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Persönliche Daten:
Robert Hébras, geboren am 29. Juni 1925, verheiratet, 1 Sohn, wohnhaft in Saint Junien
Information: Das Interview wurde von mir auf Kassette aufgenommen und in weiterer Folge direkt von der Aufnahme transkribiert. Alles, was Herr Hébras gesagt hat, auch wenn es Wiederholungen gab, ist in seiner originalen Formulierung belassen. (Interview wurde in französischer Sprache geführt.)
Diese Deutsche Version versteht sich als deutsche ‘Version‘ und nicht unbedingt als perfekte, wörtliche Übersetzung. (Für Ausbesserungen bzw. Anmerkungen zu der deutschen Version bin ich natürlich sehr froh.)
1) Vor dem 10. Juni 1944:
I: Was haben Sie in Ihrem Leben vor dem 10. Juni gemacht?
Robert Hébras: Vor dem 10. Juni..., also zuerst einmal, ich bin in Oradour geboren. Ich bin ein Kind aus Oradour. Ich habe meine ganze Kindheit und meine Jugend in Oradour gelebt.
Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater war bei der Bahn angestellt. Meine Mutter war Hausfrau, wir waren 4 Kinder. Ich habe glücklich in meiner Jugend gelebt. Ich habe eine glückliche Kindheit gehabt. Ich bin zur Gemeindeschule gegangen, wie alle anderen auch; habe hier meine Kommunion erhalten. Zu dieser Zeit, kann man sagen, daß alle, also praktisch alle Kinder des Dorfes,... wir sind zur Kirche gegangen. Wir sind katholisch. Wir haben unsere Kommunion alle gemeinsam erhalten.
Während meiner Kindheit habe ich im Dorf mit meinen Freunden gespielt. Alle Spiele, die es so gibt, wenn man 10 oder 12 Jahre alt ist. Und dann,... die Jugendzeit... Das Verlassen der Schule. Nach dem Verlassen der Schule muß man natürlich in das Arbeitsleben eintreten. Meine Eltern konnten mich nicht mehr länger zur Schule schicken. Also bin ich ins Arbeitsleben eingetreten. Ich wußte nicht, was ich tun werde. Als ich aus der Schule heraus ging, machte ich... also mein Kindeswunsch war es, Konditor zu sein - das war mit 14 Jahren.
Nach dem ich mein Schulzeugnis bekommen hatte, verließ ich die Schule und ich wollte den Beruf des Konditors ausüben. Das war etwas, worauf ich wirklich Lust hatte, und dann, schrecklicherweise, kam der Krieg und der Konditor konnte mich nicht als Lehrling nehmen.
I: War dies, weil kein Geld für die Bezahlung des Lehrlings vorhanden war?
Robert Hébras: Nein, einfach weil Krieg war und der Konditor einen Lehrling als nicht notwendig erachtete. Da waren die Restriktionen, es war Krieg. Das war ein Luxus. Die Konditorei war ein Luxus. Vor allem in dieser Zeit. Der Konditor hat mir gesagt: „ Ich kann dich nicht als Lehrling nehmen. Ich weiß nicht, was passieren wird. Ich werde vielleicht keine Kekse mehr machen. Das ist auch, was passiert ist. Ja, und dann hab ich überlegt, was ich machen werde. Mein Vater versuchte mir eine Arbeit zu suchen. Gegenüber von uns, gab es einen Notar. Der Notar hat zu meinem Vater gesagt: „Damit er nicht in den Straßen herumläuft, brauchen Sie ihn nur zu mir schicken.“ Also bin ich zum Notar gegangen. Er hat versucht, mir Maschineschreiben bei zu bringen. Ich bin 3 Monate beim Notar geblieben, aber das war nicht etwas, was mir viel Spaß machte. Ich war eingeschlossen aber ich fühlte mich in einem so kleinen geschlossenen Arbeitsraum nicht wohl. Und dann habe ich mich entschlossen, den Beruf des Mechanikers auszuüben. Und da war es ungefähr gleich. Ich hab in Oradour in einer Werkstatt angefangen, die Autowerkstatt Poutaraud, und da war es wieder dasselbe. Die Arbeit war nicht sehr wichtig. Es war Krieg. Es war 1940, der 2. Jänner 1940, als ich meine Lehre als Mechaniker angefangen hab. Und ich bin in der Werkstatt Poutaraud bis September oder Oktober geblieben. Und dann gab es nicht wirklich mehr Arbeit. Ich hatte einen Freund, der mir in einer Werkstatt in Limoges einen Platz als Mechanikerlehrling gefunden hat. Ich fuhr jeden Tag nach Limoges. Ich nahm die Tramway am Morgen und ich bin am Abend wieder zurückgefahren. Ich aß mittags in Limoges im Restaurant. Ab diesem Zeitpunkt, habe ich wirklich meinen Beruf als Mechaniker begonnen.
I: Wie viele Tage pro Woche arbeiteten Sie? 5 Tage?
Robert Hébras: Pro Woche arbeiteten wir 6 Tage. Ja, zu dieser Zeit arbeiteten wir 6 Tage pro Woche; auch als ich in Oradour war, als ich in der Werkstatt Poutaraud arbeitete, arbeitete ich 7 Tage pro Woche. Weil in Oradour, war dies nicht die Arbeit des Mechanikers, die viel nachgefragt wurde, aber Herr Poutaraud hatte viele Kinder und ich war oft Babysitter. Und ich bekam Essen. Für meine Eltern war dies eine wichtige Sache, daß ich ernährt wurde. Das bedeutete einen Kopf weniger ernähren zu müssen in der Familie. Weil es gab klarerweise in Wirklichkeit nur ein Gehalt. Danach bin ich nach Limoges gegangen. Ich hab nicht viel Geld verdient in Limoges. Aber wenigstens konnte ich damit die Mahlzeit zu Mittag bezahlen. Was die Tramway betraf; ich hatte keine Probleme, um nach Limoges zu kommen; da mein Vater Bahnangestellter war. Ich fuhr gratis nach Limoges. Ich hatte eine Gratisausweis für die Strecke Oradour-Limoges und zurück. Also gab es kein Problem von dieser Seite her. Ich bin in dieser Werkstatt geblieben, das war die Werkstatt Schmidt, in der Straße Bobillot, wo wir hauptsächlich Generatoren installierten, da es zu dieser Zeit kein Benzin gab. Daher mußte man die Autos mit Generatoren ausstatten, das heißt, die Autos liefen mit Holzkohle. Hier bin ich geblieben bis zum 10. Juni,... und danach bin ich wieder hierher zurückgekommen. Ich befand mich am 10. in Oradour. Es war ein Samstag. Normalerweise hätte ich nicht hier sein sollen. Aber der Freitag, der ja der 9. war,... die Landung der Alliierten fand am 6. Juni statt, und die Werkstatt, wo ich arbeitete stand noch immer unter der Kontrolle der deutschen Armee.
