportieren, in einer besonderen Kategorie eingestuft: NN – Nacht und Nebel. Meine Deportation beginnt am 1 April 1943.
Wir wurden nicht in Viehwaggons eingepfercht, sondern mit Fesseln in Passagier und Postwaggons unter Aufsicht der Feldgendarmerie transportiert.


M.W.: Was war ihr Parcours in dem Lagersystem?

S.C.: Ich wurde zuerst direkt nach Mauthausen deportiert, dort wurde ich, wie bereits erwähnt, nicht für die Arbeit in dem Steinbruch eingeteilt, sondern arbeitete ab Ende April in den Steyer-Werken in Gusen als Werkzeugkontroller.

M.W.: Das war sicher weniger anstrengend…

S.C.: Natürlich, vor allem weil wir untertags arbeiteten, aber es war trotzdem nicht einfach, besonders wenn man an den Maschinen selbst arbeitete, ich musste ungefähr 400 davon pro Tag kontrollieren. Dann wurde ich Werkzeugkontroller und bin es für mehr als ein Jahr geblieben. Ich lernte den Radioelektriker des Lager kennen, Arnold Deppe, er reparierte die Funkgeräte der SS. Nebenbei war er auch ein NN und als im Juni 44 ein Transport der NNs nach Strutthof abging, überließ er seinen Posten, den ich übernahm.
Der Kommandoführer des Elektrikerkommandos war ein gewisser Kölbl, der ein Geschäft in Linz betrieb, und für dieses manchmal kleinere Gegenstände mitgehen ließ.
Radioelektriker: das war eine komplette Veränderung meiner Situation moraltechnisch und auch sonst. Jetzt war ich in der Lage heimlich die Nachrichten abzuhören. Das war nicht einfach, aber ich habe mich arrangieren können. Als ich beispielsweise ein Funkgerät von einem SS bekommen habe, reparierte ich es, aber ohne es ihm zu sagen. Stattdessen behauptete ich, ich wäre nicht in der Lage es zu reparieren wenn ich keine Kopfhörer hätte – und so bekam ich tatsächlich das Recht mir Kopfhörer für ein paar Minuten zu nehmen und ein wenig zu hören. Nach einiger Zeit hatte ich die Zeiten der BBC Transmissionen heraus, ganz kurze für Résistancekämpfer in von Deutschen besetzten Gebieten bestimmte Berichte, in verschiedenen Sprachen: das Polnisch und Tschechisch half mir dabei – der polnische Bericht war um 9:20 am Morgen und der tschechische um 10 Uhr glaube ich.
Ich hatte also ein richtiges Stratagem entwickelt, es gab in dem Raum in dem ich arbeitete eine Uhr und ich konnte es so einrichten, dass ich immer um diese Zeit die Kopfhörer bekam.
Die SS hatte mir angedroht mich auf der Stelle zu erschießen wenn sie Wind davon bekämen, dass ich etwas Unerlaubtes machte.
Ich übermittelte die Nachrichten die ich aufschnappte auch an meine Kameraden, insbesondere an einen Schriftsteller namens Jean Cayrol.
Es gab auch andere Möglichkeiten Radio zu hören: jedes SS Mitglied hatte sein eigenes, und während des Tages, als sie ihren Funktionen nachgingen kamen die jungen Häftlinge, „Schwung“ genannt, die ihre Wohnungen aufräumten. Da sie dabei nicht beaufsichtigt wurden, konnten sie die Nachrichten anhören. Ich hatte also im Falle eines Lecks die Möglichkeit den SS zu sagen, dass die Nachrichten nicht von mir kamen, da ich ja beaufsichtigt wurde, sondern von jemandem anderen.
Ich konnte also bis zu der Befreiung heimlich Radio hören, und ich erinnere mich genau, wie ich, es war schon ’45 auf dem Radio Linz die Ankündigung „Panzergefahr“ gehört habe. Das war zu dem Zeitpunkt als die Russen und andere Alliierte schon auf das Gebiet Österreichs vorgedrungen waren.
Dieses Radiohören war von großem Wert für mich, es gab mir einen moralischen Panzer gegen die SS und meine Umgebung, und Aussicht auf ein rasches Ende.
Aber nun kommen wir zu der Befreiung…

