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Gianfranco Maris ist am 19. Jänner 1921 in Mailand
geboren. Am 19. Jänner 1944 wurde er als Partisan verhaftet
und Ende Juli ins Konzentrationslager Mauthausen deportiert;
später kam er in das Nebenlager Gusen I. Dort blieb er
bis zur Befreiung am 5. Mai 1945. Heute ist er Präsident
der italienischen Nationalen Vereinigung der Politischen Deportierten
(ANED).
Florian Plackner und Johannes Webhofer, österreichische
Gedenkdiener in Mailand, konnten ihn am 17. Dezember 2001
im Mailänder Büro der ANED zu einem Gespräch
treffen.
Guten Tag, Herr Maris, könnten Sie uns zu Beginn Ihren
Namen sagen, wann und wo Sie geboren sind?
Also, ich heiße Gianfranco Maris. Ich bin am 19. Jänner
1921 in Mailand geboren. Momentan arbeite ich als Anwalt,
ich habe mein Büro gleich hier in der Nähe; aber
ich bin auch Präsident der Vereinigung der politischen
Deportierten (Associazione Nazionale Ex Deportati, ANED, Anm.).
Nicht der jüdischen Deportierten, sondern der politischen.
Das sind die, die zu jener Zeit Gegner des Faschismus und
des Nationalsozialismus waren und vor allem die, die sich
als Partisanen am bewaffneten Kampf beteiligt haben. Wir wurden
dann in der Folge gefangengenommen, viele wurden verurteilt
und dann in die Lager deportiert, in KZ. Alle nur in KZ. Du
weißt, es ist wichtig, das zu unterscheiden, nicht in
die Kriegsgefangenenlager, sondern in die Konzentrationslager,
also Mauthausen, Auschwitz, die Frauen nach Bergen-Belsen.
In die Vernichtungslager. Ich wurde nach Mauthausen deportiert.
Beginnen wir vielleicht mit Ihrer Jugend. Könnten
Sie uns von Ihren Eltern erzählen, von Ihrer Familie?
Also ich bin offensichtlich in einer Familie aufgewachsen,
die keine faschistische war. Es war keine faschistische Familie,
was noch nicht heißt, dass sie militant antifaschistisch
war. Sie stand, würde ich sagen, dem Faschismus fern,
engagierte sich aber nicht in einer oppositionellen Miliz,
ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Und es gab schon
so etwas wie eine politische Verfolgung in kleinem Ausmaß,
in dem Sinn, dass etwa mein Vater Mühe hatte, Arbeit
zu finden, weil er kein Mitglied der Faschistischen Partei
war und dass die Faschisten versuchten, ihm die eine oder
andere Abreibung zu verpassen, aber nicht mehr als das. In
dieser Familie bin ich also aufgewachsen. Ich habe die Grundschule
besucht, dann das Gymnasium und schließlich die Oberstufe
des humanistischen Gymnasiums in Mailand. Mit 17 Jahren -
ich war damals in der zweiten Klasse der Oberstufe, die 3
Jahre dauerte - hatte ich den Kontakt und die Möglichkeit,
in die Kommunistischen Partei einzutreten. Das war 1937, als
junger Mann, der dort dabei war, ohne irgendetwas wichtiges
zu machen. Leeres Gerede. 1938 habe ich die Schule abgeschlossen,
ich habe die Matura des humanistischen Gymnasiums, und dann
habe ich mich an der juridischen Fakultät immatrikuliert.
Dort ergaben sich dann die ersten Konsequenzen dieser meiner
Aktivität, denn da ich die faschistischen Organisationen
nicht frequentierte, zu denen ich einberufen wurde - kurz
und gut, sie haben begonnen, mich zu beobachten. Und hin und
wieder ist es mir passiert, in den Sitz der Faschistischen
Partei gerufen zu werden, und dort bin ich zuweilen auch brutal
verprügelt worden.
1940 bin ich dann in die Offiziersschule eingetreten, ich
bin Offizier geworden und habe den Krieg mitgemacht, als Offizier.
Ich war im Krieg zuerst in Griechenland, an der griechischen
Front und dann an der kroatischen Front.
In welchem Jahr war das?
Ich habe den Krieg mitgemacht ab 1941, dann 1942 und bis
zum 8. September 1943. Der 8. September, die Amnestie. Die
Truppen sind nach diesem Zeitpunkt zerstreut zurückgeblieben,
ich war in Kroatien. Und über lange Märsche durch
die Wälder über hunderte Kilometer bin ich nach
Italien zurückgekehrt, bin zu den Partisanenbrigaden
gegangen, und dann Kommandant einer Brigade geworden. Um in
aller Kürze zusammenzufassen.
Das faschistische Regime war zu diesem Zeitpunkt schon
gefallen?
Das faschistische Regime fiel ein paar Wochen vor dem 8.
September. Die Amnestie ist vom 8. September. Im Juli, am
25. Juli 1943 wird Mussolini verhaftet. Im Großen Faschistischen
Rat verliert Mussolini die Mehrheit, das heißt es wird
ein Misstrauensantrag gegen ihn angenommen und der König
lässt ihn verhaften. Der Faschismus fiel also am 25.
Juli. Und unterdessen versucht die Monarchie mit der Amnestie
ein Abkommen mit den Engländern und mit den Amerikanern
zu erreichen.
Was passiert am 8. September? Auf der einen Seite die Besetzung
des italienischen Territoriums durch die Truppen der deutschen
Wehrmacht, inklusive SS und so weiter. Auf der anderen Seite
gibt es einen Widerstandsversuch von einigen militärischen
Einheiten. Von den Soldaten, die sich weit entfernt am Balkan
wiederfanden, versuchten diejenigen, die wie ich am nähesten
waren, wenige hundert Kilometer von der Grenze, nach Italien
zurückzukehren. Und tatsächlich ist es mir gelungen,
Ende September nach Italien zurückzukommen. Ein kleiner
Teil der Offiziersgruppen - und ich gehörte zu diesem
kleinen Teil - ging sofort in die Berge um den bewaffneten
Kampf gegen die deutsche Okkupation in Italien zu organisieren.
Ich bin in die Provinz von Bergamo, in die Berge um Bergamo
gegangen, um dort eine Partisanenbrigade zu kommandieren und
wurde
da es im Jänner 1944 in einem anderen Tal
eine große Razzia gegeben hatte, bin ich runtergegangen
um in dieses Tal zu gelangen und um die dort versprengten
Soldaten zu sammeln. Ich wurde dabei in Lecco von der Gestapo
gefangengenommen. Genau an meinem Geburtstag: am 19. Jänner
1944. Ich wurde von Lecco nach Bergamo gebracht und dort 90
Tage bei der Gestapo festgehalten, zu Verhören und so
weiter. Ich befand mich in einer ziemlich verfahrenen Situation,
insofern, als sie von Beginn an meinten, mich sofort erschießen
zu müssen, weil ich mit Waffen erwischt worden war. Ich
war bewaffnet. Ich war von einer bewaffneten Gruppe weggegangen
und ging
Da war wenig zu sagen, dass ich von nichts
wußte, oder dass ich nicht dabei war. Ich war bewaffnet
und die Waffen waren der eloquenteste Beweis dafür, was
ich in dem Moment machte. Sie haben mich dann aber doch nicht
erschossen, wie sie ursprünglich wollten und ich wurde
dann nach 90 Tagen nach Fossoli geschickt. Ihr wisst, was
das Lager von Fossoli war, nicht? Im Lager von Fossoli blieb
ich von Ostern 1944, das auf etwa Mitte April 1944 fiel, bis
zum 12. Juli, als 68 der bewaffneten Partisanen, die in Fossoli
inhaftiert waren, erschossen wurden. Nach der Erschießung
dieser 68 wurden wir Verbliebenen, etwa fünf oder sechs
Tage später, gegen den 15.-20. Juli, wurden wir also
über Bozen, das Lager Gries, nach Mauthausen geschickt.
Ich bin Ende Juli 1944 in Mauthausen angekommen. Ich bin in
Mauthausen geblieben, im Lager Gusen I, das direkt an Mauthausen
angrenzte. Bis zum 5. Mai 1945, dem Tag an dem sich, nachdem
die SS-Männer 2 oder 3 Tage zuvor abgezogen waren, das
Lager praktisch von selbst befreit. Und so endet also die
Inhaftierung. Ab meiner Ankunft in Mauthausen habe ich im
Steinbruch gearbeitet, also ab Juli 1944 bis März 1945.
Im März bin ich dann zur Arbeit in die Stollen geschickt
worden. Es wurden dort lange Stollen gegraben, in denen dann
die Fabriken eingerichtet wurden. Dort habe ich bis zum 5.
Mai gearbeitet.
In welchem Lager war das?
Gusen I. Gusen I ist ein Lager etwa 3 Kilometer von Mauthausen
entfernt, ein Nebenlager von Mauthausen.
Sie waren also nie direkt im Hauptlager von Mauthausen?
Zuerst bin ich schon eine Weile im Hauptlager von Mauthausen
geblieben. Danach haben sie mich nach Gusen I geschickt.