I: Wußten Sie Bescheid von der Landung der Alliierten?
Robert Hébras: Die Landung,... wir wußten es, aber wir waren uns nicht sehr sicher. Aber wir wußten es. Was passiert ist, glaube ich,... also mein Werkstattchef hatte einen Zank mit einem deutschen Offizier am 9. am Nachmittag. Und daraufhin hatte mein Werkstätten-chef mir gesagt: „Du bleibst zu Hause, da wir nicht wissen, was passieren wird, die Landung hat stattgefunden, du hast in der Werkstatt mitbekommen, was passiert ist. Du bleibst morgen zu Hause.“ Und dann hat er mir gesagt, daß wir danach sehen werden. Das ist der Grund, warum ich am 10. in Oradour gewesen bin. Normalerweise wäre ich nicht hier gewesen.
I: Wann waren Sie oder jemand in Ihrer Familie zum ersten Mal vom Krieg betroffen?
Robert Hébras: Wir waren nicht vom Krieg betroffen. Das heißt, in meiner Familie, hatte ich einen Onkel, der Kriegsgefangener war, ein Onkel, der nicht hier wohnte, den ich aber selbstverständlich kannte... aber den ich nicht regelmäßig sah. Also in meiner Familie war der Krieg eigentlich weit entfernt. Abgesehen jetzt von den Restriktionen, von denen wir auch betroffen waren. Das war vielmehr,.... wir aßen doch trotzdem, wenn wir Hunger hatten. Es gab Brot, es gab Kartoffeln, es gab Bohnen. Gut, was vielleicht ein bißchen weniger vorhanden war, das war der Kaffee, der Zucker, Sachen die nicht wirklich unentbehrlich sind, um zu leben. Es war schwierig, sich zu einzukleiden. Als ich nach Limoges zum Arbeiten ging, bin ich gewachsen, und ich hatte eine Hose, die ein bißchen kurz war, aber wir fanden keine andere. Man brauchte Bons, um Stoff zu bekommen. Also wir waren mehr von den Konsequenzen betroffen, als vom Krieg selbst. Wir waren nicht persönlich betroffen.
I: Was wußten sie damals vom Krieg? Haben Sie von verschiedenen Kriegsfakten gehört? (Verfolgungen...)?
Robert Hébras: Man hörte davon. Gut, wir hatten ja auch Radio bei uns, es gab ein Radio, wo wir „Radio Limoges“ empfingen. Wir empfingen nicht das englische Radio.
Aber wir hatten die Nachrichten von Vichy. Also wir hatten die Nachrichten der Kollaboration. Wir hörten schon vom Krieg im Osten... viel. Wir wußten schon, daß die deutschen Truppen im Rückzug waren in der URSS. Und ich ging auch manchmal ins Kino in Limoges. Wir sahen die Nachrichten, das heißt, vor dem Film gab es immer die Nachrichten,... ja, aber das war immer von Vichy ausgehend. Wir wußten, daß der Krieg sehr mörderisch war in der URSS, aber wir wußten nicht, daß es Barbareien gab, wie wir es in späterer Folge wußten. Wir wußten es nicht,... bei uns, hab ich niemals von Konzentrationslagern oder Barbarischen Taten gehört. Für uns war dies ein Krieg zwischen Militärs. Das ist alles. Zum Beispiel, wir hörten von dieser... in URSS, der Schlacht um Stalingrad. Wir sahen sie manchmal in den Nachrichten. Wir sahen die Kämpfe im Schnee. Für uns war dies ein Kampf zwischen Militärs, einzig und allein zwischen Militärs. Das heißt, ich hatte noch die Erzählungen eines Vaters im Kopf, der im 1. Weltkrieg war, der im Krieg der Schützengraben war. Für ihn war der Krieg sehr hart, selbstverständlich, aber ein Krieg von Soldaten. Das heißt wir hatten diese Bilder des „Großen Krieges“ vor Augen.
I: Und in Frankreich, haben Sie niemals von Deportationen gehört?
Robert Hébras: Ich habe jeden Tag in Limoges gearbeitet, und ich hab mit vielen Leuten, die viel älter als ich waren, gegessen, ich hab niemals von verhafteten Personen gehört, die in Konzentrationslager geschickt wurden. Ich wußte schon, daß es Widerstandskämpfer gab, die man damals Maquisards nannte, die verhaftet wurden, und die im Gefängnis von Limoges waren. Das wußte man. Auch kurz vor der Landung,... da das Gefängnis von Limoges mitten im Zentrum der Stadt ist, hörte man manchmal am Morgen Exekutionen.
I: Schüsse?
Robert Hébras: Ja, Schüsse im Gefängnis, und wir sahen Autos, die aus dem Gefängnis hinaus fuhren. Wir wußten nicht, was sich darin befand, aber wahrscheinlich Särge mit Menschen drinnen. Aber dies war nicht in großer Anzahl, erstens, und weiters war dies nur kurz davor... Und es wurde uns so oft gesagt... Wir waren auch beeinflußt. Uns wurde gesagt, daß diese Leute, die im Gefängnis waren, Banditen waren. Man sagte Banditen zu ihnen. Vichy machte hier seine Arbeit. Ja, für Vichy, waren das Banditen. Und man konnte sich nicht vorstellen, was passieren würde. Außerdem war ich jung. Zu dieser Zeit, wenn man 17 Jahre alt war, oder 18, war man noch ein Kind, man war nicht.... heute, sind die Jugendlichen viel weiter entwickelt, sie sehen die Sachen in einer anderen Weise. Was uns betrifft, wir lebten in Autarkie in unserem Dorf, das ist alles.
I: Vom Massaker von Tulle, haben Sie gar nichts gehört?
Robert Hébras: Nein, Tulle war am Vortag. Wir wußten in Oradour überhaupt nichts vom Massaker in Tulle. Zu dieser Zeit, verbreiteten sich die Nachrichten nicht so wie heute. Was wir zum Beispiel gewußt haben hätten können, ist, wo die Division „Das Reich“ Lager bezogen hatte. Diese Division tötete da und dort praktisch jeden Tag irgend jemanden. Aber auch davon wußten wir nicht. Es war, als wie wenn wir blind gewesen wären. Das, was wir in Oradour wußten, war, daß es eine SS-Division war, dies aber praktisch mehr als ein Monat nach dem Massaker in Oradour. In Oradour, also ich persönlich, und ich glaube, daß die Leute, die in Oradour umgekommen sind, genau so gedacht haben... Wir wußten nicht, daß es mehrere Armeen gibt in Deutschland. Es gab die reguläre Armee und eine Elite-Armee, falls man das eine Elite-Armee nennen kann. Für uns, das heißt für mich, der die Deutschen ja doch jeden Tag in Limoges gesehen hat, ich hab sie im Gang getroffen, oder ich sah sie, wenn sie in die Werkstatt kamen. - Das waren Soldaten, Militärs, die, wie ich glaube, mehr Lust hatten nach Hause zu kehren, als eine andere Sache zu machen. Und ich habe, als sie nach Oradour kamen, die selben Leute wieder gesehen, die ich jeden Tag sah. Deshalb hatte ich auch keine Angst. Ich dachte nicht, daß man so etwas machen könnte, was dann gemacht wurde.
