Survivor Interviews
Überlebende aus Prag

Geführt von Clemens Roesch und Georg Jocham, Jänner 2002

Eine besondere Situation in Prag

Unsere Arbeit als Auslandsdiener sieht folgendermaßen aus: Wir gehen wöchentlich zu unseren Klienten, erledigen für sie diverse Arbeiten und hören dabei oder im Anschluss daran bei einer Tasse Kaffee zu, wenn sie erzählen. Zu manchen gehen wir auch täglich um ihnen warmes Mittagessen ("Essen auf Rädern") zu bringen. Auch in wenigen Minuten, dafür aber mit täglicher Regelmäßigkeit lernt man sich sehr gut kennen.

Meist bestimmen nicht wir Auslandsdiener sondern unsere Klienten das Thema der Unterhaltung, und gewöhnlich geht es um die selben Dinge: um die Probleme des Elterwerdens, vor allem also Krankheiten, und um jene Dinge im Leben, die einem Gelungen sind, die man sich also gerne ins Gedächtnis ruft, wenn man weiß, dass der verbleibende Rest des Lebens kurz und die noch zu vollbringbaren Taten wenige sein werden. Selten sprechen unsere Klienten über den Holocaust.

Wir sind als Gedenkdiener hier in Prag und arbeiten im Gedenken an den Holocaust. Gleichzeitig werden wir von den alten Menschen, die wir betreuen nicht als Gedenkdiener, sondern einfach als Helfer wahrgenommen. Nie würde ich einen von ihnen direkt auf den schrecklichsten Teil seiner Vergangenheit ansprechen, weil ich merke, dass die meisten von ihnen an den Erinnerungen daran sehr leiden. Es ist daher aus unserer Sicht sinnvoll über unsere Klienten zu schreiben. Was sie denken und wie sie fühlen lässt sich auch ermessen, wenn man kein Interview führt, in dem man unangemessene Fragen stellt.

Da unsere Klienten anonym bleiben wollen, bezeichnen wir jeden von ihnen jeweils mit einem Buchstaben, der nicht mit dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens identisch ist.

Herr A.

Zu Herrn A. gehe ich jeden Montag. Er ist 88 Jahre alt, lebt im Haus seines Stiefsohns und braucht mich um die Wohnung sauber zu halten. Eigenen Aussagen zufolge ist Herr A. in der ersten (Tschechoslowakischen) Republik nie mit Antisemitismus konfrontiert worden. Als er kürzlich von einem Geschichte-Studenten um ein Interview diesen Themenbereich betreffend gebeten wurde, begab er sich sogar in diverse Bibliotheken, um sich ein Bild von der damaligen Situation zu machen, von der er offenbar nicht betroffen war. Herr A. war in Auschwitz. Wenn er auch nicht direkt über diese Zeit uns seine Erlebnisse damals spricht, so betont er doch regelmäßig, dass er es ohne seine "gute körperliche Ausstattung und regelmäßigen Sport in der Jugend" nicht überlebt hätte. Herr A. spricht gerne über schöne Dinge. Über seinen Beruf als Preiskontrolleur, über Werte, die er schätzt, vor allem Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, über seine Frau, die vor wenigen Jahren leider verstorben ist, und die er zweimal wöchentlich auf dem Friedhof besucht. Herr A. besucht regelmäßig das Tageszentrum des Jüdischen Altersheimes. Dort trifft er seine Freundin und freut sich über Gesellschaft, die ihm zu Hause sehr fehlt.

Dass das Leben auch im hohen Alter trotz aller Beschwerden noch schöne Momente bereithält, hat sich vor ein paar Wochen wieder einmal gezeigt. Auf Kur hat Herr A. Seine Jugendliebe aus Zeiten des Militärdienstes vor 67 (!) Jahren zufällig wieder getroffen. Er war zwar ein wenig enttäuscht, weil er sie, wie er schmunzelt meinte, viel schöner in Erinnerung hatte, war aber gleichzeitig dermaßen gerührt, dass er lange von nicht anderem sprach.

Dass er über manche Dinge nicht mehr gerne spricht und auch nicht mehr gerne davon hört, hat er kürzlich in einem Wunsch zum Ausdruck gebracht. Anlässlich der Feier zu seinem achtundachtzigsten Geburtstag im Tageszentrum des Jüdischen Altersheims erbat er sich von den Anwesenden an diesem, seinem Feiertag, über zwei Dinge nicht zu sprechen: Schmerzen und KZ

Herr G.

Herr G. ist ein "echter Österreicher", so wie man sich einen echten Österreicher noch vor dem ersten Weltkrieg vorstellen durfte. Geboren ist er in Lemberg, aufgewachsen in Graz, der Staatsbürgerschaft nach war er wie sein Vater ein Slowake und gelebt hat er den Großteil seines Lebens in Prag. Im Alter von wenigen Monaten musste er gemeinsam mit seiner Mutter flüchten und landete in Graz, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Im Alter von zwanzig Jahren erfuhr er während der Vorbereitung auf eine Reise nach Frankreich, dass er keinen Ausreisepass bekommen könne, da er kein Österreicher sei. Ein halbes Jahr später war es endlich klar: Eine Frist war versäumt worden, und Herr G. war Slowake! Kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich schloss er sein Studium an der Universität Graz ab und wurde in einem "Kammerl" promoviert, da Rektor und Dekan es angesichts der großen Zahl nationalsozialistisch gesinnter Studenten nicht mehr wagten, Jüdische Studenten im Zuge des offiziellen Festaktes akademischen Würden zu verleihen. Es folgte die Flucht mit seiner Frau über Böhmen nach Polen. Doch das Ziel, Danzig, wo eine Überfahrt nach England in Aussicht stand, konnte nicht erreicht werden. Russland galt als Ausweichziel, wo man allerdings im Falle eines Aufgriffes an der Grenze mit mehrjähriger Haft rechnen musste. Der Zufall kam zu Hilfe. Stalin und Hitler beschlossen die Teilung Polens zu einem Zeitpunkt, da sich das junge Ehepaar schon östlich der später deutsch-russischen Grenze befand. Nach dem Krieg ließ sich die Familie in Prag nieder.