Verstehe. Was haben Sie als Partisanen in den Bergen gemacht?
Puh. Also, ich war dermaßen früh bei den Partisanen,
dass das in die Periode fiel, in der die Partisanenbrigaden
organisiert wurden. Das heißt, wir haben in der Zone
um Bergamo eine Reihe von Versuchen gemacht, starke Gruppen
zu schaffen. Und wir mussten dabei drei Problemen gegenübertreten.
Erstes Problem: finanzielle Mittel zu finden, um zu überleben.
Zweites Problem: die Männer zu finden, um die Brigaden
zu bilden. Drittes Problem: Waffen zu finden. Also, es gab
eine gewisse politische Organisation in der Provinz Mailands
und in Mailand. Die finanziellen Mittel waren extrem gering.
Wir haben zum Beispiel die ganze Zeit nichts anderes als gelbe
Polenta aus Maismehl gegessen. Einmal am Tag Maispolenta,
Polenta mit ein paar gekochten Bohnen und das war's, nicht?
Die Mittel waren sehr
Was die Männer betrifft,
weißt du, das Problem, Brigaden zu bilden ist nicht
einfach. Und darum gab es auch ein ständiges Kommen und
Gehen. Es kamen ein paar Männer und dann - das Leben
war hart, es war gefährlich, es war mühevoll, weißt
du, die Entscheidung ist eine Entscheidung von Leben und Tod,
ich weiß nicht wie ich sagen soll, eine Entscheidung,
die eine sehr starke Entschlossenheit fordert. Manchmal blieben
sie ein paar Tage und dann gingen sie wieder, und darum war
es nicht einfach, Brigaden mit vernünftigen operativen
Dimensionen zu bilden. Weißt du, du kannst nicht
3 Männer reichen nicht, 300 sind zu viel. Die Brigaden
im Hochgebirge haben eine besondere Kampftaktik. Das müssen
sehr schlanke und bewegliche Gruppen sein, das heißt,
50 Männer sind in Ordnung, mit 500 Männer funktioniert
es nicht. Aber 5 Männer bringen gar nichts. Das war auch
der Zeitraum in dem wir Waffen gesucht und zu besorgen versucht
haben. Und um Waffen zu besorgen überfielen wir zum Beispiel
ein Kaserne der Faschisten, um sie zu entwaffnen; oder eine
Gruppe von Faschisten, die auf der Straße unterwegs
waren, oder deutsche Soldaten, die wir isoliert überraschen
konnten, denn du kannst nicht einem ganzen Zug gegenübertreten.
Es war ein dauerndes "Zubeißen und Abhauen",
ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Wir konnten uns
nicht in eine Schlacht verwickeln, wir hatten nicht die Kräfte
dazu. Also ging es darum, Waffen zu organisieren. Und wir
versuchten die Brigaden zu bilden. Das ist die Charakteristik
dieser ersten Phase, mit ein paar kleineren Operationen gegen
kleinere Abteilungen, etwa Gruppen von Soldaten, die verlegt
wurden und die wir dort und da überraschen konnten. In
diesem Zeitraum konnten wir absolut nicht Repräsentatives
in irgendeinem Gefecht machen, da wir weder die Organisation
noch die Mittel dazu hatten. Auf der anderen Seite wollten
wir auch keinen zerstörerischen Krieg führen, was
weiß ich, wir hätten Dynamit haben können,
denn das konntest du dir in den Steinbrüchen besorgen,
die gibt es ja auch in Italien, nicht, und die verwenden normalerweise
Dynamit. Wir hätten da irgendein Depot plündern
können. Wir wollten aber weder Brücken noch etwas
anderes in die Luft sprengen, denn die Brücken brauchte
man ja, es ist ja nicht so, dass
eine Brücke sprengst
du in die Luft, wenn du zum Beispiel einen Rückzug blockieren
willst, wenn nicht, dann machst du das nicht. Wir versuchten
also, auf vernünftige Weise die notwendigen Strukturen
für den Partisanenkampf aufzubauen.
Was geschah am Tag, an dem Sie deportiert wurden?
Also, ich bin wie gesagt deportiert worden - an den genauen
Tag erinnere ich mich gar nicht, vielleicht könnte ich
das in unseren Archiven finden. Denn ich bin von Fossoli nach
Gries bei Bozen gebracht worden, 5 oder 6 Tage nach der Erschießung
der 68 am 12. Juli. Also am 17., 18. Juli kam ich nach Bozen.
Sie transportierten uns in einem Lastwagen. Auf dieser Strecke
muss man den Po überqueren. Im Juli war der Po aber schon
nicht mehr überquerbar, denn die Brücken waren in
die Luft gesprengt worden, man überquerte den Po mit
Schleppkähnen. Die SS-Männer haben also ein paar
Schleppkähne von den Fährmännern eingezogen
und uns damit auf die andere Seite des Po gebracht, und dann
weiter im Lastwagen nach Verona. In Verona war das Kommando
der Gestapo, das Kommando des Sicherheitsdienstes, der uns
dann nach Bozen geschickt hat. In Bozen bin ich vom 18., 20.
bis zum 25. Juli geblieben. Am 26., 27. Juli sind wir in Viehwaggons
abgefahren. 50-60 pro Viehwaggon, nach Mauthausen. Und dazu
haben wir 3-4 Tage gebraucht. Die Distanz zwischen Bozen und
Mauthausen ist nicht riesig, aber diese Güterzüge
fuhren sehr langsam und ließen allen anderen Zügen
die Vorfahrt, darum hielten wir in jedem Bahnhof auf den Abstellgleisen,
nicht, darum dauerte es 4-5 Tage, nur um wenige hundert Kilometer
weit zu fahren. Und dann sind wir in Mauthausen angekommen.
Mauthausen, die Ankunft - wir kommen in der Nacht am Bahnhof
von Mauthausen an, eine Nacht Ende Juli, sie lassen uns aussteigen,
und dann müssen wir die ansteigende, 3, 4, 5 Kilometer
lange Straße, die zu diesem Lagerkomplex von Mauthausen
führt, zurücklegen. Etwa zwischen 2 Uhr 30 und 4
Uhr morgens kommen wir dann in Mauthausen an. Dort werden
wir im Dunkeln sofort nach dem Eingang in Reihen aufgestellt
und im Licht des Morgengrauens beginnen sie dann mit der Operation,
die ihr kennt, des Rasierens, der Depilation, der Desinfektion.
Wenn ich euch auch die Dinge darlegen soll, die genau geschehen
sind - es geschieht Folgendes: In unserer Gruppe waren wir
in der Tat alle leistungsfähig, was die Arbeit betraf,
also Leute, die zur Arbeit in Mauthausen bestimmt waren. Trotzdem
waren unter uns 3, 4 Personen, die nicht tauglich waren. Da
war ein Partisan der bei einem Waffentransport in ein Feuergefecht
geraten war und dabei ein Bein verloren hatte, er hieß
Braccesco und war aus Monza. Er hatte nur ein Bein, also nicht
arbeitsfähig. Dann war da ein anderer junger Partisan
der eine Verletzung am Rücken hatte und eines von diesen
Stützkorsetts trug. Also nicht arbeitsfähig. Dann
war da ein Priester aus der Gegend von Bologna, er war in
sehr fortgeschrittenem Alter, unglaublich dick und hatte Mühe
beim gehen. Und dann war da noch ein Arbeiter der Breda. Die
Breda ist eine Fabrik in Mailand. Eine große metallverarbeitende
Fabrik, nicht, und die hatte auch eine interne Feuerwehr.
Bei dieser Feuerwehr waren während des Krieges die älteren
Arbeiter angestellt, die schon in Pension waren. Die wurden
zurückgerufen und mussten bei der Feuerwehr in dieser
großen Fabrik arbeiten. Dieser Arbeiter aus unserer
Gruppe war sehr alt und konnten nur mehr mit Mühe gehen.
Er war am 8. März verhaftet worden, als die Streiks waren.
Im März 1944 gibt es diese großen Streiks in Italien,
bei denen viele Arbeiter verhaftet werden. Und der war eben
damals verhaftet worden, und diese vier Personen waren in
unserer Gruppe. Diese vier Personen werden sofort vergast,
unten - wenn du in Mauthausen ankommst
Mauthausen hat
keine große Gaskammer, aber wenn du dort ankommst, rechts
hinunter sind die Duschen, wo uns die Haare geschoren wurden,
aber daneben gab es auch eine kleine Gaskammer und diese vier
werden dort vergast. Und dann zu den Krematoriumsöfen
gebracht.
Alle anderen werden hingegen - nachdem ihnen die Haare geschoren
wurden und so weiter, werden sie geschickt
Nach Gusen.