2) 10. Juni 1944 :
I : Was blieb Ihnen vom 10. Juni 1944 am stärksten in Erinnerung?
Robert Hébras: Am stärksten in Erinnerung... Etwas, was wieder im Gedanken hochkommt, ist das Essen mit der Familie bei mir zu Hause und danach habe ich mir gesagt, daß dies das letzte Mal war, daß wir gemeinsam gegessen hatten. Aber ansonsten habe ich keine Erinnerung an den Vormittag. Es war ein Vormittag wie die anderen Vormittage auch, mit dem einzigen Unterschied, daß ich nicht arbeitete; mein Vater war Elektriker, er hatte mich gebeten, eine Steckdose bei einer Nachbarin zu installieren,... eine Großmutter, deren Kinder ihr einen elektrischen Kocher, um am morgen das Wasser für ihren Kaffee zu kochen. Ich erinnere mich, daß ich diese Steckdose installieren gegangen bin. Das ist etwas absolut... Es gab nichts, daß mich irgend etwas vermuten ließ. Auch als die Truppen an mir vorbeigefahren sind. Ich dachte, daß sie auf den Weg hinauf zur Front in die Normandie waren; das war es, was ich mir dachte. Ich sagte mir, daß sind Soldaten, die auf dem Weg zur Front in die Normandie waren. Ja, sie zogen in Richtung Normandie für mich.
I: Was empfanden Sie an diesem Tag? Haben sich Ihre Gefühle im Laufe des Tages geändert?
Robert Hébras: Nein, da hat sich nichts geändert, für mich hat sich diesbezüglich nichts geändert. Als die Soldaten vor mir vorbei sind, stand ich mit einem Freund, mit Martial Brissaud, zusammen, der auch heute noch lebt, der als er die deutschen Soldaten das erste Mal sah, Angst gehabt hat. Und ich habe ihm gesagt: „Aber, sie werden uns schon nicht fressen, wovor hast Du Angst?“ Er ist aber sofort weggelaufen zu ihm nach Hause. Und er befindet sich deshalb heute noch unter uns, weil er Angst hatte. Und er gestand dies auch ganz einfach so. Und das ist keine Schande. Wenn er auf mich gehört hätte, wäre er heute nicht mehr am Leben, glaube ich.
I: Und in den Scheunen später? Vor den Maschinengewehren?
Robert Hébras: Auch als wir auf dem Platz waren, als sie den Bürgermeister verhört hatten.
Ich persönlich hatte in keinem Augenblick Angst, vor nichts. Und als wir vom Marktplatz zu der Scheune Laudy geführt wurden,... ich war mit Freunden zusammen. Wir sprachen über dies und jenes. Aber niemand ahnte, was kommen würde. Absolut niemand. Ich habe Freunde, die an meiner Seite gestorben sind, die niemals nur andeutungsweise darauf gekommen wären. Für mich hat es nicht eine Sekunde von Panik gegeben. Alles hat sich vor uns abgespielt, wir haben gesehen, wie die Maschinengewehre aufgestellt wurden; sie haben sich Zeit genommen, um vorher den Boden zu kehren, bevor sie die Maschinengewehre in Stellung brachten. Danach luden Sie die Maschinengewehre. Ich persönlich,... ich hatte keine Angst.
I: Also für Sie war dies mehr eine Form von Überwachung?
Robert Hébras: Sie hatten uns gesagt: „Wir werden den Ort durchsuchen, und die Personen, die nicht betroffen sind, sind frei.“ Ich habe mir gesagt, wir sind zahlreich, sie bewachen uns, es gibt die Waffen, um uns zu bewachen, das ist alles. Das war vielleicht,.... da ich ja zum Beispiel in den Kasernen von Limoges gesehen habe,... es gab immer Waffen, die geladen waren und bereit waren zu... Es gab Absperrungen in den Straßen. Hier gab es Waffen. Ich war dadurch nicht beeindruckt.
I: Waren Sie oder jemand Ihrer Familie vor dem 10. Juni 1944 in der Résistance tätig?
Robert Hébras: Nein, nein.
I: Oder später?
Robert Hébras: Danach bin ich in den Widerstand gegangen. In meiner Familie, niemand,... und dann im Dorf kannte ich niemand der in der Résistance gewesen wäre. Es gab Jugendliche, die zur Zwangsarbeit (STO: Service du travail obligatoire) in Deutschland verpflichtet wurden, die zu dieser Zeit den Militärdienst ersetzte. Die, die nicht wegfahren wollten, weil,... gut, die ersten sind weggefahren, dann die zweiten wollten nicht wegfahren und sind nicht weggefahren, aber sie sind auch nicht in den Maquis gegangen. Sie haben sich zu Hause versteckt. Und es gibt auch welche, die leben heute noch, weil sie sich versteckt haben. Sie sind nicht in der Résistance gewesen. Ich habe in Oradour, also bewaffnete Widerstandskämpfer, habe ich nie gesehen. Ich sage bewußt, ich habe nie welche gesehen. Auch habe ich nie Fahrzeuge vorbeifahren gesehen... Eine Sache ist passiert. Die ersten, das war glaube ich im April `43, als die ersten weggefahren sind, um in Deutschland in Fabriken zu arbeiten. Die Jugendlichen sind weggefahren, ohne etwas zu sagen. Einige sind auf Urlaub zurückgekommen, und sie wollten nicht mehr nach Deutschland zurückfahren. Und weiters, man fühlte schon, daß der Krieg von Deutschland verloren war. Das war ein persönlicher Widerstand, sicherlich, aber kurz gesagt, die Jugendlichen wollten nicht mehr nach Deutschland, um dort zu arbeiten, also versteckten sie sich.
