|
"Nein" erwidert Professor Kohn auf eine Frage meines
Fragebogens,
" Das ist so nicht richtig, das Wort "Annexation"
ist falsch.
Nun erklärt mir Professor Kohn, Nobelpreisträger
der Chemie 1998 den feinen Unterschied zwischen dem deutschen
Wort "Anschluss" und dem englischen Wort "Annexation"
aufgrund von dem Verhalten chemischer Verbindungen.
" Das Verb to annex setzt voraus, dass die Kraft mehr
von einer Seite ausgeht, "Anschluss" hingegen bedeutet,
dass sich zwei gleichwertige Teile einander anschließen,
der Motor ist hierbei beidseitig".
Walter Kohn wurde 1923 in Wien-Mariahilf geboren.
Beide Eltern stammten aus Alt-Österreich. Seine Mutter,
eine hochgebildete orthodoxe Jüdin mit Sprachkenntnissen
in Alt-Griechisch, Latein, Französisch, Polnisch, Englisch
und Deutsch, wurde in Brody, in der heutigen Ukraine geboren,
sein Vater in Mähren, in jener Gegend die das kulturelle
Leben Wiens um Gustav Mahler und Sigmund Freud bereicherte.
Natürlich gibt es positive Erinnerungen an seine Jugend
in Wien; ein Photo zeigt den 7 jährigen Knaben der später
einmal den Nobelpreis gewinnen sollte, auf einem Faschingsfest,
einen Hut, eine Brille und einen Anzug tragend mit der Aufschrift
"Professor -weiß -nichts".
Auch gibt es Erinnerungen an die fröhlichen Stunden
am Wiener Eislaufverein.
Eislaufen, ein Hobby welchem Professor Kohn heute noch, im
Surferparadies Santa Barbara allerdings in etwas veränderter
Form, nämlich mit Rollen statt mit Kufen, nachgeht.
Auch das Kochen habe er "in his Viennese days" gelernt,
doch es wäre einfach zu schön, wären dies die
einzigen Erinnerungen an seine Wiener Jugend.
Die anderen in Erinnerung gebliebenen Ereignisse sind hingegen
durchwegs negativ.
Der permanente klassenlose Wiener Antisemitismus, der sogar
seine Lehrer und Mitschüler am feinen Wiener Akademischen
Gymnasium infizierte und der mit dem Zwangswechsel in das
jüdische Chajes Gymnasium nach dem "Anschluss"
vorläufig zumindest in der Schule endete.
Um dieselbe Zeit verlor sein Vater den Postkartenverlag samt
Zweigstelle in Berlin und die Sommerresidenz in der Nähe
Berlins, wurde aber gezwungen im Verlag ohne Bezahlung weiterzuarbeiten.
Glücklicherweise gelang es Walter Kohns Schwester in
dieser Zeit, Österreich Richtung England zu verlassen.
Professor Kohn selbst war in der glücklichen Lage im
Zuge des "Kindertransportprogramms" der englischen
Regierung nach England zu gelangen.
Über 10 000 gefährdete Kinder unter 16 Jahren aus
Polen, Ungarn, Deutschland und Österreich wurden durch
diese Initiative kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges
nach England vor den Nazis in Sicherheit gebracht.
Es war ein Abschied ins Ungewisse und es sollte tatsächlich
ein Abschied für immer sein.
Seinen beiden Eltern gelang es nicht zu fliehen: beide wurden
später im Zuge der Nazibarbarei umgebracht.
Nicht nur seine Eltern verlor Professor Kohn während
des Holokaustes, auch zwei seiner besten Lehrer, seinen Mathematikprofessor
Dr. Victor Sabbath und seinen Physiklehrer Dr. Emil Nohel;
beide trugen wesentlich dazu bei, das Interesse Walter Kohns
an der Wissenschaft zu wecken.
Am akademischen Gymnasium waren vor allem die Kultur im alten
Rom sowie die lateinische Sprache Gegenstände die Walter
Kohn faszinierten;
Mathematik und Physik hingegen wusste er damals nicht im geringsten
zu schätzen.
Erst in seiner Zeit in England begann er sich langsam in Chemie,
Physik und Mathematik zu spezialisieren.