Nein, sie werden in Mauthausen behalten. Wir bleiben etwa
20 Tage noch in Mauthausen. In einem sogenannten Quarantäneblock.
In einem Quarantäneblock in dem die Männer erzogen
werden. Wenn ihr wollt, dass ich euch sage, woraus diese Erziehung
bestanden hat, sag ich's euch sofort. Die Erziehung die sie
mir gegeben haben. Wir waren völlig nackt, denn sie gaben
uns am Anfang nur eine Mütze. Nackt, ohne irgendwas,
nicht einmal eine Zahnbürste, nichts. Als wir angekommen
sind wurden wir nackt ausgezogen und sie haben uns alles weggenommen,
alles, alles, alles. Ich sage euch
denn als wir angekommen
sind haben sie zu einem gewissen Zeitpunkt sogar den Anus
der Männer inspiziert, um zu sehen, ob sie nicht irgendwas
versteckt gehabt hätten. Wir hatten also nichts, gar
nichts. Also, die Erziehung bestand daraus, dass wir auf dem
Boden schlafen mussten, denn es gab dort keine Pritschen oder
Strohlager in diesen 15-20 Tagen, in denen wir dort waren.
Wir haben allerdings auch nicht gearbeitet. Wir schliefen
am Boden, einer neben dem anderen, so dicht gedrängt,
dass wenn sich einer umdrehte, sich die ganze Reihe umdrehen
musste, wie ein Dominoeffekt, nicht?
Die Suppe wurde in einem Miski verteilt - es gab nämlich
sozusagen eine Lagersprache und was das Essen betrifft, war
das eine Sprache, deren Wörter hauptsächlich aus
dem Polnischen oder Russischen entlehnt waren. Also ein Miski,
ein Blechnapf, in den man etwa einen Liter einer dünnen
Brühe bekam, die man zu zweit essen musste, ohne Löffel
oder sonst irgendwas. Man musste das also schlürfen.
Und davon gaben sie jeweils zwei Häftlingen eine Portion.
Und dann, obwohl wir nackt waren, mussten wir jeden Morgen
auf dem Platz vor dieser Quarantänebaracke antreten.
Der Quarantäneblock war nicht eine der vielen Baracken.
Das war eine besondere Baracke, die auch von einer Mauer umgeben
war. Sie war eingeschlossen.
Also geradezu abgetrennt?
Ja, abgetrennt. Also, wir mussten antreten, mit der Mütze,
nackt, und verbrachten einige Stunden bei dem Befehl: "Mützen
ab! Mützen auf!" Ich spreche nicht Deutsch, man
hört wohl, dass ich es nicht richtige ausspreche, aber
ihr versteht mich, nicht? "Mützen auf! Mützen
ab! Mützen auf! Mützen ab!" Und das ging stundenlang
so dahin, die Mütze runter und wieder rauf, die Mütze
runter, die Mütze rauf. Das war die Erziehung.
Das war's? Nichts weiter?
Nur das. Die Mütze rauf und runter, und naja, du durftest
keinem SS-Mann in die Augen schauen, du durftest nicht - also
wenn du einen SS-Mann sahst, musstest du die Mütze abnehmen.
Aber die Erziehung war nur das mit der Mütze. Also es
war mehr so, als ob sie eine spezielle Ausbildung eingeführt
hätten und uns einen Automatismus mit konditionierten
Reflexen antrainieren würden, ich weiß nicht, sozusagen
wie der Pawlowsche Hund. Der Klang bestimmte das Verhalten.
Ohne zu überlegen.
In der Tat sind es diese Dinge, die ich immer erzähle.
Ich ziehe es vor, das zu betonen, weil es vielsagender ist,
als der Kapo, der dich schlägt, der Kapo, der dir Fußtritte
gibt, der Kapo, der dir nichts zu essen gibt, der Kapo, der
Verstehst du?
Ja. Und nach dieser Quarantäne sind Sie
Ich bin zum Arbeiten in den Steinbruch gekommen. Für
kurze Zeit in Mauthausen, wo es diesen Steinbruch gibt, bei
dem man die lange Stiege runtergehen muss und dann diese lange
Stiege wieder raufgehen muss. Nach diesen Tagen in Mauthausen
bin ich in den Steinbruch von Gusen gekommen. Denn auch in
Gusen gab es einen Steinbruch. Heute ist er nicht mehr zu
sehen, er existiert nicht mehr. Denn in Gusen ist alles zerstört
worden. Es gibt dort nur mehr den Krematoriumsofen, der
Wir haben nämlich den Grund um den Ofen gekauft und ihn
mit Mauern isoliert.
Verstehe. Könnten Sie uns das Leben im Lager beschreiben,
also den Tagesablauf?
Also der Ablauf eines beliebigen Tages? Der Tag begann mit
dem Wecken
Das war, sagen wir um 5 Uhr - obwohl wir
erst um 7 Uhr zur Arbeit gingen, wurden wir um 5 Uhr geweckt,
wegen der ganzen Vorbereitungen, das Antreten in Reihen um
in den Steinbruch zu gehen - das heißt, diejenigen,
die im Steinbruch arbeiteten. Eine andere Gruppe ging nämlich
zur Steyr, denn im Lager Gusen gab es eine Zone, in der sich
eine Fabrik der Steyr befand, in der die Maschinenpistolen
erzeugt wurden, und dann gab es da noch eine Zone, in der
die Messerschmitt-Fabrik war, die Flugzeuge herstellte. Und
dann gab es eben den Steinbruch. Also das waren die drei dem
Lager einverleibten Arbeitsbereiche.
Das heißt, es befand sich alles im Lager?
Alles im Lager. Man ging dort nicht raus aus dem Lager. Oder
besser gesagt, man ging aus dem Lager raus, aber in eine Zone,
in der, auch wenn sie nicht vollständig eingezäunt
war, sich nichts anderes befand als das Lager und diese Fabriksanlagen.
Es waren keine Häuser oder Felder zwischen dem Lager
und diesen Anlagen, ich weiß nicht, wie ich sagen soll.
Daher ging man im Wesentlichen nicht raus. Obwohl man das
Lager also verließ - also das innere Lager, umgeben
vom Stacheldraht, der unter Hochspannung stand -, obwohl man
also diesen Kern des Lagers verließ, war man immer noch
im Lager, denn in diesem Areal gab es nur die Steyr, die Messerschmitt
und den Steinbruch - und das Lager.
Also um 5 Uhr morgens wurde man geweckt. Man ging zum Waschraum,
duschen oder auch nicht. Dann wurden Becher ausgegeben, mit
einer schwarzen Flüssigkeit, gewonnen aus gerösteten
Kürbissen glaube ich, eine Art Kaffeeersatz, insofern,
als es schwarz war. Und dann, die große Operation war
das Antreten. Der Appell war ein Desaster, denn er dauerte
eine Stunde. Denn um 5 Uhr
und zum Arbeitsplatz ging
man dann um 7 Uhr, nicht? Und im Grunde bliebst du dann draußen
von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends. Ob du jetzt zum Steinbruch
gingst, zur Steyr oder zur Messerschmitt. Im Steinbruch arbeitete
man nur tagsüber. In den Fabriken gab es zwei Schichten,
die einen arbeiteten von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, die
anderen von 7 Uhr abends bis 7 Uhr am Morgen.
Gab es Pausen während der Arbeit?
Während der Arbeit, etwa zu Mittag, ich weiß nicht
mehr genau, von 12 Uhr bis 12:30 Uhr, vielleicht von 12:30
Uhr bis 13 Uhr, gab es eine halbe Stunde, während der
Morgens gab es diesen Becher mit schwarzer Flüssigkeit,
zu Mittag - also niemand besaß so einen Blechnapf, einen
Miski, den musstest du dir jedesmal holen, wenn sie diese
Suppe ausgaben. Es wurde eine Suppe ausgegeben. 1 Liter, ¾
Liter von einem sehr, sehr, sehr flüssigen Zeugs mit
Stücken von Futterrüben
etwas in dieser Art.
Und sie gaben dir einen Miski mit dieser Flüssigkeit
und das war das Essen, das zur Hälfte der Zeit, die du
bei der Arbeit verbrachtest, ausgegeben wurde. Und dann am
Abend, wenn man zurückkam, gab es eine zweite Essensverteilung.
Diese zweite Essensausgabe war
ich weiß nicht,
ob du das kennst, diese Brotlaibe, die es in Deutschland damals
gab - lange, eckige Brotquader, ich weiß nicht wie ich
sagen soll. Das waren so quadratische Brotlaibe und dieses
Brot wurde eine Zeit lang verteilt an
also ein Laib
für je 6 Personen. Der Brotlaib hatte 1 Kilogramm. Man
hatte also ein Sechstel, etwa 150 Gramm von diesem Brot. Einige
Zeit später wurde die Ration verringert, auf einen Laib
je 8 Personen. Als wir im April ankamen, gab es einen Laib
für je 24 Personen.
Außer dieser Brotscheibe gaben sie dir einen Würfel,
sagen wir, ein Stück in etwa halb so groß wie diese
Kassettenhülle hier, ein bisschen flacher, also ein Stück
Margarine oder ein Stück irgendeiner Wurst - ich hab
keine Ahnung was das genau war, irgendeine klare Wurstmasse,
ich weiß nicht woraus.