Jugendliche versteckten sich in Oradour. Das ist alles. Und außerdem wußten alle, wo sie waren. Und niemand sagte etwas. Sogar die Gendarmerie, die eigentlich dazu da war, sie zu suchen, paßte gut auf, daß sie verkündeten, wann sie kamen, daß diese Zwangsdienstverweigerer sich irgendwo verstecken konnten. Das war ein kleines bißchen vielleicht der Widerstand des Volkes. Das war der Widerstand des Volkes, daß man nicht seinen Nachbarn denunzierte. Denn in Oradour, muß man auch eine Sache anmerken, in Oradour sind die einen mit den anderen gestorben, von allen Parteien, auch der Rechten, der Extrem-Rechten, Kommunisten, Juden, alle lebten in gutem Einklang im Dorf miteinander. Es hat niemals Denunziationen gegeben. Es hat auch diesbezüglich Nachforschungen und Untersuchungen gegeben. Man hat nie Denunziationen von Leuten aus Oradour gefunden, die ihre Nachbarn denunzierten.
I: Also alle wußten, daß es hier Flüchtlinge gab?
Robert Hébras: Ja, es war leicht zu sagen, derjenige versteckte sich bei diesem, weil es war ein offenes Geheimnis, wie man so sagt. Jeder wußte, wer wo war.
3) Nach dem 10. Juni 1944:
I : Wie konnten Sie diesen Tag für Ihr Leben psychologisch verarbeiten? Wie kann man mit so etwas leben?
Robert Hébras: Wie kann man mit so etwas leben?... Man muß weiterleben. Man hat keine andere Wahl. Man muß damit leben oder man vernichtet sich. Es gibt diese 2 Möglichkeiten zur Wahl. Wenn man 20 Jahre alt ist, geht das Leben weiter, das ist wie die Natur. Nach Oradour hatte ich viel Haß in mir. Ich bin der Résistance beigetreten. Ich wollte einige Rechnungen begleichen, die ich nicht beglichen habe, und darüber bin ich heute froh. Ich habe mich für die Dauer des Krieges engagiert. Ich wollte Ihnen alles Stück für Stück heimzahlen. Heute bin ich mir bewußt, daß dies nicht die Lösung war. Aber was passierte, als ich aus der Armee zurückgekommen bin; ich habe mir Fragen gestellt.
Als ich in der Armee war, in der Résistance, fand ich mich in einer anderen Familie wieder, mit anderen Dingen zu tun. Und dann bin ich zurück ins zivile Leben gekommen. Ich hatte die Wahl: In der Armee bleiben;... man bot mir das an, in der Armee zu bleiben,... aber ich habe mich dafür entschieden, zurück ins zivile Leben einzutreten. Ich bin zurück zu meinem ehemaligen Arbeitgeber gegangen, und hab dort in der Werkstatt wieder gearbeitet, wo ich vor dem Massaker gearbeitet hatte... Ganz einfach so. Jetzt war ich 21 Jahre alt. Und ich begann wieder zu leben.
I : Warum haben sie sich dafür entschieden, hier zu bleiben?
Robert Hébras: Ich bin hier geblieben,... also zuerst einmal hatte ich hier Arbeit. Als ich von der Armee zurückgekehrt bin, bin ich zu meinem Arbeitgeber zurückgegangen, der mich wieder genommen hat. Ich wußte, wenn ich dort hinging,... zu diesem Moment habe ich wenigstens ein bißchen meinen Unterhalt verdient. Ich war ein bißchen besser bezahlt. Ich habe mir ein Zimmer in Limoges leisten können und ich lebte alleine. Dann hab ich eine Frau kennengelernt und wir haben geheiratet, also bin ich hier geblieben. Und dann, als ich verheiratet war, hat der Wiederaufbau des Dorfes stattgefunden. Mein Vater wohnte schon in den Baracken, die provisorisch installiert wurden für... Mein Vater wohnte dort und ich kam ihn besuchen. Ich wohnte in Limoges. Ich hatte ein Zimmer in Limoges und ja, ich habe eine Frau gefunden und ich habe sie geheiratet und dann als der Wiederaufbau abgeschlossen war, ich war 22 Jahre alt und ich hab mir gesagt, „Du mußt jetzt Dein Leben in die Hand nehmen.“ Ich hatte eine Möglichkeit eine Autowerkstätte in Oradour zu eröffnen. Es gab keine. Es gab eine oder vielleicht zwei. Ich habe mich hier niedergelassen, habe ein Räumlichkeit gemietet und habe eine Autowerkstatt in Oradour eröffnet. Es war also nicht der Wunsch hier in Oradour zu bleiben, weil man stellt mir oft diese Frage, warum ich hier geblieben bin. Der Grund war, daß meine Arbeit hier war. Ich verdiente meinen Unterhalt hier. Also mußte ich nicht fort von hier gehen. Im Gegensatz dazu Herr Darthout, der hier keine Arbeit hatte. Er ist nach Paris gegangen, um dort eine Arbeit zu finden. Ich hatte hier meine Arbeit. Ich hatte die Arbeit in der Werkstatt, wo ich war. Ich konnte hier solange bleiben und arbeiten, solange die Werkstatt existierte, oder ich hatte die Möglichkeit mich als Chef einer Werkstatt niederlassen. Und das hab ich dann auch gemacht. Ich habe eine Autowerkstatt eröffnet und ich arbeitete ganz alleine. Später hab ich dann einen Lehrling angestellt und dann einen Arbeiter und so bin ich in Oradour geblieben. Ich habe diese Werkstatt in Oradour 15 Jahre gehabt.
I: Wie ist das vor sich gegangen mit den Opfern? Es gab die Häuser, die neu erbaut wurden...
Robert Hébras: Ja, es gab die Häuser, die neu gebaut wurden, aber es gab nicht sofort Personen, die diese Häuser bewohnten. Weil die Bewohner waren umgekommen, aber es gab dennoch... Wir waren eine Handvoll Jugendlicher, die doch hiergeblieben sind, die dem Massaker aus verschiedenen Gründen entkommen waren.
Entweder war man nicht hier, oder man hat sich versteckt, weil man Zwangsarbeit leisten müßte. Davon gab es nicht wenige. Also es gab einige Jugendliche, und alle diese Jungen machten es wie ich. Sie heirateten. Und sie gründeten eine Familie. Und dann kamen die Leute von außerhalb. Es kam ein Doktor, der Doktor Lapuelle, es kommt ein Apotheker, Herr Cathalifaud, und dann kommen einige Leute mehr, um in Oradour zu wohnen. Wenige, weil die Leute Angst hatten, nach Oradour zu kommen. Das neue Dorf ist meiner Meinung nach zu nah am ehemaligen, an den Ruinen. Es brauchte Zeit... Wir haben Händler und Vertreter da gehabt, die außerhalb keine Arbeit oder Unterkunft gefunden haben, die nach Oradour gekommen sind. Für mich, war das eine große Kundschaft in der Autowerkstatt. Leute, die viel herumgefahren sind, denen ich Autos verkauft habe. So hat das Geschäft zu florieren begonnen. Es gab dann auch die Post - die Angestellten der Post, das Rathaus - die Angestellen im Rathaus, Cafés öffneten,... es kam wieder Leben in den Ort, langsam aber doch.