Ah noch eine Sache zu der Informationsbeschaffung – wie ich die Nachrichten an die anderen weitergeben konnte. Ich musste ja sehr Acht geben, dass die SS nicht bemerkten, dass ich der Ausgangspunkt für die Informationen war. Jean Cayrol, hat kurz nach dem Krieg seine Memoiren veröffentlicht, in denen beschreibt er eingehend wie das vor sich ging:
Im Falle eines Bombardements wurden die Häftlinge in die Stollen „Kellerbau“ bei Gusen I geführt, dort wo sich auch die Produktion befand. (Anm. S. Choumoff ist kurz nach seiner Ankunft in Mauthausen nach Gusen I weitergeleitet worden) Wir waren also plötzlich zu hunderten in diesen Stollen, die SS bewachte nur die Eingänge, während wir miteinander reden konnten.
In solchen Fällen traf ich manchmal meinen Kollegen Cayrol, den ich ja sonst den ganzen Tag lang nicht sah, und konnte ihm die Neuigkeiten mitteilen. Man konnte dann nicht feststellen von wo die Nachricht kam, und manchmal kam es sogar so weit, dass die SS Nachrichten von historischer Bedeutung, wie zum Beispiel die Befreiung von Paris, „durch die Stollen“ erfuhr.
In diesem besonderen Fall, war die Führung so wütend darüber, dass sie für einige Zeit alle Radios einzogen…

Also die Befreiung – wir waren bei der Meldung „Panzergefahr“, es gab also ab diesem Zeitpunkt alliierte Verbände die von Westen und Osten in Richtung Linz und Mauthausen vorstießen. Eine solche Patrouille, 23 Männer der 11 amerikanischen Panzerdivision kamen auch am 5 Mai nach Mauthausen. (Anm. Am 28 April 1945 wurde S. Choumoff wieder nach Mauthausen versetzt)

Wo befand ich mich zu diesem Zeitpunkt?

In den letzten Tagen des Bestehens des Lagers wurde das „Comité francais“ gegründet, ich arbeitete in dessen Sekretariat, wir waren eine Gruppe von 49 Personen die Kontakt zu anderen Nationalitäten unterhielten und versuchten so viele Dokumente wie möglich zu erhalten. Wegen meiner bescheidenen Kenntnis der Sprachen konnten wir sofort Kontakt zu dieser Patrouille aufnehmen, deren Führer ein gewisser Sergeant Albert Kozek war, selbst polnischer Abstammung.
Wir haben auch sofort beschlossen selbst die Waffen zu ergreifen, wir fanden relativ schnell heraus wo sich das Waffendepot in der Kommandantur befand und wir sind also bewaffnet zurückgekommen, durch das Garagentor, wo ich mithalf den Reichsadler zu stürzen – es gibt dieses Photo.

M.W.: Zu diesem Zeitpunkt war die SS bereits verschwunden?

S.C.: Ja, die Befreiung fand ja am 5 Mai etwa zu Mittag statt, die SS ist schon am 3 Mai aufgebrochen, sie wurden von der Feuerwehr und Reservisten aus Wien ersetzt, die auf uns aufpassen sollten. Auf den Photos von der Befreiung sieht man genau, dass es keine SS-Männer waren.
Also am 5 war das Gros der amerikanischen Armee noch nicht da, und diese Patrouille, wir wussten es, sollte auch schnell abberufen werden. Sie haben sich dann gegen 5 Uhr aufgemacht, in den paar Stunden haben sie aber eine Bestandaufnahme der überwältigenden Probleme gemacht: die Häftlinge waren fast verhungert und es war sehr schwer für Ordnung unter ihnen zu sorgen. Die Amerikaner ließen also die Truppen aus Wien so lange als Bewacher da, bis sie sie selbst abführten, in Summe eskortierten diese 23 Männer circa 1500 Österreicher.
Wir waren ganz alleine, und mussten nun selbst für Ordnung sorgen, für 24 Stunden allerdings nur, weil uns schon am 6 Mai um 18 Uhr die Waffen wieder abgenommen wurden.
Unter den Häftlingen waren ja neben Résistancekämpfern und Juden auch normale Verbrecher, wir fürchteten dass sich die Zustände noch verschlimmern konnten durch Raub und Verwüstung….