Ich glaube, das wisst ihr, dass die Männer, die dorthin
gebracht wurden, die Steinbrüche, die Lager, dass das
alles Eigentum der SS war. Eigentum. Die Männer, die
in die Lager deportiert wurden, waren Eigentum der SS. Die
Männer wurden zum Arbeiten zur Steyr oder zur Messerschmitt
geschickt, die der SS pro Tag und Häftling 4 Mark zahlte.
In der Korrespondenz dieser Firmen, die man später gefunden
hat, beschwerten sich die Firmen oft bei der SS. Sie schrieben,
zum Beispiel, ich weiß nicht, die letzten 200 Stück
- Stück! - die ihr uns zugeteilt habt - die ersten 15
Tage bringen sie keinen Ertrag, denn sie müssen angelernt
werden, auch wenn es nur Fließbandarbeit ist. Die letzten
10 Tage können sie sich kaum noch auf den Füßen
halten und bringen keinen Ertrag. Und die Zeit dazwischen
ist so kurz, dass es insgesamt ein Verlust ist. Also beschwerten
sie sich, denn sie wollten, dass die Häftlinge derart
behandelt würden, dass sie ein bisschen länger arbeiten
könnten, denn die durchschnittliche Überlebensdauer
lag bei 3 Monaten. Die Steyr ging so weit, dass sie denen,
die in der Steyr-Fabrik arbeiteten, selbst eine Suppe ausgab,
die sogenannte Steyr-Suppe.
Und die war besser?
Die war besser als alles andere. Aber die erhielten nur diejenigen,
die bei der Steyr arbeiteten. Die im Steinbruch oder bei der
Messerschmitt arbeiteten, bekamen diese Suppe nicht.
Haben Sie die ganze Zeit im Steinbruch gearbeitet?
Ich habe zuerst im Steinbruch gearbeitet und dann in der
Transportkolonne. Denn sie haben in den Daten gesehen, dass
ich kein Arbeiter war, und wir wurden nicht besonders geschätzt,
wir
also die Arbeiter, die fähig waren, an den
Maschinen zu arbeiten, wurden viel mehr geschätzt.
Also ich arbeitete im Steinbruch bis Jänner 1945. Also
August, September, Oktober, November, Dezember, Jänner.
6 Monate. Im Steinbruch. Dann, im Jänner, wurde ich zur
Transportkolonne geschickt. Die Transportkolonne war eine
Kolonne von Männern, die ständig gebraucht wurden,
um schwere Gegenstände im Lager zu transportieren. Von
der Steyr zur Eisenbahn, von der Eisenbahn zur Steyr, verstehst
du? Nachdem ich dort, sagen wird, Jänner und Februar
gearbeitet habe, wurde ich zur Arbeit in die sogenannten Sandkeller
geschickt. Das waren Stollen. Da der Berg dort sehr
das war mehr Tuffstein als Fels. Und dort waren in unregelmäßigen
Abständen immer wieder kleinere Höhleneingänge,
und dort wurden lange Stollen gegraben, nicht? Und nachdem
sie diese Stollen gegraben hatten, richteten sie dort Fabriken
ein, verstehst du, mit Pressen, Schweißapparaten, also
wirkliche Fabriken. Und ich habe dort drinnen den Rest der
Zeit gearbeitet, also
Kriegsindustrie, nicht? Also es wurden dort Waffen hergestellt?
Ja, ja, ja. Die Steyr ist langsam von den Arbeitshallen umgezogen,
von den langen Arbeitsbaracken, die aus Holz waren, denn das
waren ja keine alten Industrieanlagen, auch diese Gebäude
waren provisorische Bauten, ich weiß nicht wie ich sagen
soll. Also von dort sind sie dann in die Stollen umgezogen.
War die Arbeit sehr hart?
Die Arbeit in der Fabrik an sich ist nicht härter als
irgendeine beliebige Fabriksarbeit. Was die Arbeit in der
Fabrik unglaublich hart macht, ist die verfolgende, unterdrückende
Art in der du sie machen musst, der unterdrückende Rhythmus
in dem du gezwungen bist sie zu leisten. Du kannst dich nicht
mehr auf den Füßen halten, weil du nichts gegessen
hast und dir ist kalt, weil du in der eisigen Kälte geschlafen
hast und du hast keine Decken, ich erinnere mich daran, dass
ich im Jänner im Steinbruch
es gab keinen Pullover,
so etwas existierte nicht - ich hatte ein Paar Stoffhosen
und ein Hemd und eine Stoffjacke und fertig. Und offene Holzschuhe.
Und du musstest durch den Schnee dorthin gehen. Und wenn du
dann dort ankommst, eingefroren, dir ist kalt, du hast nichts
gegessen und dann musst du einen harten Arbeitsrhythmus einhalten,
bei peinlich genauer Überwachung, denn sie gingen ständig
an dir vorbei und wenn sie in diesem Moment jemanden in Schlafstellung
vorfanden, bekam er Schläge - und dadurch wird die Arbeit
hart.
Während im Steinbruch - ich meine, die Arbeit an sich,
wenn sie in den richtigen Rhythmen gemacht wird - es gibt
ja Leute, die vor den Hochöfen arbeiten, nicht? Im zivilisierten
Leben in jedem Land der Welt arbeitet man vor den Hochöfen.
Es kommt darauf an, wie man arbeitet. Und auch in den Steinbrüchen,
in allen Ländern der Welt gibt es Steinbrüche, denn
wenn es keine Steinbrüche gibt, könntest du nicht
mal die Randsteine der Gehsteige machen. Die Steinbrüche
in Mauthausen waren ja in der Tat Eigentum der Stadt Wien.
Wien ist entstanden, weil es die Steinbrüche in Mauthausen
hatte. So wie Mailand entstanden ist, weil es die Wasserläufe
hatte, die vom Lago Maggiore kommen, und von den großen
Steinbrüchen am Lago Maggiore wurde der Granit über
den Ticino und die Kanäle, die Mailand durchzogen, transportiert.
Das heißt, die großen Städte entstehen, weil
die Bedingungen vorhanden sind, die es ihnen gestatten, zu
entstehen. Und die große Stadt entsteht dort, weil sie
nirgendwo anders entstehen kann.
Wien hatte die Donau und die Steinbrüche. Die Donau war
ein Kommunikationsweg, ein kostengünstiger Transportweg,
über den man wenig wertvolle Materialien transportierte,
ich weiß nicht, und so konnte man den Ring in Wien errichten,
und alles was man wollte. Die SS hat also der Stadt Wien diese
Steinbrüche genommen und sie sich angeeignet. Und dort
baute sie dann dieses Lager, 1939 wurde Mauthausen gebaut.
Verstehst du?
Die Arbeit im Steinbruch war entsetzlich, wegen der großen
körperlichen Anstrengung, die
und du trugst immer
die selben Kleider, es war immer gleich kalt, das Essen war
immer das selbe.
Und man musste über die Stiege rauf
In Gusen gab es keine Stiege.
Aber Sie waren vorher auch in Mauthausen, nicht?
In Mauthausen ja. In Mauthausen hattest du die Stiege, in
Gusen nicht. In Gusen war der Steinbruch auf der selben Ebene
wie das Lager. Es gab keine Stiege.
Erinnern Sie sich an irgendein besonderes Ereignis mit
anderen Häftlingen oder mit Wachen im Lager?
Naja, ich erinnere mich im besonderen - das Drama war, wenn
etwas passierte. Es brannte zum Beispiel ein Motor, der etwa
den Förderwagens für die Lieferung der Steine zur
Mühle antrieb. Alle, die dort in der Nähe waren,
wurden brutal zusammengeschlagen. Davon abgesehen wurde jemand,
der sich in nächster Nähe befunden hatte, erhängt,
weil das Unglück als Sabotage angesehen wurde. Und zuweilen
war es auch Sabotage. Und da gab es dann am Abend die Erhängungen
Diese Dinge von denen ihr genau wisst, nicht?
Und dann, naja, gab es Ereignisse, an die ich mich persönlich
erinnern kann. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Kellner
aus Mailand, er hieß Verde. Ich weiß nicht ob
er flüchten wollte, jedenfalls war er zum Zeitpunkt des
Appells nicht anwesend. Sie suchten ihn eine halbe Stunde
lang und fanden ihn schließlich im Waschraum. Daraufhin
haben sie ihn ertränkte, indem sie seinen Kopf in einen
mit Wasser gefüllten Bottich getaucht haben, und andere
Häftlinge dazu gezwungen haben, sich auf ihn zu setzen,
um seinen Kopf unter Wasser zu halten - wenn ihr ein Beispiel
wollt, dass etwas hervorsticht aus der Gewalt, die noch auf
menschliche Dimensionen rückführbar ist; hier sind
wir schon ein wenig jenseits davon, nicht? Das ist nur eine
Episode.
