Bericht von Philipp Bulgarini
Januar 2001 - April 2001

Januar 2001 | Februar 2001 | März 2001 | April 2001

Zeitliche Auslastung:
mind. 42 Stunden
Dienstzeiten: Montag bis Freitag von 8:30 Uhr bis 17:30 Uhr

Tätigkeiten:

Januar 2001

Ich habe meinen Dienst am Museum of Jewish Heritage - A Living Memorial to the Holocaust, New York City, am 31.Dezember 2000 angetreten. Im Museum wurde ich herzlich von Mrs. Polly Weiss begrüsst und nach einem ausführlichen Einführungsgespräch meinen Vorgesetzten und allen Mitarbeitern vorgestellt. Anschliessend wurde mir ein eigenes Buero mit Computer in der Collections & Exhibitions - Abteilung zugewiesen, in deren Kompetenz sich der Grossteil meines Aufgabengebietes befindet.

In den ersten Tagen setzte ich mich vor allem mit der permanenten Ausstellung des Museums auseinander, um mich mit dieser vertraut zu machen. Ich war sehr beeindruckt von der Art, wie dem Besucher die juedische Kultur und Geschichte und die Ereignisse des Holocaust naehergebracht werden. Ich konnte bereits in den ersten Tagen meines Auslandsdienstes feststellen, dass das Museum wirklich versucht, ein "Living Memorial To The Holocaust" zu sein. Es ist kein Museum der herkoemmlichen Art, das seine Ausstellungsobjekte als Kunstobjekte betrachtet, sondern es versucht, durch die Objekte eine Geschichte zu erzaehlen, an deren Ende wir noch nicht angelangt sind.

Weiters nahm ich Anfang Jänner an mehreren Vorlesungen im Rahmen eines zweiwoechigen Education-Programmes fuer College-Studenten der USA teil. Dieses Programm, das vom Museum of Jewish Heritage finanziert und durchgeführt wird, findet zwei Mal pro Jahr statt, unterweist diese Stundenten in Museumspaedagogik und bringt ihnen die Ausstellung des Museums naeher. Als Langzeitprojekt geben diese Studenten dann ihr Wissen an Studienkollegen und Schüler weiter und organisieren auch ihre eigenen Führungen am Museum.

Innerhalb kurzer Zeit wurde ich vollständig in den Museumsbetrieb eingegliedert und nach einigen Gesprächen bzw. Vorträgen über meinen Gedenkdienst auch als vollwertiges Mitglied im Museum aufgenommen. Meine ArbeitskollegInnen haben sich vor allem in dieser Anfangsphase sehr hilfsbereit gezeigt und versucht, sowohl alle museumsbezogenen Fragen zu klären als mich auch bei privaten Angelegenheiten zu unterstützen (Wohnungssuche, etc.).

Nachdem ich mich mit dem Museum und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hatte, begann Frau Esther Brumberg mit meiner spezifischen Einschulung in alle Bereiche des Collections & Exhibitions - Departments (Instandhaltung und Verbesserung der permanenten Ausstellung; Arbeit an Sonderausstellungen; Archivierung, Restauration und Dokumentation von Dokumenten; etc.).

Im Jänner wurde ich vor allem mit folgenden Aufgaben am Museum of Jewish Heritage betraut:
* Uebersetzung dt. Dokumente ins Englische:
v Dokumente zum Thema <Hitler Youth> und ca. 60 Seiten Unterrichtsmaterialien, die vor dem 2. Weltkrieg verwendet wurden.

* Nachforschungsarbeiten am Leo Baeck Institut
z.B. musste ich ausfindig machen, wo und in welchem Kontext nicht näher dokumentierte Zeitungsartikel und Photographien erschienen sind.

* 1 ½ Wochen verbrachte ich mit Kollegen im Lager des Museum, wo ich bei der Umsiedlung eines Teils der Objekte in einen neuen Lagerraum helfen konnte. Die Arbeit umfasste die neue Anordnung von nicht ausgestellten Objekten, deren Katalogisierung und digitale Erfassung. So war es mir moeglich, einen besseren Einblick in die Sammlung und eine bessere Vorstellung von deren Umfang, Lagerung und Sicherheit zu bekommen.

* Ausserdem war ich behilflich bei der Erfassung von Videokassetten, welche ich in den folgenden Monaten anschaute und darüber detailierte Inhaltsangaben verfasste.