I: Also die Wahl hier zu leben und zu wohnen war anfangs mehr gezwungenermaßen, als ein gewollter Schritt?
Robert Hébras: Ja das war gezwungenermaßen... Das war nicht der Wunsch hier nebenan zu bleiben. Das war, weil es Arbeit hier gab, und man so seinen Unterhalt verdienen konnte. Das ist alles. Weil man Arbeit hatte. Auch wenn die Arbeit leichter war zu dieser Zeit, war es auch wieder nicht so einfach. Man mußte erst einmal Arbeit finden. Ich hatte einen Beruf, und ich wollte versuchen mich selbständig zu machen und nicht mein ganzes Leben lang ein Arbeiter bleiben.
I: Was haben Sie am Tag der Befreiung gefühlt?
Robert Hébras: Der Tag der Befreiung ist an mir eher etwas vorüber gegangen. Der Tag der Befreiung, der Tag des Ende des Krieges,... ich war in der Armee. Ich befand mich an der Front, an der Front bei Lorient, wo wir gewesen sind, um deutsche Gefangene zu machen. Für mich ist die Befreiung so verlaufen. Also das Kriegsende, das war für mich diese Gefangene, die wir gemacht haben, die in einer zerstörten Stadt gewesen sind.
I: Hatten Sie danach mit anderen Überlebenden / Opfern der Nazis Kontakt?
Robert Hébras: Nein, weil wenn man heute spricht, dann ist das deswegen, weil viele Dinge neu in Oradour geschehen und dazugekommen sind. Gäbe es nicht das Zentrum des Gedenkens (Centre de la mémoire d’Oradour-sur-Glane), das uns viel mehr zum Sprechen bringt... Wir waren doch relativ diskret bezogen dessen, was in Oradour passiert ist. Ich bin mit einigen Kollegen bis in die 90er Jahre im Automobilbereich geblieben. Wenige Personen, mit denen ich Kontakt hatte, wußten Bescheid, wo ich war. Das war kein Gesprächsthema, das wir hatten. Unter uns haben wir sehr selten über diesen Tag gesprochen. Mehr oder weniger nur am Jahrestag, dem 10. Juni, der für uns seither ein verfluchter war.
I: Haben Sie Entschädigungen bekommen - die Häuser waren für die Opfer?
Robert Hébras: Die Häuser, ja, das war etwas, was eigentlich in jedem Fall etwas logisches war. Denjenigen, die Besitzer Ihrer Wohnungen waren, hatte man ein Haus neu gebaut. Ich, also meine Eltern, waren Mieter, das heißt sie haben Miete bezahlt. Aber das Haus gehörte Ihnen nicht. Also hat mein Vater einen Entschädigungsbetrag für das Mobiliar bekommen. Ich glaub er hat 5.000 Francs bekommen, so ungefähr. Aber für das Mobiliar. Das ist alles. Und als ich mich in Oradour niederlassen wollte, habe ich eine Räumlichkeit gemietet. Ich habe diese dann in weiterer Folge gekauft, aber ich habe eine Räumlichkeit gemietet. Also die, die Besitzer waren,... gut, es gibt die, die Überlebende waren, die direkten „Erben“, aber es gab auch weit entfernte „Erben“,... Zum Beispiel Cousins, die erben konnten, weil es keine direkten Erben gab, weil ganze Familien umgekommen sind. Also es waren oft die Angehörigen, die erbten, weil hier oft, der Vater, die Mutter, die Kinder, der Großvater, die Großmutter, alle von der gleichen Familie waren verschwunden. Den Hausbesitzern hat man ein Haus neu gebaut. Aber die Besitzer, wenn sie ihr Haus verkaufen wollten, mußten sie dem Staat eine Vétusté, eine Aufzahlung/Differenzbetrag bezahlen. Das heißt: Man baut etwas neues für etwas altes. Das heißt, das neu erbaute hat einen größeren Wert als das, was zerstört worden war. Und der Staat verlangt den Differenzbetrag. Die Leute, die verkaufen wollten, mußten, da es sich um Kriegsschäden handelte, mußten also diesen Differenzbetrag an den Staat bezahlen.
Und dieser Rückzahlungsbetrag wurde mit der Anzahl der Jahre immer weniger. Und die, die ihr Haus behalten haben, die in ihrem Haus gewohnt haben, und nicht innerhalb von 30 Jahren verkaufen wollten, denen hat man die Besitzurkunde geben, weil das genau nach 30 Jahren so ist. So war das mit dem Wiederaufbau von Oradour. Dieser Neubau ist gemacht worden, ohne daß jemand um die Meinung gefragt wurde. Die, die Häuser hatten, denen hat man ein Haus gebaut. Das ist alles.
I: Was denken Sie über Entschädigungsforderungen der zweiten und dritten Generation der Überlebenden des Holocaust?
Robert Hébras: Was wollen Sie, daß ich darüber denke? Ich weiß nicht, ob man es nötig hat, etwas zu verlangen? Warum die Generationen etwas verlangen? Ich glaube schon, daß Ihr Leidensweg viel härter war als unserer. Weil für uns, das ging schnell. Man ist gestorben oder man blieb am Leben. Aber wir litten nicht. Sie aber haben gelitten, über Jahre hinweg, manche. Nach welchem Recht hätten manche das Recht auf eine Entschädigung und andere nicht? Ich weiß nicht, ob man fähig ist, hier eine gerechte Sache herzustellen. Das ist weniger sicher... Ich glaube, man muß aufhören zu zahlen. Auf jeden Fall ist es nicht das Geld, das die Toten zurückbringt. Nicht das Geld, nicht der Haß. Das ist so.
I: Symbolisch?
Robert Hébras: Symbolisch ja, aber ich bin nicht dafür.
I: Glauben Sie, daß die betroffenen Staaten sich auch genug für das Gedenken einsetzen?
Robert Hébras: Ja. Ja, sie machen dies. Jetzt ist es schwierig...
Es gibt Generationen, die nachkommen, die viel mehr machen als die vorangegangenen. Und das ist verständlich. Es braucht Zeit. Es braucht Zeit. Es muß Zeit vergehen, wie man so sagt.
Ich verstehe sehr gut, daß die Personen meiner Generation vielleicht nicht Lust haben einer, wenn man das so sagen kann, Niederlage zu gedenken. Aber im Gegenteil, sie sollten ihren Kindern und auch ihren Enkelkindern erzählen, was passiert ist. Diese wollen wissen, wollen verstehen und sich nicht in einer Situation befinden, in denen man mit dem Finger auf sie zeigt.
Weil in Summe ist es das. Ich glaube der Mensch auf Erden, leider alle Armeen der Welt,... keine Armee der Welt hat weder nur gute, noch nur schlechte Seiten.