Die Absurdität zum Beispiel, als wir am Morgen antreten
mussten und eingeteilt wurden, waren wir zum Beispiel 135,
die zum Arbeiten in den Stollen gingen. Wenn dann im Laufe
des Tages jemand starb, konntest du den einen oder die zwei
oder drei Toten nicht dort lassen. Wenn du zurückgingst,
musstest du die Toten auf deiner Schulter mitschleppen, denn
wenn wir zurückkamen, wurden wir gezählt. Wir waren
135 und davon waren 132 in Reihen aufgestellt, und die anderen
lagen tot daneben, verstehst du, das war
du musstest
die Toten mitnehmen.
Die absurden Gewalttaten von gewissen Kapos, die sogar, ich
weiß nicht, die uns mitten in der Nacht weckten und
brutal verprügelten, so sehr, dass am Morgen weitere
Tote zu beklagen waren. Oder ich erinnere mich
die absurden
Vorfälle, die geschahen
wir kamen am Abend von
der Arbeit zurück - im Winter wie im Sommer- du kamst
in die Baracke, musstest deine Kleider ausziehen, nackt wieder
rausgehen, deine Holzschuhe konntest du anbehalten, und dann
musstest du nackt das Lager überqueren und zu den Duschen
gehen, einmal pro Woche. Auch, wenn es geschneit hatte, im
Januar. Das Wasser war eiskalt und du hattest nichts, weder
ein Handtuch, noch Seife um dich zu waschen, also es war nur
insofern eine Dusche, als
Nackt, nass und ohne dich
abzutrocknen musstest du dann durch den Schnee zurückgehen
Schon allein das verkürzte stark die Überlebensdauer.
Es war im Grunde genommen eine Folter.
Oder du kamst zurück und bevor du ins Bett gingst, bevor
du auf diese Pritschen stiegst, auf denen wir schliefen, einige
sogar zu zweit oder zu dritt pro
Ich habe maximal zu
zweit auf einer Pritsche geschlafen. Ich war nie auf einer
Pritsche, auf der vier schliefen, aber es gab dort Pritschen,
auf denen schliefen sie zu viert, je zwei in einer Richtung.
Das Minimum waren zwei Personen pro Pritsche, die jeweils
etwa 180 mal 60 Zentimeter groß waren. Wir schliefen
zu zweit. Bevor man also schlafen ging
der Kapo der
jeweiligen Baracke hatte eine Leuchte und du musstest - sie
nannten es die Lauskontrolle. Also du kontrolliertest genau
dein Hemd, ob du irgendwo Läuse oder Lauseier draufhattest
und dann wischtest du das weg. Und dann musstest du beim Kapo
vorbeigehen. Für jede Laus, die sie dann fanden, bekam
man 5 Stockschläge. Eines Abends wurde ich erwischt und
sie fanden bei mir 5 Läuse. Ich bekam also 25 Stockschläge,
nackt, weißt du, du musstest dich auf einen Hocker legen
und dich mit den Händen vorn abstützen, und auf
den Hintern schlugen sie dir
ich blieb still liegen
und rührte mich kein Stück - warum? Weil ich schon
gesehen hatte
das ist geschehen, als ich schon Erfahrungen
im Lager hatte, und ich hatte kapiert, wenn du dich beim zweiten
Schlag ducktest, bekamst du ihn auf die Nieren. Am nächsten
Morgen uriniertest du Blut und am Nachmittag warst du im Krematoriumsofen,
ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Also, ich blieb
ganz still und danach hatte ich einen Hintern, derart geschwollen,
eine blutgeschwollene Blase, nicht? Und dann, nach diesen
25 Stockschlägen, haben sie mich gezwungen, nackt quer
durchs Lager zu den Duschen zu laufen, ich musste mich duschen,
völlig nass wurde ich zurückgeschickt, sie nahmen
meine Kleider, diese Lumpen die ich hatte, sie zwangen mich
aufs Dach der Baracke zu steigen und meine Kleider dort mit
Schnee zu bedecken. Am nächsten Morgen wurde ich nackt
durch den Schnee zu den Duschen gebracht, um mich zu waschen,
ich bin nackt zurückgegangen, sie befahlen mir aufs Dach
zu steigen und meine Kleider herunter zu holen. Ich zog sie
an, und dann haben sie mich in den Steinbruch zur Arbeit geschickt.
Um zu sagen
es war nichts anderes als
es war schwierig
eine so tiefe Schuld in den Flöhen zu finden um es sogar
zu rechtfertigen, dass
denn, OK, ich bin am Leben geblieben,
aber wie viele
Wenn sie diese Behandlung, ich weiß
nicht, bei 100 Männern machen, sterben davon mindestens
10 oder 15 in einer Nacht.
Waren viele Italiener in Mauthausen?
Die Italiener, die nach Mauthausen deportiert wurden und
in Mauthausen, Gusen und so weiter gestorben sind - wir haben
in Mauthausen 8.000 Tote gehabt.
Und sie sprachen nur Italienisch, nicht?
Ich sprach nur
nein, ich spreche nicht Deutsch.
Und hatten Sie Kontakt mit Italienern in ihrer Baracke?
Ja, ja, ja, wir waren Optimisten. Aber die charakteristische
Sache des Lagers, die nie vergessen werden darf, ist folgende:
Vielleicht hat das eine ganz besondere Bedeutung. Im Lager
gab es
du arbeitetest zum Beispiel mit einem Tschechoslowaken,
mit einem Deutschen - denn es gab auch Deutsche dort, es war
ja nicht so, dass
es gab dort auch Deutsche, politische
Gefangene, nicht? Im Lager waren also Deutsche, Polen, Franzosen,
Holländer, Italiener - und es entstand eine Sprache,
die, obwohl alle nur ihre Muttersprache sprachen, es allen
ermöglichte sich auszudrücken, und die nicht nur
auf das Notwendigste beschränkt war. Es entstand eine
Sprache in der deutsche Wörter beinhaltet waren, die
die Verständigung mit dem Kapo erlaubten: Schaufel! Holzhammer!
Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, diese Sprache lernte
man. Wie auch die Nummer, meine Nummer - ich wußte nicht
was das bedeutete, denn ich konnte kein Wort Deutsch, aber
ich wußte mittlerweile, zweiundachtzig-drei-vierundneunzig,
das war ich, ich weiß nicht, wie ich sagen soll, denn
der Klang - Pawlow, das war's.
Dann hingegen gab es die Sprache der Vertrautheit, und das
war mehr Französisch und Italienisch, zwischen allen,
auch den
Dann gab es zum Beispiel die Sprache des Essens
und da war es leicht möglich, dass hier wieder einige
Wörter aus anderen Sprachen stammten. Dann gab es noch
die Sprache des Fluchens, des Schreiens, das war vor allem
Polnisch.
Also es gibt ja das Esperanto, nicht, diese Sprache - nein,
im Lager entstand eine andere Sprache, die es den Männern
möglich machte, miteinander zu sprechen - "Hast
du Kinder? Hast du studiert? Bist du zur Schule gegangen?
Was hast du gemacht? Warum bist du hier?" Ich weiß
nicht, verstehst du? Und das ist die große Stärke.
Die Menschen sind in der Lage, miteinander zu kommunizieren,
auch in den hoffnungslosesten Umständen. Und sie sind
in der Lage, für alle lebenswichtigen Bedürfnisse
untereinander zu kommunizieren, nicht nur für die körperlichen
Bedürfnisse, sondern auch für die lebenswichtigen
geistigen Bedürfnisse Und die lebenswichtigen geistigen
Bedürfnisse sind vielleicht sogar wichtiger als die körperlichen
Bedürfnisse. Wir Italiener, also eine Gruppe von uns,
hatten untereinander zum Beispiel beschlossen, dass
also wir haben uns Regeln gemacht. Wir hatten das begriffen,
ab dem Zeitpunkt, als sie uns die Mützen auf- und absetzen
ließen. Wir untereinander wollten nie während des
Tages darüber reden, was wir heute vielleicht in der
Mittagsbrühe finden würden, ob wir vielleicht ein
Stück Kartoffel erwischen würden. Man durfte über
solche Dinge nicht sprechen. Ich gebe dir ein Beispiel dafür,
was wir während des Transportes der Steine im Steinbruch
machten. Ich transportierte einen Stein auf einer Tragbahre,
ich und ein Zweiter und derjenige war vielleicht besser informiert
als ich, ich war ein politischer Mensch, der mehr gemacht
hatte. Bei diesem ersten Transport erzählte er mir zum
Beispiel von der Reformation Luthers, vom Verhältnis
zwischen Luther und den Bauern zu dieser Zeit, von der Unterstützung
Luthers - den ganzen Komplex Luther. Und dann beim nächsten
Transport ging ich mit einem anderen und jetzt erzählte
ich demjenigen das, was ich zuvor beim ersten Transportgang
gehört hatte und so weiter. Am nächsten Tag sprachen
wir vielleicht über die thermidorianische Reaktion in
Frankreich während der französischen Revolution,
nicht? Der Sturz von Saint Just, Couthon und Robespierre.
