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Die Gerechten Österreichs
Volksdeutsche
Kurt Reinhard - 1981
Der 29jährige Wiener Kurt Reinhard war ein Fotoamateur. Als
er nach der Eroberung Polens durch die Deutschen in der Stadt Tarnow
als Gehilfen des Zahlmeisters stationiert war, betrat er eines Tages
das Fotogeschäft TUMFOT in der Krakowskastraße, das dem
Juden Elieser Thum gehörte.
Reinhard interessierte sich für die Fotoapparate. Thum erzählte
ihm, dass er als Jude Schwierigkeiten hätte, neue Fotoapparate
zu bekommen. Reinhard, der an Thum Gefallen fand und ihm leid tat,
versprach zu helfen. Sie freundeten sich an. Reinhard besuchte oft
das Fotogeschäft und brachte immer Brot und andere Lebensmittel
für die Familie Thum mit.
Im Laufe der Zeit lernte Reinhard die Familie kennen, darunter die
Cousine Thums, Mina Scharf. Sie war bei Kriegsausbruch mit ihren
Eltern vor der deutschen Wehrmacht in Richtung Ostpolen geflohen
und schließlich in der Geburtsstadt ihrer Mutter, in Tarnow
gelandet. Reinhard versorgte die Familie Thum mit Lebensmitteln.
Reinhard brachte aus einem Wiener Urlaub Fotogeräte und andere
Waren, die damals in Polen rar waren, für Thum mit.
Im Juni 1940 wurde Reinhard nach Kattowitz versetzt. Der Vater von
Mina Scharf hatte dort vor dem Krieg ein Fotogeschäft, das
von den Deutschen beschlagnahmt wurde. Diese hatten den ehemaligen
Laboranten Scharfs, Rudi Bewei, als Treuhänder eingesetzt.
Scharf ersuchte Reinhard, sich in Kattowitz zu erkundigen, was mit
seinem Geschäft geschehen sei. Reinhard besuchte das Geschäft.
Er schrieb Mina Scharf: Bewei habe das Geschäft für die
geringe Summe von 30.000 Zloty enteignet. Einer der Angestellten,
Francisek Borowski, der 15 Jahre im Geschäft Thums gearbeitet
hatte, gab ihm Geld für Thum. Reinhard überwies es sofort
nach Tarnow. Er besuchte das Geschäft mehrere Male und Borowski
bat ihn jedes Mal, weitere Summen an die Familie Thum nach Tarnow
zu schicken.
1941 wurde Reinhard aus Kattowitz nach Österreich versetzt.
Er hielt ständigen Kontakt mit den Familien Thum und Scharf.
Er warnte sie vor der Gefahr und riet ihnen, sich so rasch wie möglich
falsche Papiere zu beschaffen und Tarnow zu verlassen.
Die Familien Thum und Scharf fuhren nach Lemberg, wo sie sich in
Sicherheit fühlten. Hier wurden jedoch der Vater Minas und
ein Onkel verhaftet. Sie sind seither spurlos verschwunden. Mina
wandte sich an Reinhard, der in Eros in Niederösterreich stationiert
war. Sie berichtete ihm über die Verhaftung des Vaters und
des Onkels und ersuchte ihn, in Erfahrung zu bringen, was mit ihnen
geschehen sei und in welches KZ sie verschickt wurden. In Lemberg
erfuhr Mina, dass ihr Vater und ihr Onkel umgekommen waren. Sie
besorgte sich für viel Geld einen gefälschten Geburtsschein,
der sie als Christin ausgab.
Als Mina Ende 1941 nach Tarnow zurückkehrte, fand sie zu ihrer
Überraschung Reinhard in ihrer Wohnung in der Brodzinskigasse.
Reinhard wollte auf dem Weg zur russischen Front die Familie besuchen.
Als er über den Tod ihres Vaters und Onkels hörte, sagte
er: "Schaut, dass ihr alle von hier herauskommt". Er sah
ihren gefälschten Geburtsschein und versprach, für sämtliche
Familienangehörige gefälschte Papiere zu besorgen.
Anfang 1942 begannen im Ghetto in Tarnow die ersten Aktionen. Die
Juden wurden angewiesen, sich zur Zwangsarbeit zu versammeln. Reinhard
warnte die ganze Zeit in seinen Briefen an Mina, daß sie sich
und ihre Familie in Sicherheit bringen müssen.
Nach vier Monaten Frontdienst wurde Reinhard aus Russland zurückgeschickt,
weil er dort erkrankte. Er wurde nach Krakau versetzt.
Im April 1942 wurde Mina auf der Straße von Gestapoleuten
überfallen und blutig geschlagen. Sie berichtete Reinliard
über das Geschehen. Reinhards Mutter schickte Mina aus Wien
50 Mark und Reinhard schrieb an sie: "Schau, daß du herkommst.
Du brauchst keine Sorgen zu haben. Ich sorge weiter, für dich
und für deine Familie."
Am 11. Juni 1942 fand eine große Aussiedlungsaktion im Ghetto
von Tarnow statt. Die Familie Minas überlebte die Aktion außer
einem Onkel und einer Tante. Mina konnte rechtzeitig nach Krakau
fliehen, wo sie mit ihrem gefälschtem Geburtsschein eine provisorische
Kennkarte und einen Ausweis bekam, der sie als Beamtin der Stadtverwaltung
auswies. Sie musste sich wieder an Reinhard um Hilfe wenden. Ein
Bekannter von ihr, Stanislaw Dziuba, verkaufte Fotoapparate für
sie, nachdem Reinhard für sie beim Kommissar für Film,
Foto und Propaganda vorgesprochen hatte. Diese Tätigkeit musste
jedoch eingestellt werden, da Dziuba von der Gestapo verhaftet wurde.