* Weiters stellt die Fusion des Museums mit dem Bronx High-School of Science - Museum (eine der besten öffentlichen Schulen in New York) ein wichtiges längerfristiges Projekt dar, das noch am Anfang seiner Entwicklung steht. Die Sammlung dieses High-School-Museums soll in die Sammlung des Museums of Jewish Heritage integriert, katalogisiert und archiviert werden. Weiters soll eine bestimmte Auswahl an Objekten und Dokumenten auch in dieser High-School ausgestellt werden. Bis jetzt war ich mit einer genaueren und übersichtlicheren Auflistung der Objekte und Dokumente beschäftigt. Diese sollen nun nach Besichtigung des Museums genauer erfasst, beschrieben, konserviert und gekennzeichnet werden.

* Mit einem anderen Intern am Museum habe ich die Aufgabe übernommen, die ausgestellten Objekte des Museums mit dem Inventarbuch zu vergleichen und dieses gegebenenfalls zu vervollständigen bzw. zu korrigieren. Durch diese Arbeit soll ich noch weiter mit der Museums-Kollektion vertraut werden.

In den ersten Tagen nach meinem Dienstantritt setzte ich mich mit der österreichischen Vertretungsbehörde in New York City in Verbindung. Darüber hinaus habe ich auch das österreichische Kulturinstitut über meine Arbeit informiert.
Meine Vorgesetzten am Museum of Jewish Heritage betonten mehrmals in persönlichen Gesprächen wie wichtig und sinnvoll unser Projekt 'Gedenkdienst' sei und dass wir damit einen wichtigen Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung leisten.

Februar 2001

1) Bronx Science Projekt
Treffen mit den Verantwortlichen und den Schülern der Bronx High School of Science. Es wurden wichtige Aspekte der weiteren Vorgehensweise besprochen und mit der Inventarisierung und Katalogisierung der Dokumente fortgefahren

2) Permanente Ausstellung:
* Rotation Meeting:
Übersetzungen und Ausarbeitungen für die wöchentlichen, museumsinternen 'Rotation Meetings', bei denen der notwendige Wechsel von Ausstellungsstücken besprochen wird und neue Objekte bzw. Dokumente von den einzelnen Mitarbeitern vorgestellt werden.

3) Sonderausstellungen
* Video-Kollektion
Arbeiten an der Video-Kollektion des Museums: Zusammenfassen von Interviews Holocaust Überlebender - hauptsächlich zum Thema 'Widerstandsgruppen' für eine Sonderausstellung.

4) Bücherei
Meine Hauptaufgabe umfasste im Februar vor allem Arbeiten in der Bibliothek des Museums, wo ich mit dem Projekt beauftragt wurde, die alte Bücher-Kollektion soweit zu bearbeiten, dass sie mit der neuen und grösseren Kollektion verbunden und anschliessend digitalisiert und mit Barcodes versehen werden kann.
Weiters habe ich alte, sehr brüchige Zeitschriften archiviert und beschriftet und neue Bücher von Stiftungen zur digitalen Datenbank hinzugefügt.

5) PR
Unser PR-Department interviewte mich über meiner Arbeit hier am Museum und das österreichische Gedenkdienst-Programm. Der Bericht wird im Mai im offiziellen Newsletter des Museums, "18 First Place" veröffentlicht werden.

Ich bin nun vollständig als Mitarbeiter des Museums integriert. Vor allem die Übersetzungsarbeiten stellen für mich eine tolle Möglichkeit dar, anhand von Originaldokumenten, mehr über unsere jüngste Vergangenheit zu erfahren. Ich besuche viele Vorträge und habe dadurch auch manchmal die Möglichkeit, verschiedene Leute in Diskussionen oder privaten Gesprächen über die historische und aktuelle politische Situation in Österreich zu informieren. Eine korrekte Darstellung der Ereignisse ist meines Achtens vor allem durch die aktuelle Präsenz Österreichs in den Medien von grosser Bedeutung.

März 2001

1) Bronx Science Projekt
Weitere Besuche des Bronx High School of Science - Museums und Teilnahme an Führungen der Studenten durch das Museum of Jewish Heritage.

2) Permanente Ausstellung:
* Ausarbeitung einer Preistabelle für etwaige Photokopien oder Veröffentlichungs-rechte, die das Museum an Dritte verkauft.
* Eine der wichtigsten Aufgaben, mit denen ich hier am Museum betraut werde, stellt die Übersetzung von deutschen Originaldokumenten ins Englische dar, da ich der einzige Mitarbeiter mit deutscher Muttersprache bin (z.B. ein Brief an Göring, Briefverkehr zw. Inhaftierten der "Isle of Man" und ihren Familien, de-Nazification Dokumente, etc.)