Das heißt, wir hatten beschlossen, dass wir unsere Gespräche
und unsere Beziehung auf dem höchst möglichen Niveau
halten mussten, denn daraus
Und dann sprachen wir natürlich
auch über den Nationalsozialismus, den Faschismus, den
Klassenkampf, die Vorherrschaft der Arbeiterklasse, verstehst
du, als wären wir auf der Universität gewesen. Denn
das war unserer Meinung nach die einzige Methode Menschen
zu sein und zu bleiben.
Hatten Sie auch Fluchtgedanken?
Schau, die Flucht war unmöglich. Also als da und dort
versucht worden ist zu fliehen, einige versuchten zum Beispiel
von Ebensee zu fliehen, das ist ein weiteres Nebenlager von
Mauthausen, nicht? Von Gusen oder Mauthausen ist mir nicht
bekannt, dass
wer es versuchte war jenseits aller Vernunft,
das war kein vernünftiger Gefangener mehr, wenn er versuchte
zu fliehen, weil diese Flucht wenig Sinn hatte. Es war eine
absolute Hoffnungslosigkeit. Oder die große Flucht,
vielleicht die größte Flucht von allen Lagern,
war die der Gruppe in Mauthausen, die
Die Russen?
Genau, die Russen. Die waren direkt angrenzend an den Quarantäneblock
inhaftiert. Aber die wußten genau, dass sie sofort getötet
werden würden. Und es war eine Gruppe von Volkskommissaren,
das heißt, eine Gruppe von sehr verantwortungsbewußten
Personen. Und ich glaube, sie versuchten es zu 500. Es steckte
eine enorme Organisation dahinter, denn sie nahmen die Decken,
machten sie nass und warfen sie über den Stacheldraht
und dann, mit der Kriegstaktik, die typisch war für die
slawischen Völker, also die des 1. Weltkrieges, in aufeinanderfolgenden
Angriffswellen, die ersten fallen, die anderen überleben,
nicht? Mit all dem - denn die Maschinengewehre haben zu Schießen
begonnen, sind aus dem Lager 15, 16, 17, 18 entkommen und
sie dann haben fast alle wieder erwischt. Also Flucht... es
gab wenig Fluchtversuche. Hingegen gab es sicher eine interne
politische Untergrundorganisation. Und die große Partei,
die es verstand, internen Widerstand zu organisieren - damit
wir uns verstehen, einen physisch-moralischen Widerstand,
keinen bewaffneten Aufstand - war die Kommunistische Partei.
Da ich aus diesen Reihen kam, hatte ich
wir hielten
uns allen verbunden. Wenn wir einen von uns fanden, der seine
Suppe für eine Zigarette verkaufen wollte, griffen wir
ein um es ihm zu verbieten, um dafür zu sorgen, dass
er die Suppe aß. Denn es gab auch diese, die aus Verzweiflung
ihre Suppe für eine Zigarette eintauschten. Also, um
eine interne Organisation zu disziplinieren
Also ja,
diese, die Untergrundorganisation gab es. Eine Untergrundorganisation,
die dann nach dem 5. Mai die Möglichkeit hatte, aktiv
bei der Organisation mitzuwirken, in den letzten Tagen.
Die letzten Tage - also ich möchte einen Umstand unterstreichen,
der aus meiner Sicht ziemlich interessant ist. Die SS verließ
das Lager im April. Am 21. April war eine Selektion im Lager,
die letzte der Selektionen. Am 21. April. Ich unterstreiche
die Daten, denn ich glaube, das sind Umstände, die eine
Bemerkung verdienen. Gusen I, 21. April, Appellplatz: Selektion.
Es werden 600 Menschen durch eine rein visuelle Untersuchung
ausgewählt. Der Arzt, der Chef der Arbeitsabteilung,
der Blockälteste, der Lagerälteste der Häftlinge.
Am 21 April werden 600 Personen festgenommen und diese 600
Personen werden vergast. Sie nehmen eine Baracke, räumen
sie aus, schließen sie hermetisch ab, die Fenster werden
hermetisch verschlossen, und dann geben sie das Zyklon B rein.
Dann vergasen sie dort in der Baracke 600 Personen in der
Nacht.
Also sie konstruierten eigens
Nein, das heißt, sie konstruieren nicht. Sie bauen
eine Baracke zu einer Gaskammer um, verstehst du? Und dort
stecken sie 600 Personen rein. Das Ende des Krieges praktisch,
zu diesem Zeitpunkt konnte niemand mehr glauben, den Krieg
zu gewinnen. Also die Vernichtung von 600 Personen, hinter
der einzig und allein die Absicht steckt, diejenigen zu eliminieren,
die wegen ihres körperlichen Zustandes ganz offensichtlich
Zeugen von unsagbaren Grausamkeiten sind. Und danach flüchteten
die SS-Männer. Sie werden von lokalen Reservisten ersetzt;
alte Männer, mit Gewehren, alte
wer weiß,
von der Wehrmacht, oder vielleicht von einer Gruppe der regionalen
Polizei. Ich hab nie richtig verstanden, wer sie waren. Sie
übernehmen die bewaffnete Aufsicht. Aber es sind sehr
alte Männer, 50-60 Jahre, ich weiß nicht. Zumindest
in unserer Jugend damals erschienen sie uns sehr alt. Also
die kommen und bleiben so 5-6 Tage hier.
Die letzten 5-6 Tage. Sie schicken uns nicht zur Arbeit, sie
rühren uns nicht an, sie geben uns keine Ohrfeigen, nichts.
Sie machen nichts. Sie halten uns im Lager und besetzen die
Wachtürme. Am 5. Mai kommt ein Jeep vorbei, die Amerikaner.
Er kommt für eine Minute herein, fährt raus und
wieder weg. Das Lager befreit sich, sagen wir so. Aber ohne
einen gewalttätigen Aufstand gegen unsere Wachen. Denn
die hatten nichts getan. Im Lager bricht eine Welle der Gewalt
aus, eine beträchtliche Gewalt gegen die Kapos.
Diese Wachen aber, die unter uns waren, die keine Ohrfeigen
ausgeteilt hatten, erhielten von niemandem eine Ohrfeige.
Dieses Beispiel mache ich oft, um zu sagen, dass es nicht
wahr ist, dass die Volksjustiz blind ist. Wenn die SS-Soldaten
in diesem Moment da gewesen wären - da gibt es keinen
Zweifel. So wie es eine wütende Welle der Gewalt gegen
die Kapos gegeben hat. Denn die Kapos waren nicht geflüchtet.
Aber diese, die dort waren, uns zwar bewachten, uns aber nichts
angetan hatten, haben nicht einmal eine Ohrfeige bekommen,
von niemanden. Niemand hat jemals daran gedacht, ihnen etwas
Schlechtes anzutun.
Was haben Sie nach der Befreiung gemacht?
Also nach der Befreiung hatte ich sehr viel Glück bei
der Heimkehr. Das große Problem war, dass Millionen
von Personen, die in diesen Lagern verstreut waren, in ihre
Heimatländer zurück wollten. Die bombardierten Eisenbahnen
in ganz Europa funktionierten nur provisorisch, also, es war
nicht leicht. Es gab Menschen, die erst nach 2, 3, 4, 5 Monaten
zurückkehrten, die, die am weitesten entfernt waren.
Ich hatte diesbezüglich sehr viel Glück. Warum?
Weil unter uns ein Häftling war, der einen sehr berühmten
und bekannten Namen hatte: Pajetta. Pajetta ist eine antifaschistische
Familie, die inhaftiert wurde und so weiter. Dieser Pajetta,
der in Spanien in der internationalen Brigade gegen Franco
gekämpft hatte, hatte im Lager einige Spanier kennengelernt.
Die Spanier sind 1939 angekommen, als 1939 - oder war es 1940,
sie sind 1940 angekommen, sie wurden von den Deutschen, die
Frankreich besetzten, festgenommen. Diese Spanier wurden nach
Mauthausen deportiert und bauten Mauthausen auf. Sie kamen
zu 10.000 an. Bei der Befreiung waren sie nur noch 400, von
diesen 10.000 waren nur noch 400 übrig geblieben. Diese
aber hatten mittlerweile
da sie schon jahrelang dort
waren, bekamen sie von Pajetta die Liste der italienischen
Überlebenden. Sie schafften es, diese Liste nach Italien
zu senden und in Italien wurden im Radio die Namen der Überlebenden
bekanntgegeben. Von diesen Überlebenden gab es einen,
mit dem ich immer zusammengewesen war, auch in Fossoli. Wir
hatten den gleichen Weg zurückgelegt, wir waren zusammen
dort angekommen und dieser Mann war der Architekt Lodovico
Belgioioso. Der Architekt Lodovico Belgioioso war eine berühmte
Person, vor allem weil er ein Fürst ist. Dann weil die
Belgioioso eine Familie wie die Sforza und die Gonzaga sind,
eine antike, mailändische Familie von hoher Abstammung.
Und zuletzt weil er ein berühmter Architekt ist, zum
Beispiel hat er den Torre Velasca in Mailand konstruiert.