M.W.: Was haben sie in der Zeit nach der Befreiung gemacht?

Also in den Tagen die auf die Befreiung folgten erstellten wir, dieses Comité, sofort diverse Listen und Dokumente, Listen mit den Überlebenden, denen die Hilfe am nötigsten hätten, diese gaben wir dann dem roten Kreuz, wir waren also sehr gefordert in dieser Zeit…
Einerseits mussten wir uns um die Überlebenden kümmern und anderseits so viele Beweise wie möglich erhalten. Ich bin noch etwas länger geblieben um mich um die ganzen Angelegenheiten in Mauthausen zu kümmern, schlussendlich kam ich dann über die Vermittlung der französischen Besatzungszone in Ravenburg nach Paris zurück, am 30 Mai, wir wurden nicht von dem roten Kreuz per Flugzeug repatriiert wie viele andere.
Auf jeden Fall merkte man bald nach unser Rückkehr, dass es viel zu wenig Daten über den Verbleib unser Kameraden gab, insbesondere die, die im Revier waren – die Kranken.
Die Amerikaner stellten das Revier sofort unter Quarantäne, aufgrund der Seuchengefahr war es für den Rest der Häftlingen verboten dorthin zu gehen, wir die Mitglieder des Comités durften uns dort frei bewegen – wir versuchten vor allem die schwerkranken französischen Häftlinge ausfindig zu machen.
In Paris angekommen, schickte uns der Minister sofort zurück nach Mauthausen, unter der Führung von Emile Valley (Anm. Emile ist dann der Generalsekretär der Amicale de Mauthausen geworden). Wir verbrachten also einige Tage in Mauthausen und fertigten Listen an, dann hieß es für mich endgültig nach Frankreich zurückzukehren.
Ich musste mich wieder dem Leben stellen – 1946 konnte ich meine Matura nachholen, Anfang 47 bekam ich mein erstes Diplom in Mathematik. Es stellte sich leider heraus, dass ich an Tuberkulose erkrankt bin und ich musste meine Studien aufgeben und an ein Sanatorium gehen.

M.W.: Wann sind sie wieder nach Mauthausen zurückgekehrt?

S.C.: Also, das erste Mal gleich zwei Tage später, aber dann erst wieder im Mai 1960 – ich nahm an einer Reise der Amicale nach Mauthausen teil. Wir besuchten auch Gusen, wo wir den Bau eines Monuments initiierten und zu der Einsicht kamen, dass man die Gedenkstelle unbedingt renovieren müsse.
Dieses Memorial haben wir 1977 dann dem Bundesdenkmalamt überlassen.

M.W.: Was denken sie von der Gedenkarbeit, die heute in Österreich und Deutschland getan wird?

S.C.: Hier möchte ich besonders die Verdienste Deutschlands hervorheben – ich war immer sehr anerkennend für die Arbeit die in Deutschland geleistet wird. Man nimmt diese Sache sehr ernst in Deutschland – in Frankreich war es lange Zeit nicht einfach, es gab Historiker, die sagten es hätte keine Gaskammern in Mauthausen gegeben.
Vor kurzem gab es ein Treffen in Berlin, anlässlich des 25 Jahrestages der Erscheinung eines Buches, das es in Deutsch, Französisch und Englisch gibt – wo zum ersten Mal halbwegs genaue Zeitpunkt der ersten Vergasungen durch die Deutschen festgelegt werden konnte. Das begann gleich nach dem Anfang des Krieges, im September war der Überfall auf Polen und im Oktober gab es bereits die ersten Vergasungen.
Dieses Symposium wurde von Deutschland sehr unterstützt.

M.W.: Monsieur Choumoff, vielen Dank für dieses ausführliche Interview!

© 2009 Amicale de Mauthausen, Verein für Dienste im Ausland