Man muß verzeihen, aber es ist vielleicht notwendig etwas zu vergessen, um darüber hinwegzukommen. Man muß mit der Zeit leben.
I: Sind sie jemals nach Deutschland oder auch nach Österreich gefahren?
Robert Hébras: Nein, ich bin in Deutschland gewesen, aber nicht in Österreich.
I: Nach Deutschland, glaube ich, mehrere Male; zum Prozeß von Berlin?
Robert Hébras: Nein, nein, das erste Mal, daß ich nach Deutschland gefahren bin, bin ich nach Ostdeutschland gefahren. Ich bin zum Prozeß von Barth nach Berlin gefahren. 1984 bin ich nach Nürnberg gekommen. Ich bin eingeladen worden vom Kanzler Willy Brandt. Es gab eine Friedenskonferenz. Anläßlich einer Friedenskonferenz bin ich vom Kanzler Willy Brandt eingeladen worden; davon gibt’s auch Photos, wo ich an seiner Seite bin.
I: Wie war die Reaktion der Deutschen?
Robert Hébras: Die Reaktion... Ich bin wirklich sehr gut empfangen worden. Und in den Straßen von Nürnberg gab es Plakate, auf denen von Oradour berichtet wurde. Man sprach viel über Oradour.
I: Was denken Sie heute über Deutschland und Österreich?
Robert Hébras: Ich glaube, das sind Länder, die leben wollen, und die auch natürlich das Recht dazu haben. Und das sind Länder, mit denen man sich gegenseitig die Hand reichen muß. Wir müssen nicht einfach die Hand nach Deutschland ausstrecken, sondern wir reichen uns gegenseitig die Hand. Und dann, das ist Europa. Ich schäme mich nicht für meine Meinung, ich bin Europäer, schon seit langer Zeit. Vor langer Zeit, ich bin in die nicht lange in die Schule gegangen, ich hab meine Geschichte erfahren, und dann ist mir bewußt geworden, daß je kleiner die Völker waren, um so mehr bekämpften sie sich, und je bedeutungsvoller man war, desto weniger kämpfte man. Und ich bin glücklich heute, weil ich nicht glaube, daß meine Enkelkinder Krieg führen werden in Europa. Leider gibt es auf der Welt noch immer anhaltend Konflikte. Aber ich glaube, daß unsere Feinde, die wir haben können, wir, der Staat Frankreich, unsere Feinde, wie zum Beispiel auch England und Deutschland, die ja mal unsere Feinde gewesen sind... Heute sind wir auf der gleichen Wellenlänge, wie man so schön sagt... Ich, persönlich haben keinen Haß gegenüber Deutschland. Ich denke, das ist ein Volk wie auch wir, das das Recht hat zu leben, wie ich, und zu arbeiten natürlich, und ja, das ist alles. Wir sind gleich.
I: Könnten Sie ein bißchen über die zwei Prozesse (Bordeaux und Berlin) erzählen ? Was haben Sie gefühlt, was haben sie gedacht?
Robert Hébras: Der Prozeß von Bordeaux, zuerst einmal, ich hatte gedacht, wie viele der Opfer von Oradour, daß es ein ehrliches Urteil geben wird,... ein ehrenhaftes. Ich war nicht beim Prozeß von Bordeaux, mit dem Ziel, daß alle Angeklagten vor ein Erschießungskommando gestellt würden. Ich bin zum Prozeß von Bordeaux gegangen, weil ich wissen wollte. Ich wollte verstehen. Weil für mich ist Oradour heute immer noch ein Rätsel, ich verstehe es nicht. Ich weiß noch immer nicht das Warum. Es war die erste Frage, die sich mir gestellt hat, und wo ich mir sagte: „Ich will wissen“ Leider, hab ich nichts erfahren. Ich wurde mir dessen beim Prozeß bewußt. Ich wurde befragt als Zeuge. Ich habe gesehen, daß mein Zeugnis das Gericht nicht interessierte. Und noch schlimmer. Ich wurde ein bißchen wie ein Betrüger dargestellt,... Aber letztendlich, das was ich sagte, das wußte man. Das ist alles. Mein Zeugnis ist sehr kurz gewesen. Und ich dachte schon, daß es Verurteilungen geben werde. Es gab auch welche, aber sie sind.... Es gab den Amnestieerlaß, der danach kam. Alle wurden amnestiert. Das hat mich wirklich sehr schockiert. Das ist klar. Aber der Prozeß von Bordeaux hat mir nichts gebracht. Ich bin mir bewußt geworden, daß dies mehr ein politischer Prozeß war. Es war zu der Zeit als die Versöhnung mit Deutschland statt fand. Ich glaube, daß ist der Grund. Das ist auch der Grund, warum ich heute vielleicht weniger verbittert über den Prozeß von Bordeaux bin. Weil dies der Beginn der Versöhnung zwischen unseren Völkern war.
I: Aber was denken Sie heute über den Prozeß und den Straferlaß?
Robert Hébras: Heute ist dies Vergangenheit. Was ich wirklich sehr bedauer, ist, daß ich keine Gespräche mit den Angeklagten führen konnte. Gespräche von Mann zu Mann. Das ist alles. Um zu versuchen, verstehen zu können. Um zu wissen, was passiert ist. Weil ich glaube, diese Leute da, die verantwortlich für die Toten gewesen sind, haben sich niemals dazu geäußert. Dies hätte sowohl ihnen als auch mir etwas gebracht. Ich sehe das so. Nicht alle sehen dies auf die gleiche Weise wie ich. Ich denke, daß dies vielleicht etwas gebracht hätte. Um zu wissen, warum?
I: Haben Sie nie versucht die Schuldigen zu suchen oder zu verhaften?
Robert Hébras: Nein, ich habe nie ihre Adresse gewußt. Ich habe nie ihre Adresse gesucht. Heute gibt es noch einige, die mir noch immer schreiben. Keiner von denen, die in Oradour waren. Aber es gibt Personen, die mir schreiben, was mich ein bißchen schockiert. Man schickt mir eingeschriebene Briefe, in denen gesagt wird, daß ich nicht logisch mit mir selbst bin.
Das ist fast so, als ob man mich bitten würde, um Verzeihung zu bitten. Das schockiert mich, daß es solche Leute gibt, die noch immer so sind bzw. denken.
I: Und in Berlin, der Prozeß von Barth?
Robert Hébras: Der Prozeß von Barth, das ist anders. Ich bin dort hingefahren und habe auch gedacht, daß ich doch Antworten auf Fragen, die ich mir stellte, und die ich aber auch nicht bekommen habe. Weil Barth hat sich auf das Oberkommando und dessen Befehle berufen.
I: Er hat nicht reden wollen?