Er war sehr berühmt. Als dann sein Name gehört wurde,
wandte sich die mächtige Familie an einen seiner Schwager,
der im Krieg bei den italienischen Abteilungen gewesen war,
die gemeinsam mit den Amerikanern die Halbinsel heraufgekommen
waren. Dieser war noch im Militärdienst, er erbat einen
Krankenwagen und mit einem Krankenwagen und 2 Soldaten kam
er nach Mauthausen um Belgioioso zu suchen.
Der war an diesem Abend zusammen mit vier anderen, ich, Ravelli
und andere, wir machten gerade einen Spaziergang vor dem Lager.
Und plötzlich kommt dieser Jeep an, dieser Krankenwagen
des Roten Kreuzes. Einer steigt aus und sagt, dass sie Belgioioso
suchten. Der war hier, und er und die vier, die mit ihm waren,
darunter ich, wir sind alle eingestiegen und nach Mailand
gefahren, ja. Wir sind in Mailand Ende Juni 1944 angekommen.
Also, in 2 Monaten haben wir es geschafft heimzukehren.
Welche Gefühle haben sie heute für Deutschland
und Österreich?
Also, Deutschland, ich hatte für Deutschland immer sehr
viel gefühlt, für die deutsche Kultur, für
die deutsche Dichtung, für die deutsche Musik, für
die Malerei, vielleicht auch
ich würde sagen, für
die Kultur im Allgemeinen. Ich habe die Deutschen immer als
großes Volk betrachtet. Und dann, es scheint seltsam,
aber der Bildungsprozess der nationalen Einheit Deutschlands
ähnelt dem Italiens. dieser Einigungsprozess ist etwas
verspätet im Vergleich zu Europa. Denn Frankreich entsteht
also Deutschland entstand im 19. Jahrhundert, wie auch Italien.
Also für mich war es immer ein großes Volk. Eine
andere Sache ist meine Mißbilligung des Nationalsozialismus.
Ich weiß nicht wie ich sagen soll, ein großes
Volk, das den Nationalsozialismus gehabt hat. So wie auch
Italien den Faschismus gehabt hat, nicht? Also, ich hegte
nie, nicht vor, nicht während, nicht nach
Außerdem
bin ich ein Rationalist, deswegen - Hass gegen das deutsche
Volk habe ich nie gekannt. Groll und Hass gegen die Nazis
schon. Aber nicht gegen
das sind zwei verschiedene Sachen.
Verwechslung. Es war ja auch so, dass uns, als wir in Mauthausen
angekommen sind, ich spreche für die Italiener, die deutschen
Häftlinge Faschisten nannten, uns, die wir doch Partisanen
waren. Die deutschen Häftlinge, denn das waren selbst
politische Gefangene, nannten uns Faschisten, bis sie begriffen,
dass wir antifaschistische Partisanen waren. Wer war da also
kultiviert? Der Hass ist eine Eigenschaft derer, die es nicht
schaffen, die Dinge zu verstehen. Es ist ein Gefühl,
das aus einer tiefen Desinformation entspringt. Also, heute
noch, nicht, heute noch, empfinde ich dieses
also für
mich ist Deutschland ein großes Land, ich weiß
nicht wie ich es sagen soll. Es ist ein großes Land.
Was fühlen Sie, wenn Sie heute nach Mauthausen zurückkehren?
Ich habe immer rationalisiert. Auch aus meinem Erzählen
habt ihr gesehen, dass ich, wenn ich von diesen Dingen spreche
oder schreibe, mehr andere Aspekte unterstreiche, als den
der physischen Gewalt. Viel stärke ist die umfassende
Gewalt der Unterdrückung der Kultur, der Aneignung des
Vermögens, und so weiter. Die deutsche Besetzung Italiens
als
der Krieg geführt als Krieg der Vernichtung
der Völker, die
das ist ein Entwicklungsprozess
hin zu einer Verrohung. Also ich will damit sagen, dass das
erste große Verbrechen des Nationalsozialismus gegen
die deutsche Kultur und gegen die deutsche Zivilisation gerichtet
ist, ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich
ist. Bevor der Nationalsozialismus Verbrechen gegen den Rest
der Welt beging, hat er Erfahrungen und Praxis in Verbrechen
gegen das deutsche Volk gesammelt, gegen dessen Geschichte,
gegen dessen Kultur, gegen dessen Traditionen.
Sind ihrer Meinung nach die Gedenkaktivitäten in
Ländern wie Deutschland und Österreich ausreichend?
Deutschland hat große Anstrengungen in der Überprüfung
seiner Geschichte unternommen, die nur langsam in Fahrt kamen,
weil für viele Jahre gleich nach dem Krieg die Bedingungen
Deutschlands sehr negative Bedingungen waren, auch was die
Möglichkeit einer Revision seiner Vergangenheit betraf.
Negativ deshalb, weil Deutschland jetzt selbst besetzt war,
ein Teil von den Franzosen, ein Teil von den Amerikanern,
ein Teil von den Russen, also ein zerstückeltes Land.
Und das schafft die Bedingungen in denen Revanchismen entstehen.
Es ist also ein schwieriger Start. Und dann gab es einen weiteren
schwierigen Start, als die Bundesrepublik Deutschland entstanden
ist, mit der Trennung von der DDR. In der BRD ist leider das
selbe geschehen, wie in Italien. Dass die Strukturen, die
Institutionen - also, nehmen wir die Justiz her: Die Richter
waren die selben, die während des Nationalsozialismus
ins Amt gekommen waren, ich weiß nicht wie ich sagen
soll. Denn man hat ja nicht alle Richter genommen und weggeschickt.
Es waren dieselben. Die hohen Beamten des Innenministeriums,
der bürokratische Apparat, es waren alle noch da, wie
in Italien. Und das schuf
ich weiß nicht wie ich
sagen soll, der Motor fraß sich fest, es war mühsam
voran zu kommen. Und dann kam der Kalte Krieg. Der Kalte Krieg
spielte eine perverse Rolle auf dem Gebiet der Entwicklung
der Gefühle, der Kultur, der Intelligenz, ich weiß
nicht, wie ich sagen soll. Er hat alles ein bisschen erstickt.
Denn, was weiß ich, als Deutschland aufgrund des Kalten
Krieges in die NATO aufgenommen werden sollte, versuchten
alle, die Konzentrationslager vergessen zu machen, ich weiß
nicht. Das heißt, man streute Staub über die Vergangenheit.
Als diese Staubwolke weg war, brachte Deutschland einen sehr
starken Prozess in Gang, wozu dieses Land fähig ist,
denn es hat starke kulturelle Dimensionen und so hat es eine
gute Entwicklung durchgemacht. Besser als unsere in Italien
jetzt, wo man mit einer Stärkung von Rechtsregierungen,
wie der jetzigen noch immer versucht, die Vergangenheit vergessen
zu machen. Es ist für uns hier mühsamer als in Deutschland.
Eine antinationalsozialistische Diskussion ist in Deutschland
leichter. In Deutschland hat man die Ausstellungen zu den
Verbrechen der Wehrmacht gemacht, ich weiß nicht wie
ich sagen soll. Überleg mal, ein Land, das hergeht und
nicht eine Ausstellungen über die Verbrechen der SS macht,
sondern direkt eine Ausstellung über die Verbrechen der
Wehrmacht, ist ein Land, das weiß, wie man die eigene
Vergangenheit lesen muss, denn vielleicht hat es wirklich
begriffen, dass sich durch Einsicht zu befreien wirklich bedeutet
sich der Zukunft zu öffnen.
Was würden sie jemanden sagen, der den Holocaust
leugnet?
Was könnte ich ihm sagen? Den Holocaust kann mittlerweile
nur noch Irving leugnen, nicht? Und er verliert die Verleumdungsklagen,
die er selbst anstrebt.
Der Holocaust, wenn man darunter jetzt im weiteren Sinn nicht
nur den der Juden versteht, ich meine, wenn man unter Holocaust
alles versteht, die elf Millionen Toten in den Vernichtungslagern,
aber auch den ganzen Komplex, nicht? Wer ihn leugnet, und
das passiert auch in Italien
Wenn ich sehe, was in Triest
passiert - es gab in Italien zwei Besatzungszonen, in denen
besondere Verwaltungsbestimmungen angenommen wurden: das Adriatische
Küstenland, und das Alpenvorland, in denen es andere
Besatzungsbestimmungen gab als im Rest des Landes, denn für
sie war eine andere Zukunft im Reich bestimmt. Wenn ich sehe,
dass in Triest einer der Alleanza Nazionale der Präsident
der Risiera di San Sabba (Gedenkstätte im ehemaligen
KZ in Triest, Anm.) wird, und wenn ich sehe, dass in der Galerie
der Ehrenmänner, die die Geschichte von Triest prägten,
ein Foto hängt vom
ja, vom Gauleiter, würde
ich sagen, denn er war der Ortsvorsteher der von Globocnik
ernannt wurde, als dieser im September 1943 Triest besetzte,
also, gegen jene, die diese Dinge leugnen, gegen die ist meine
Ausdrucksweise eine aggressive, eine Ausdrucksweise der Gewalt,
ich weiß nicht, wie ich sagen soll. Weil das ist Böswilligkeit.