Mit dem Vormarsch der Deutschen und dem bevorstehenden Krieg
gegen England und aus Angst vor Spionen, internierte Winston
Churchill im Mai 1940 alle Inhaber eines deutschen oder österreichischen
Passes in Lagern, unter anderen auch den damals 17 Jährigen
Walter Kohn.
Einige Zeit verbrachte Walter Kohn in verschiedenen Lagern,
hier begann Walter Kohn auch erste Fachvorträge von Lagerkollegen,
anfangs mit geringem Verständnis, zu besuchen.
Es sah lange Zeit nicht so aus, als würde Walter Kohn
weiterstudieren.
Angesichts der vielen arbeitslosen Intellektuellen im Wien
der 30er Jahre wollte er sein Leben als Farmer verbringen.
Vieles wäre wahrscheinlich anders gelaufen, wäre
er nicht nach Kanada in ein anderes Lager transferiert worden,
wo er zuerst weitere Lagervorträge besuchte und sich
dann durch einen 20 Cent Stundenlohn als Holzfäller die
vielleicht wichtigsten Bücher seines Lebens kaufte, unter
anderem eines über Mathematik und eines über chemische
Physik; beide halten noch heute einen Ehrenplatz in seinem
Bücherregal.
1942 wurde Walter Kohn schließlich von Scotland Yard
vom Verdacht der Spionage freigesprochen und gleichzeitig
von Professor Mendel in Toronto aufgenommen.
Vom Schicksal seiner Eltern unwissend, wandte sich Walter
Kohn, um seine Eltern nach dem Kriege besser versorgen zu
können, von der Physik ab und dem Maschinenbau zu.
Als Sohn eines glühenden Pazifisten einerseits und angesichts
der Bedrohung der Weltherrschaft durch das Naziregime andererseits
beschloss er 1943 der kanadischen Infanterie beizutreten.
Aufgrund seiner Herkunft wurde er während seines 2 ½
Jahre dauernden Wehrdienstes jedoch nicht nach Übersee
geschickt und fand so Zeit sich seiner mittlerweile zur Leidenschaft
gewordenen Mathematik zu widmen.
Mit geringsten Erwartungen ging Walter Kohn schließlich
nach Beendigung seines Wehrdienstes von der weitaus unbekannten
Universität in Toronto an die damals schon weltberühmte
Harvard Universität nach Boston.
Umso überraschender kam es als Professor Schwinger ihm
1948 einen Lehrposten an der Harvard Universität anbot.
Als 26 jähriger Student half er 1949 während eines
Sommerjobs am Polaroid Labor mit an der Entwicklung der Polaroid
Kamera, welche wenig später, aufgrund der Erkenntnis,
dass geladene Teile auf eine Fotoplatte fallend ein fotographisches
Abbild ergeben, tatsächlich entwickelt wurde.
Nach vielen weiteren Stationen (unter anderen hatte er die
Ehre am Nils Bohr Institut in Kopenhagen an diversen Projekten
mitzuarbeiten) gelang er schließlich 1979 an die Universität
nach Santa Barbara (UCSB), an der er heute im Alter von beinahe
80 Jahren noch immer unterrichtet und diverse Programme höchst
erfolgreich leitet.
Besonders gute Beziehungen pflegt Professor Walter Kohn noch
zu Professoren und Direktoren der Technischen Universität
Wien; unter anderen nahm er vor einigen Jahren ein Ehrendoktorat
der Universität entgegen.
Auch mit Bundespräsident Dr. Thomas Klestil, in den 70
er Jahren selbst Generalkonsul in Los Angeles, verbindet ihn
eine Freundschaft.
Sicher schon 50 mal habe er seine Geburtstadt Wien seit seiner
Vertreibung besucht, lediglich während der Waldheim-Ära
blieb er Österreich fern.
Er habe eine sehr starke Beziehung zu Israel, aber auch zu
Kanada, sowie natürlich zu seiner jetztigen Heimat, den
Vereinigten Staaten.
In Österreich, bestens über Irak-Reisen und andere
Verfehlungen diverser Politiker informiert, fühle er
sich, "especially under the present situation" sehr
unwohl, obwohl, so Professor Walter Kohn abschließend,
"man sich doch normalerweise an seinem Geburtsort am
wohlsten fühlen müsste".
© 2002 Verein für Dienste im Ausland
|