Herr G. ist mit Abstand der aktivste meiner Klienten. Er liest sehr viel, kennt jeden, ist überall gern gesehen, und damit die Zeit nicht zu lang wird besucht er Sprachkurse in Englisch und Französisch. Erst letzte Woche hielt er im Tageszentrum des Jüdischen Gemeinde einen Vortrag über eine mehrwöchige Reise nach Südamerika, die er vor einigen Jahren unternommen hatte.

Frau E.

Frau E. ist 91 Jahre alt. Sie stammt ursprünglich aus Brünn, übersiedelte aber noch vor Kriegsbeginn nach Aussig an der Elbe, wo sie beim damals größten tschechischen Erzeuger von Lebensmitteln angestellt war. Nachdem sie und ihr Mann 1942 ursprünglich als "Politische" inhaftiert wurden, kam Frau E. nach Aufenthalten in mehreren anderen Konzentrationslagern nach Auschwitz. Nach Kriegsende kehrte sie nach Aussig zurück, wo man sie "mit Handkuss", wie sie erzählt, bei ihrem früheren Arbeitgeber wieder aufnahm. In Prag ist sie eher zufällig gelandet und geblieben ist sie hier eigentlich nur aus Ermangelung eines Grundes zurück nach Aussig zu gehen. Das Alter spielt bei solchen Fragen des Umzuges natürlich auch eine Rolle.

Frau E. ist Jüdin, wie alle unsere Klienten. Ihre Eltern hat sie im Kindesalter verloren, was sie schon in jungen Jahren zu der Ansicht geführt hat es könne keinen Gott geben. Gott würde sowas nicht erlauben.

Durch den Holocaust hat sie den verbleibenden Rest ihrer Familie, ihren Mann und den Großteil jener Freunde, die sie vor Kriegsbeginn hatte, verloren. Freunde nach dem Krieg waren ihr vor allem jene "Brüder und Schwestern", deren "Schwester" sie im KZ wurde. Inzwischen sind die meisten von ihnen tot, manche nur sehr weit weg gezogen. Der Unterschied hält sich was die Möglichkeiten persönlichen Kontaktes betrifft in Grenzen.

Frau E. hat keine direkten Verwandten. Gewöhnlich bin ich der einzige tägliche Besucher. Auch ich kann nur ein Viertelstunde bleiben, da auch meine anderen Klienten ihr Mittagessen warm und rechtzeitig bekommen möchten.

Wenn man alleine auf der Welt ist, dann dauern vor allem die Wochenenden sehr lange. Mir bieten sie dafür die Gelegenheit für ausführlichere Besuche, als sie mir unter der Woche möglich sind. Arbeitszeit und Freizeit vermischen sich, wenn die zu betreuenden Klienten zu Freunden werden.

Wie alle meine Klienten hat auch Frau E. große gesundheitliche Probleme. Bei ihr ist es vor allem der Rücken. Die Beschwerden hat sie sich, so meint sie, auf dem "Todesmarsch" zu Kriegsende geholt. Fast nackt und auf gefrorener Erde zu schlafen, und das über Wochen, das hält der beste Körper nicht aus. Vom KZ und vom Todesmarsch spricht sie selten. Bewusst spricht sie gar nicht darüber, und nur manchmal schweift sie beim Erzählen ab und verirrt sich auf unliebsames Terrain. Dann senkt sie den Blick und bricht mitten im Satz ab. Eine Möglichkeit das Erlebte zu bewältigen ist auch nicht daran zu denken und nicht darüber zu sprechen.

Frau H.

Frau H. ist 86 Jahre alt. Seit einigen Jahren hat sie Probleme mit ihrem Hüftgelenk und eigentlich müsste sie operiert werden. Doch sie leidet ausserdem an einer Herzkrankheit, die zwar nicht gefährlich ist, eine Operation jedoch unmöglich macht. Da ihr das Gehen große Schmerzen bereitet, braucht sie mich vor allem um einzukaufen und die Wohnung in Ordnung zu halten.

Frau H. hat mir erzählt, dass sie zur Zeit des Nationalsozialismus nach Auschwitz deportiert wurde. Von ihrer ganzen Familie haben nur ihre Schwester und sie diese Zeit überlebt. Die meisten ihrer Freunde, die auch Juden waren, emigrierten aus Prag und sind so über die ganze Welt verteilt. Mit dem Alter wurde es immer schwieriger diese Kontakte aufrecht zu erhalten. Aus diesem Grund ist Frau H. sehr einsam.

Besonders traurig zeigt sie sich auch darüber, dass schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg Prag wieder unter einer Besatzung zu leiden hatte, diesmal unter sowjetischer. Während der Aufstände wurden die Fenster ihrer Wohnung zerschossen, weil man dort Heckenschützen vermutete. Auch wenn sich für Frau H. kurz die Möglichkeit bot zu Freunden nach England zu fliehen, entschied sie sich in Prag zu bleiben, weil die Bindung an ihre Heimatstadt zu groß war.

Als ich einmal für sie Waschmittel gekauft hatte, musterte sie dieses skeptisch. Sie wunderte sich dass es von der Frima Henkel hergestellt wurde und fügte hinzu, dass sie für diese Firma gearbeitet hatte. Verwundert blickte ich sie an. Nüchtern antwortete sie: "Ja, im Konzentrationslager."

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