Reinhard erreichte seine Freilassung und rettete ihn vor dem KZ.
Die Situation in Polen wurde schlimmer. Verwandten Minas, ihrer
Mutter, ihrer Schwester, ihrem Onkel und ihrer Cousine drohte die
Verhaftung. Mina telegrafierte an Reinhard. Dieser erwiderte, ein
Arbeitsschein für sie sei bereits vom Arbeitsamt München
unterwegs, wo Reinhard stationiert war. Sie solle sich bereit machen,
als freiwillige Fremdarbeiterin nach Deutschland zu kommen.
Mina und ihre Cousine Moyla wurden im Zug nach München angehalten.
Sie gaben sich mit gefälschten Papieren als Polinnen aus, die
in Wien arbeiten wollen. Als sie in Wien ankamen und die Mutter
Reinhards anriefen, sagte diese: "Kinder, kommt sofort zu mir."
Reinhard telefonierte aus München, Mina solle sofort nach München
kommen. Ihre Cousine Moyla wurde als Fremdarbeiterin nach Sankt
Valentin geschickt.
Reinhard erwartete Mina am Bahnhof von München. Er arbeitete
als Prüfer von Panzerwagen bei der Wehrmacht, nahm sich einige
Tage Urlaub, um Mina zu helfen. Er ging mit ihr ins Arbeitsamt.
Sie wurde in ein Arbeitslager bei den BMW-Werken zugeteilt.
Im Lager arbeiteten viele polnische Fremdarbeiter und Mina befürchtete,
dass diese entdecken könnten, daß sie Jüdin sei.
Reinhard erfuhr, dass nur Deutsche oder Volksdeutsche das Recht
hätten, außerhalb des Lagers zu arbeiten. Er ging zu
den zuständigen Stellen und bezeugte, dass Mina deutscher Abstammung
sei. "Woher wissen Sie das?" wurde er gefragt. "Ich
kenne die Dame lange sehr gut und kann das beweisen", erwiderte
Reinhard.
Reinhard gelang es, Mina bei seiner Bekannten, der Besitzerin einer
Pension, Frau Hauser, als Arbeitskraft unterzubringen. Dazu benötigte
Mina jedoch einen Ausweis, den sie vom VDA ( Verband der Deutschen
im Ausland) erhielt. Reinhard ging von einem Amt zum anderen, bis
er Mina einen solchen Ausweis besorgte. Er ging mit ihr zum Polizeipräsidium
in München und Mina bekam eine offizielle Erlaubnis, in München
arbeiten zu können; eine Aufenthaltsbewilligung als ehemalige
polnische Staatsbürgerin für das ganze Reich, eine Bewilligung
außerhalb des Arbeitslagers wohnen zu dürfen und einen
Pass auf den Namen Johanna Martha Scharf. Reinhard erklärte
vor dem Polizeipräsidenten in München: "Als deutscher
Soldat garantiere ich mit meinem Ehrenwort dafür, dass Frau
Scharf eine Volksdeutsche ist."
Reinhard sagte Mina, nun sei auch die Zeit gekommen, für ihre
Familie zu sorgen und sie in Sicherheit zu bringen. Es sei jedoch
besser, wenn alle nicht zur gleichen Zeit kommen würden.
Im Laufe der Zeit brachte Reinhard die ganze Familie Minas - Onkel
Thum, ihre Mutter Helena, ihre jüngere Schwester Loscha, Cousins
und Cousinen nach Deutschland und Österreich und verschaffte
ihnen Arbeitsplätze. Onkel Thum wurde in einem Fotoatelier
in Spittal an der Drau, Loscha in St.Valentin, Onkel Lazek bei einem
Bäcker in München beschäftigt. Reinhard konnte die
Arbeitgeber mit Zigarren, Zigaretten und Schokolade bestechen. Wenn
irgendwem von der Familie die Arbeit schwer fiel, sorgte Reinhard
für einen anderen Arbeitsplatz. Als München mehrere Male
bombardiert wurde, brachte Reinhard die Familienmitglieder aufs
Land.
Reinhard wusste, dass Mina nach dem Krieg nach Tel - Aviv, in Israel
emigrierte. Als er in den Siebziger Jahren Israel besuchte, fand
er ihre Telefonnummer- in der Tel Aviver Dow Hos Straße 8.
Er rief an und erkannte sofort ihre Stimme. "Ist das Frau Scharf?"
fragte er. Es dauerte lange, bis er eine Antwort bekam. Mina zitterte
am ganzen Körper. "Kurt", brachte sie mit Mühe
heraus. "Wieso hast du mich erkannt", fragte Reinhard.
Es ist ja so lange Zeit seither vergangen. "Dich und diese
Zeit kann man nie vergessen ..." sagte Mina. Sie lud ihn sofort
ein.
Die Gerechten Österreichs
Eine Dokumentation der Menschlichkeit
von Mosche Meisels
Umschlaggestaltung von
Arje Weiss (einer der Geretteten)
Herausgegeben von der Österreichischen Botschaft in Tel Aviv
1996, S. 73-76.
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