Robert Hébras: Er hat geredet, ja, aber für ihn letztendlich war das die Führung. Es wurde ihm befohlen. Man muß dabei auch erwähnen, daß dies ein SS-Offizier war, der 22 Jahre alt war...
Der Prozeß von Berlin, das ist gleich. Wenn es beim Prozeß von Barth Zeugen gegeben hätte von Oradour... Es gab Zeugen, die „bestellt“ wurden,... die, die am Massaker von Oradour beteiligt waren. Leider war niemand anwesend. Ich hätte sie dort gerne getroffen. Dazu ist es nicht gekommen. Niemand war anwesend. Alle haben ein Krankheitsattest geschickt; wie zufällig. Heute stelle ich mir noch immer die Frage: Ich weiß nicht,... wenn man sich nichts vorzuwerfen hat, dann hat man doch auch keine Angst, zu reden.
I : Was denken Sie bezüglich der Tatsache, daß die SS-Soldaten, die am Massaker beteiligt haben in Freiheit weiterleben konnten, ohne verurteilt zu werden, ohne Prozeß?
Robert Hébras: Ich weiß nicht.
I: Zum Beispiel Heinz Barth? Er wurde freigelassen:
Robert Hébras: Ja, aber ich glaube, man kommt immer wieder auf die gleiche Sache zurück. Das war,... Leute wie Barth... wenn er sich in einer Situation, wie der seinigen befunden hat, dann weil er das doch irgendwie so gewollt hatte. Er hatte sein Vorbild. Ich glaube, daß er das gemacht hat,... Das, was er gemacht hat, das war für ein Ideal. Er hatte dabei die Vorstellung, daß die Opfer von Oradour, Menschen unterer Stufe waren, die keinen Wert hatten. Es gab nur sein Volk, das ein Volk war, das einen Wert hatte. Ich glaube, daß er später doch... Und ich glaube, daß er heute noch immer diese Periode in seinem Kopf drinnen hat. Wenn er alles wirklich aus seinen Gedanken löschen wollte, wäre er niemals geschnappt worden. Weil, der Grund warum er geschnappt wurde, war,... also es gab eine Hausdurchsuchung beim ihm zu Hause, und man hat bei ihm seine Abzeichen der „Das Reich“ gefunden. Alle seine Papiere, alles, was er aufbewahrt hatte. Wenn er einen Schlußstrich unter alles das ziehen gewollt hätte, hätte er alles verschwinden lassen. Man hätte ihm nichts anhaben können. Es war nicht sein Name, mit dem man ihn identifizieren konnte. Es gab noch andere, die genauso wie er hießen. Man wußte nicht genau seine Identität als er in Abwesenheit im Prozeß von Bordeaux verurteilt wurde.
Also er brauchte dies,... letztendlich war dies sein Ideal.
I: Wie war es möglich, daß die Personen, die die SS im letzten Moment in Montauban rekrutiert haben, überhaupt fähig waren an diesem Massaker teil zu nehmen? (in so kurzer Zeit, ohne die Ideologie zu haben)
Robert Hébras: Nein, aber... Auf jeden Fall, die Jungen schon einmal,... Man kann nicht sagen „ohne Ideologie“, weil diese Jungen, die in die Division „Das Reich“ Anfang des Jahres `44 eingegliedert wurden, waren vorher in der Hitlerjugend. Die Elsässer waren in der Hitlerjugend.
I: Ja, aber so kann man das nicht sagen.
Robert Hébras: Das ist schwierig zu sagen. Ich kann sie deswegen nicht verdammen. Ich glaube, wir hätten vielleicht besser die gegenseitige Situation verstanden, wenn wir miteinander geredet hätten. Weil wenn man 14 Jahre alt ist, wenn man 12 Jahre alt ist, und man wird in ein System hinein gepreßt, dann folgt man diesem mit ganzem Eifer, auch wenn man im nachhinein weiß, daß man eine Dummheit begangen hat. Zu dieser Zeit war man doch, wenn man 12, 13 oder 14 Jahre alt war, konditioniert, man ließ sich sehr leicht beeinflussen. Wie viele gibt es heute, die viel älter sind, die ganz entscheidend beeinflußt werden von Sekten und all dieses. Das ist auch nichts anderes als Beeinflussung. Das sind Leute, die man geformt hat. Ich klage nicht unbedingt diese Leute an. Überhaupt nicht. Sie sind da, sie schießen und das ist logisch. Man ist nicht einfach so ein Held, sie werden sich nicht opfern, um damit zu verhindern, eine solche Sache zu machen. Wenn man sich daran gewöhnt hat, etwas zu tun, wenn man beim Militär ist, dann macht man das. Jeder, in jeder Armee ist das so.
I : Und was hätten die Leute machen sollen um dieses Massaker zu verhindern?
Robert Hébras: Si konnten es nicht verhindern. Das war unverhinderbar. Elsaß und das Departement Moselle waren drei annektierte Departements. Annektiert, das heißt, sie waren Deutsche. Also, sie machten Ihren Militärdienst. Sie gingen in eine Armee. Jetzt sagt man zwangseingezogen, natürlich, weil... aber sie waren Deutsche. Sie sagen, daß die französische Vichyregierung sie fallen gelassen hat, sicherlich, das ist vielleicht auch so, aber was konnte Vichy machen? Was konnte ich machen? Auf jeden Fall nicht mehr als sie; weil sie mußten gehorchen. Und ich gehe noch weiter: Und zwar alle Soldaten, die in den Krieg gehen, die von ihrer Regierung eingezogen werden, um in den Krieg zu gehen, sind Malgré-nous, also zwangseingezogene. Man geht nicht einfach weg um „Krieg zu machen“... man zieht in den Krieg malgré-soi, „gegen seinen Willen“. Weiter, wie viele Deutsche gibt es, die in den Krieg gegangen sind, gegen ihren Willen? Sie hatten keine Wahl.
I : Bezüglich der Revisionisten, was sagen Sie oder was unternehmen Sie dagegen?
Robert Hébras: Ich mache nichts. Das, worüber ich enttäuscht bin, ist, daß es Leute gibt, die gewisse Dinge glauben machen wollen, die glaubhaft sind, die sich auf Schriften, Aussagen von ehemaligen SS berufen. Denn das, was die Revisionisten heute sagen und das, was sie heute schreiben, das ist von einem deutschen Offizier, Weidinger, der als erster geschrieben hat, was geschrieben ist. Er spricht von der Kirche. Und er sagt, daß die deutschen Soldaten dort rund um der Kirche waren, um die Frauen zu schützen. Das sind nicht die Revisionisten, die das erfunden haben, das ist Weidinger, der dies erfand. Weidinger war ein Offizier der „Das Reich“. Er war in Limoges und heute schreibt man,... sie schreiben Bücher. Gut es gibt die Pressefreiheit, und dafür bin ich auch. Aber das, was mich sehr enttäuscht ist, daß dieses Buch vielleicht von jungen Menschen gelesen werden könnte, und das ist sehr schlimm. Außerdem, diese Buch, das in Frankreich für den Verkauf verboten war, das verkaufte sich trotzdem unter der Hand,... Das wurde in Belgien verkauft, und heute ist es wieder im freien Verkauf. Und das schlimmste ist, daß die französische Regierung den Revisionisten eine Entschädigung zahlen muß.
