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Die Gerechten Österreichs
Weltbewegung
gegen Rassenhass
Irene Harand - 1969
Die 1901 in Wien geborene Irene Harand gefährdete ihr Leben
im Kampf gegen den Nationalsozialismus, Rassenhass und Menschenmord.
Die tiefgläubige Katholikin, Gattin eines Hauptmannes war Obmann-Stellvertreterin
der Christlichsozialen Partei. Sie gründete in Wien eine "Weltbewegung
gegen Rassenhass und Menschenmord". In Kürze umfasste
sie 36.000 Mitglieder in aller Welt.
Frau Harand gab mit dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Moritz Zalman eine
Wochenzeitung "Gerechtigkeit" mit einer Auflage von 28.000
Exemplaren heraus und hielt in fast allen europäischen Ländern
Vorträge über die Gefahr des Nationalsozialismus. Der
damalige deutsche Botschafter in Wien, Franz von Papen, protestierte
einige Male bei der österreichischen Regierung gegen Artikel
in der Wochenzeitung "Gerechtigkeit" und gegen die Vorträge
von Irene Harand als "Eingriff in innerdeutsche Angelegenheiten".
Die österreichische Regierung sah sich gezwungen Versammlungen
von Frau Harand zu verbieten.
Im März 1933 veröffentlichte Irene Harand ein Buch in
Wien mit dem Titel "So? oder so? - Die Wahrheit über den
Antisemitismus".
In der Einleitung zum Buch schrieb sie: "Eine Welle des Hasses
durchflutet das Land. Die Politiker wetteifern in ihrem Hassgesang
gegen die Juden. Es herrscht jetzt Hochkonjunktur im Antisemitismus.
Als Christin und Arierin schäme ich mich dieses Treibens. Ich
würde mich mitverantwortlich für den Schmach und für
die Folgen der Verhetzung fühlen, wenn ich schweigen würde,
denn ich bin überzeugt, dass der Kampf gegen die Juden eine
Versündigung gegen unseren Heiland bedeutet, der, sofern er
sich uns als Mensch zeigte, Jude war. Das was wir heute mit den
Juden aufführen, hat man in den Anfängen des Christentums
mit den Christen aufgeführt. Wer ein Gewissen hat und wer sich
die Mühe 'nimmt, ernstlich nachzudenken, der wird finden, dass
ich - indem ich die Schande des Antisemitismus von uns abwenden
will - nicht nur als gute Österreicherin sondern auch als gute
Christin handle. Wer an die Qualen und Leiden denkt, die unschuldige
Menschen nur deshalb erleiden mussten, weil einige Politiker zu
Macht und Ansehen gelangen wollen, wer den Schmerz der jüdischen
Mutter mitempfindet, wer den Jammer der jüdischen Greise, der
Witwen und Kinder, die der verhetzten Menge zum Opfer fallen würden,
mitfühlen kann, der wird sich von einer Bewegung abwenden,
die solche entsetzlichen Folgen bewusst herbeiführen will".
Zwei Jahre später veröffentlichte Irene Harand in Wien
ihr Buch "Sein Kampf, 8 Antworten an Hitler". Es wurde
ins Englische und Französische übersetzt. Im Schlusswort
zum Buch schrieb sie: "Das Hakenkreuz lässt nicht nur
die jüdische Minderheit sondern auch die Katholiken seine Macht
fühlen. Der Hauptangriff gilt der deutschen Judenheit, die
unsägliche Qualen und Demütigungen im Dritten Reich ertragen
muss. Der Antisemitismus bedeutet für das Hakenkreuz nichts
anderes als ein Mittel zur Befestigung der hauptsächlich durch
Entfachung der Hassinstinkte gegen die Juden nun einmal erlangten
Macht. Den Opfern des Hakenkreuzes soll dieses Buch Trost bieten
und die Überzeugung beibringen, dass es Menschen in dieser
Welt gibt, die sich mit dem Terror des Dritten Reiches nicht abfinden
und kämpfen wollen, bis von der Menschheit die Gefahr, die
die Verbreitung des Hakenkreuzes bedeutet, gebannt und die Opfer
von ihren Peinigern erlöst werden. Das Hakenkreuz ist die größte
Gefahr des Jahrhunderts. Wenn wir ihr begegnen wollen, müssen
wir gerade die Waffen anwenden, die dem Hakenkreuz fremd sind: Idealismus
und Opfermut, Vernunft und Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit".
In der Zeit des Anschlusses befand sich Irene Harand auf Vortragsreise
in England. Das nationalsozialistische Regime setzte ein Kopfgeld
in der Höhe von 100.000 RM aus. Irene Harand konnte nicht mehr
heimkehren; sie blieb zuerst in England und wanderte später
nach Amerika aus.
In den USA sorgte Irene Harand aufopfernd für österreichische
Emigranten, die sich in schwierigen Verhältnissen befanden
und erteilte ihnen jede mögliche Hilfe. Sie rettete zahlreiche
jüdische Familien aus Österreich, indem sie deren Auswanderung
nach Amerika ermöglichte.
1943 gründete Irene Harand in New York ein Institut für
jüdische Schriftsteller und Künstler aus Österreich,
um ihnen ihre Berufstätigkeit im amerikanischen Exil zu erleichtern.
Dieses Institut wurde nach dem Krieg zum Forum zur Förderung
der kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und den USA.
1969 beschloss Yad Vashem, Frau Irene Harand für ihre Rettung
und Hilfe an vom Naziregime verfolgten Juden die Ehrenmedaille "Gerechte
der Völker" zur verleihen. Aus Anlaß der Ehrung
kam Frau Harand nach Israel. Sie starb 1975 in New York. Die Urne
mit ihrer Asche wurde am 27. Juni 1975 in einem Ehrengrab der Gemeinde
Wien beigesetzt.
Die Gerechten
Österreichs
Eine Dokumentation der Menschlichkeit
von Mosche Meisels
Umschlaggestaltung von
Arje Weiss (einer der Geretteten)
Herausgegeben von der Österreichischen Botschaft in Tel Aviv
1996, S. 40-42.
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