3) Sonderausstellungen:
* Ich wurde mit dem sogenannten Projekt "Pfeffer" betraut, das vor allem die Archivierung und Dokumentation von Photographien der Sammlung von Frau Pfeffer beinhaltet.
* Erstellung und Bearbeitung einer Einladungsliste für die Sonderausstellung "Citizens Betrayed"
* Zusammenfassung von Video-Interviews zum Thema "Widerstandsgruppen"


4) Bücherei:
* Fortsetzung des Projektes zur Zusammenlegung der beiden Kollektionen des Museums und zur anschliessenden Eintragung aller Bücher in eine gemeinsame Datenbank.
* Weitere Eintragung neuer Bücher, die vom Museum erworben wurden, in die Datenbank

April 2001

1) Bronx Science Projekt
In den Sommermonaten werden zwei Schüler der Bronx High School of Science am Museum einen Ferialjob erhalten, wodurch eine bessere Zusammenarbeit mit den Schülern und der Schule möglich sein wird.

2) Permanente Ausstellung:
* Übersetzungen und Ausarbeitungen für die wöchentlichen, museumsinternen 'Rotation Meetings'
* Weiters wurde mir ein eigener Schaukasten zugeteilt, für welchen ich verantwortlich sein werde. Es müssen die Objekte und Dokumente aus Schutzmassnahmen (Licht, Staub) ständig ausgewechselt und durch ähnliche Objekte/Dokumente der Sammlung ersetzt werden.

3) Sonderausstellungen:
* Dieses Monat konzentrierte sich meine Übersetzungsarbeit vorrangig auf Dokumente des Ringelblum-Archivs und Dokumente die sich mit dem Ghetto-Aufstand in Warschau beschäftigen.
* Weiters übersetzte ich einen deutschsprachigen Katalog einer Ringelblum-Archiv-Ausstellung und einen detailierten Zeitplan der Ereignisse des Warschauer Ghettos.
* Übersetzung verschiedener anderer Dokumente

4) Bücherei:
* Abschliessung des Projektes zur Zusammenlegung der beiden Kollektionen des Museums.
* Dieses Monat erhielt die Bücherei des Museums eine neue Datenbank, wobei ich bei der Konvertierung der Daten half.
* Weiters musste ich mich mit der neuen Ausstattung und den erweiterten Funktionen der Datenbank vertraut machen und wurde anschliessend bei grundlegenden Entscheidungen miteinbezogen.

5) Video-Kollektion:
Anfang April wurde ein neues Set unserer Video-Kollektion geliefert. Ich erhielt die Aufgabe, zusammen mit einem anderen Intern eine komplette Inventur sowohl des alten als auch des neuen Sets zu machen. Es mussten alle Videokassetten erfasst, aufgelistet und katalogisiert werden. Als weiterführendes Projekt erstelle ich eine Datenbank, mit deren Hilfe Etiketten für die einzelnen Videos angefertigt werden können.

Im April wurde auch ein Video aufgenommen, das vor allem für Fundraising-Zwecke verwendet werden wird. Ich durfte unter anderen als stummer Schauspieler an diesem Kurzfilm teilnehmen. Das Video wird zum ersten Mal am Sonntag, den 29.April 2001 beim jährlichen 'Heritage Dinner' gezeigt, das im Waldorf=Astoria stattfinden wird. Internationale Persönlichkeiten wie Rupert Murdoch, Irving Schneider, Larry Silverstein oder Arthur Siskind werden an diesem grössten Fundraising-event des Museums teilnehmen.

Am Dienstag, den 24. April 2001 hatte ich die Möglichkeit, vor drei verschieden fortgeschrittenen Deutschklassen an der privaten Regis High School in Manhattan Vorträge über meine Arbeit am Musem und das österreichische Schulsystem zu halten und mich an Diskussionen über die momentane politische, kulturelle und soziale Situation in Österreich und über Themen wie Ausländerfeindlichkeit/Rassismus in der Welt zu beteiligen. Das eröffnete mir einen guten Einblick in die Gedankenwelt amerikanischer Jugendlicher und bot mir auch die Möglichkeit, meine Erfahrungen mit den Schülern zu teilen.

Trotz einiger Schwierigkeiten, denen man in einer Grosstadt wie New York City begegnet (Wohnungssuche, Lebenserhaltungskosten, hoher Dollarkurs, Anpassung an ein neues soziales Umfeld, Kriminalität, etc.) und der teilweise sehr anstrengenden und wegen der ständigen Beschäftigung mit einem so schrecklichen Thema auch deprimierenden Arbeit am Museum of Jewish Heritage, bin ich nun von der Richtigkeit meiner Entscheidung, meinen Auslandsdienst am Museum of Jewish Heritage zu verrichten, überzeugt.
Viele Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, haben mir mitgeteilt, wie wichtig und sinnvoll meine Arbeit im Rahmen des österreichischen Gedenkdienstes ist und wie sehr sie unser Projekt schätzen.