I : Also kann man es jetzt in Frankreich kaufen?
Robert Hébras: Ja, jetzt schon. Es wurde dazu vor kurzem ein Gesetz beschlossen.
I : Wegen der Meinungsfreiheit?
Robert Hébras: Ja, Renouard bezieht eine Entschädigung von der Regierung. Das ist wie wenn man sagt,... also nennen wir das Kind beim Namen, es ist Renouard, die Kassette von Renouard ist verboten in Frankreich. Sie ist zum Verkauf verboten in Frankreich, ja, aber an Minderjährige. Also
dieses Verbot bringt nicht wirklich viel. Ich bin sehr betrübt darüber, wenn die Journalisten in ihrer Zeitung schreiben, daß „der Verkauf der Kassette von Renouard in Frankreich verboten ist“ Die offizielle Zeitung erwähnt speziell: „der Verkauf an Minderjährige ist in Frankreich verboten“. Also sie sagen nicht die Wahrheit. Man läßt Dinge weg... Heute, die Revisionisten, die es immer gab... Als ich von Berlin 1984 zurückgekehrt bin, habe ich einen Brief am 10. Juni 1984 bekommen, der besagte, daß man mich töten würde, und daß man in Oradour am 10. Juni war, aber nicht auf der gleichen Seite gestanden ist.
I: Antworten Sie immer den Revisionisten?
Robert Hébras: Ich habe das Prinzip, nicht zu antworten. Zu antworten, das würde so und so nur die Dinge verschlimmern. Und da es immer Pros und Contras gibt, kommt man in eine Polemik ohne Ende. Ich habe dieses Prinzip, das ist alles.
4) Botschaft für die Zukunft an die jungen Leute:
I: Bezüglich Ihrer Tätigkeit im Zentrum: Warum haben sie sich dafür entschieden, fast jede Woche, eigentlich oft täglich hierher zu kommen und Zeugnis abzulegen?
Robert Hébras: Ich hab es gewählt, ohne das zu wählen. Man hat mich gefragt, und ich mache dies, weil ich dies als meine Aufgabe und Pflicht erachte,... es ist meine Pflicht der Jugend gegenüber zu treten, damit sie verstehen, was passiert ist und die Schwere der Tatsachen. Aber für mich ist die wichtigste Sache dabei, die Erinnerung. Die Jugendlichen haben noch das Glück, vor ihnen einen Zeitzeugen zu haben, eine lebendige Erinnerung, wenn man das so sagen kann. Sie werden das nicht mehr lange haben. Und ich glaube für sie, das ist etwas, was sie berührt. Und für mich ist es nicht immer leicht, dies zu machen. Es gibt Tage, da kostet es mich viel Überwindung, hier her zu kommen. Ich raffe mich dann auf, und ich sage mir dann, weil ich dies für mich als wirklich Aufgabe sehe, da ich mein Wort gegeben habe.
I: Was möchten Sie den Leuten sagen, die den Holocaust verleugnen oder einige Tatsachen des Massakers von Oradour oder das Massaker von Oradour selbst?
Robert Hébras: Was soll ich denen sagen? Ich kann Ihnen sagen, was ich will, sie werden mir doch nicht glauben. Sie haben ihre fixen Ideen. Was wollen Sie Menschen begreiflich machen, die so fixiert sind? Weil es sind Leute, die so fixiert sind,... daß nur sie die Wahrheit kennen. Das ist eigentlich alles. Was soll ich ihnen sagen?
I: Bringt es nichts mit Ihnen zu diskutieren? Oder es zumindest zu versuchen?
Robert Hébras: Es bringt nichts ihnen zu antworten. So wird man die Dinge nur noch verschlimmern. Ich glaube, daß das Volk, daß der Mensch weise genug ist, zu verstehen, und sich seine eigene Meinung zu bilden,... die richtige. Das ist alles. Das ist, wenn man ihnen sagt, wenn man Bücher mit dem Titel „ 50 Jahre Inszenierung in Oradour“, glauben Sie, daß Leute wie ich, über 50 Jahre hinweg lügen könnten? Nicht die Wahrheit sagen? Das ist nicht wahr. Das kann nicht sein. Und ich bin nicht der einzige, der dieses Massaker durchlebt hat, weil wenn ich nicht die Wahrheit sagen würde, es gibt andere, die sie sagen könnten. Das ist wirklich unverständlich.
Man kann nicht... Ich werde doch nicht am nächsten Tag oder am Abend des Massakers so weit fähig sein, etwas anderes zu erfinden. Und die Leute, die dies glauben, haben so etwas nicht erlebt bzw. durchgemacht. Das ist alles, was ich ihnen sagen kann.
Sie waren nicht in den Konzentrationslagern, sie haben Oradour nicht durchlebt, sie haben nicht die Barbarei erlebt. Weil wenn man da heraus kommt,... Diejenigen, die aus den Konzentrationslagern kamen, die die Gaskammer gesehen haben,... wenn es das nicht gegeben hätte, würden sie dann, in dem Moment, als sie aus den Konzentrationslagern kamen, sagen, daß es Gaskammern gab? Das ist nicht möglich. Wenn es das nicht gegeben hätte, würde man nicht davon reden. Außerdem ist das der einzige Ort, wo es Gaskammern gegeben hat. Also, wenn es das nicht gegeben hätte, dann hätte es man nicht erfinden können.
I: Was würden sie den jungen Leuten, wie mir, raten, um Ihr Leben zu leben? Was sind Ihre Ratschläge für uns, die uns helfen, solche Grausamkeiten zu verhindern?
Robert Hébras: Ich habe eigentlich keine richtigen Ratschläge. Doch. Was ich sagen kann, ist, daß man sehr wachsam sein muß. Man muß wissen, wenn man sich für eine Sache engagiert, wo das hinführen kann. Und es ist vor allem wichtig, tolerant zu sein. Ich glaube, daß die Toleranz eine sehr wichtige Sache ist. Keinen Haß haben. Als zivilisierter Mensch leben. Und aufpassen, wohin man sich hin begibt, was die Politik betrifft, als auch was Sekten betrifft. Man ist immer in Gefahr in Extreme zu geraten. Und ich glaube, daß die Extreme gefährlich sind, auf der einen Seite, wie auch auf der anderen.
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