Wenn ich sehe, dass der Bürgermeister eines Dorfes in
Catania eine Straße "cavaliere Benito Mussolini
statista" benennt - dann ist das Böswilligkeit.
Wenn aber einer der Jugendlichen in einer Schule mir sagt,
das ist nicht wahr, denn sein Vater hat ihm gesagt, oder er
hat gelesen, dass das Gas in den Lagern nur zur Desinfektion
verwendet wurde, dann spreche ich mit ihm. Ich weiß
nicht wie ich sagen soll, die Reaktion glaube ich, muss angemessen
sein. Wenn du dich jemandem gegenüber findest, der die
Tatsachen mystifizieren will, wohl wissend, dass er mystifiziert,
oh nein! Dann muss die Reaktion hart sein. Wenn ich Jugendliche
in einer Schule treffe, die die Dinge hinterfragen - es ist
vernünftig zu hinterfragen, also rede ich mit ihnen.
Ich versuche die richtigen Worte zu finden, um ihnen klar
zu machen, wie die Dinge wirklich waren.
Was würden sie den Jugendlichen also genau sagen
Das was ich euch heute gesagt habe.
Also ihre Geschichte erzählen.
Ich würde erzählen. Ich würde erzählen,
also ich bringe immer ein Beispiel, wenn ich in die Schulen
gehe um mit den Jugendlichen zu sprechen. Ich spreche nicht
von den Leiden, dass sie mich geschlagen haben, dass sie mir
nichts zu Essen gaben. Ich sage, Deutschland hatte 1932, als
Hitler die Macht übernahm, abgesehen von der Vorgeschichte
- denn zu Hitler kommt man aus einem Grund, ich weiß
nicht wie ich sagen soll, ich bin ein laizistischer Historiker.
Zu Hitler kommt es nicht einfach so. Zu Hitler kommt es durch
eine Serie von Trennungen, Auseinandersetzungen, politischen
Brüchen.
Hans Fallada, ein deutscher Schriftsteller, schrieb 1932 ein
Buch, das "Kleiner Mann, was nun" heißt. Es
erzählt von den Schwierigkeiten der deutschen Arbeiterklasse
in der Zeit der großen Arbeitslosigkeit 1929, Krise,
unglaublich hohe Arbeitslosigkeit, nicht? Und trotzdem führte
diese Arbeiterfamilie einen kleinen Haushaltsplan, sie notierten
alle Ausgaben und schrieben soundso viel für das Licht
auf, soundso viel für das Gas, soundso viel für
Brot, soundso viel für die Besohlung der Schuhe. Und
dann am Ende stand da 1 Mark etwa: Blumen. Wir sind im Jahre
1932. Und ich sage, eine Familie, die mit der Arbeitslosigkeit,
mit dem Hunger konfrontiert ist, kauft sich für eine
Mark im Monat ein paar Blumen, nicht? Zehn Jahre später,
1942: Das Einsatzkommando tritt in den Krieg ein, folgt 1941
den Truppen in die Sowjetunion, im Juni. Diese Abteilung führte
ein Kriegstagebuch: "3 Juli 1941 Die Abteilung bleibt
einquartiert, Reinigung der Waffen, Reparaturen an der Ausstattung."
Dann der Tag danach, andere Sachen, und dann plötzlich:
"19 Juli. Die Abteilung übergibt 1.100 Menschen
der Erde." Das ist deren Terminologie. Sie hatten 1.100
Menschen erschossen. Und so weiter und so fort. Und dann vielleicht:
"7 August 1942. Der Hauptmann Schulz geht in Flitterwochen."
Und der fährt nach Düsseldorf, er heiratet, bleibt
dort mit seiner Frau, er liegt neben ihr, sie küssen
sich, sie lieben sich, tauschen Zärtlichkeiten aus. Und
dann kehrt er zurück übergibt soundso viele Menschen
der Erde.
Wie ist es möglich, dass ein Mann im Jahre 1932 für
Blumen Geld ausgibt, nicht, während er in Armut lebt
wegen der Arbeitslosigkeit; und dieser jetzt plötzlich
mit soviel Gleichgültigkeit
was ist passiert? Und
dann erkläre ich das so: Das Radio ist in den Händen
der Nazis. Die Zeitungen sind alle in den Händen der
Nazis. Das Verlagswesen ist in den Händen der Nazis.
Und da beginnt es mit den Bücherverbrennungen, sie verbrennen
alle Bücher. Und dann gibt es das einheitliche Lehrbuch
für die Grundschule. Dann gibt es das einheitliche Lehrbuch
für die Hauptschule. Dann, die Universität ist in
den Händen der Nazis, das Radio, die Freizeitorganisation,
das Theater, das Kino. Das heißt, der Mann von 1942
wurde durch diesen Prozess geschaffen. Du kannst Monster schaffen.
Darum gehe ich da weiter in die Vergangenheit zurück
- also der Totalitarismus hat diese Männer geschaffen,
hat diese Männer konstruiert. Es gibt ein Beispiel: wir
haben den Prozess gegen die Verantwortlichen der Risiera di
San Sabba betreut. Da gibt es eine sehr interessante Sache.
Mit der Rechtshilfe der deutschen Richter haben wir die Soldaten
verhören lassen, die in Risiera di San Sabba Dienst leisteten,
du weißt dass es in Triest dieses Lager gab, nicht?
Wir haben sie also verhören lassen. Diese Männer
gehörten einer Abteilung an, die in Deutschland eine
erste Erfahrung machte, jene der Euthanasie. 70-80.000 deutsche
Behinderte werden getötet. Und nach der Euthanasie kommen
diese Soldaten ins Gouvernement von Prag oder Polen und so
weiter und sie kommen in die Lager und dann kommen sie nach
Italien.
Also die Verhörten - wir haben ein Buch darüber
veröffentlicht
"Sie, was haben sie gemacht?"
- "Ich war Tischler in dem und dem Dorf. Ich war arbeitslos,
ich arbeitete wenig, also sprach meine Frau mit meiner Tante,
die einen Bruder hatte, der dort arbeitete
also ging
ich hin und der sagte, du bist Tischler, na gut, du kannst
als Fahrer arbeiten. - Und ich sagte ja. Also ging ich dort
hin und arbeitete als Fahrer." Der nächste, gleiche
Geschichte, er war vielleicht Gemeindeangestellter, und die
arbeiten dann alle bei der Euthanasie-Aktion mit. Einer war
der Fahrer. Er holte einen Buben mit Downsyndrom oder einen
Querschnittgelähmten vom Krankenhaus ab und brachte sie
dann vielleicht ins Schloss Hartheim und so weiter, und so
fort. Die Euthanasie-Aktion, die ihr ja kennt, nicht? "Und
was machen sie jetzt?" - "Jetzt bin ich wieder Tischler."
Da gibt es diese fortgeschrittene Arbeitsteilung, auch beim
Massenmord an den 70.000 deutschen Staatsbürgern. Diese
Operation ist dermaßen in einzelne Arbeitsgänge
zerstückelt, dass der dann sagt: "Aber ich hab sie
im Grunde nur transportiert." Und der andere sagt: "Aber
ich hab sie ja im Grunde genommen nur auf der Tragbahre transportiert.
Ich hab sie nicht getötet." Ich hab sie nicht getötet,
das stimmt, er hat sie nicht getötet. Auch der andere
hat sie nicht getötet. "Aber ich habe sie ja nur
hinein getragen. Ich habe sie nicht getötet." -
"Aber ich schickte sie, ich dachte, ich schickte sie
nur
", sagte der Arzt. Und er hat sie nicht getötet.
Wer hat sie also getötet? Nur der, der im letzten Moment
das Gas reingegeben hat? Nur der? Also, was ich sagen will,
die fortgeschrittene Arbeitsteilung schuf auch diese Selbstüberzeugung
von Unschuld. Da gibt es eine enorme kollektive Verantwortung.
Und die empfinden das nicht, diese
also man muss
man muss ihnen helfen, zu verstehen, dass da dieses große
Verbrechen geschehen ist. Ich will damit sagen, das der Mann
von 1942, '43, '45, der einen Menschen tötet, weil er
glaubt, dass dieser gegen das große Deutschland ist,
gegen die Reinheit des Blutes und so weiter, er selbst ist
schon das Opfer. Er ist das erste Opfer. Er ist dann für
viele weitere Opfer verantwortlich, aber er ist schon ein
Opfer.
Eine letzte Frage noch: wir haben Ihnen schon vom Gedenkdienst
erzählt, den wir hier in Mailand leisten. Was halten
Sie davon? Könnten Sie etwas dazu sagen?
Das habe ich euch schon vorher gefragt, das war das erste,
was ich gefragt habe, nicht? Ich hallte es für eine sehr
erleuchtete Wahl. Eine optimale Entscheidung. Eine Entscheidung,
die ein starkes soziales Bewusstsein zeigt. Ich schätze
es sehr.
Vielen Dank.
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