| Transfusion von Blut und Kapital
Gerhard Drekonja-Kornat (Die Presse)
Stefan Zweigs Aufenthalte in Brasilien und seine Suche nach einem Land für Juden.
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In den klassischen Zweig-Biografien ergeben Wien und Europa den Hauptteil. Brasilien, wo Stefan Zweig zusammen mit seiner zweiten Gattin Lotte in Petropolis im Februar 1942 freiwillig aus dem Leben schied, bildet üblicherweise nur einen Annex. In der monumentalen Arbeit „Tod im Paradies“ des Brasilianers Alberto Dines steht alles auf dem Kopf: Auf den 724 Textseiten stellt das südamerikanische Land, welches Zweig drei Mal, 1936, 1940 und 1941/41 Gastfreundschaft bot, den detailreichen Kern der Erzählung.
Alberto Dines war 1940, als Zweig die jüdische Scholem Aleichem-Schule in Rio de Janeiro besuchte, Zögling dieser Anstalt. Fast dreißig Jahre lang sah Dines, aufwachsend, täglich das signierte Foto des österreichischen Schriftstellers – „der Schnurrbart unterschied sich nicht sehr von dem Hitlers, aber der Blick war sanft und gütig“ – im Arbeitszimmer des Vaters. Zweig wurde einer der Fixpunkte im Leben des brasilianischen Journalisten und Kritikers.
Eine erste Edition seiner Zweig-Biografie erschien 1981. Inzwischen hält der Bestseller, immer erweitert und immer genauer, in der dritten Auflage. Marlen Eckl, eine deutsch-brasilianische Doktorandin an der Universität Wien, hat in einem bewunderungswürdigen Alleingang die deutsche Fassung ermöglicht.
Alternative zum „Herzlstaat“?
Bei den Eckdaten hält Dines sich eng an den autoritativen Biografen Donald A. Prater. Indes, Stefan Zweig wird nunmehr früher und deutlicher als Jude wahrgenommen. „Der Aristokrat ist verschwunden, das Jüdische tritt stärker hervor.“ Dines lässt Zweig, als Anhänger des „Territorialismus“, intensiv nach einer Alternative zu Herzls Palästina-Judenstaat suchen. Deshalb Zweigs bisher nie wirklich beachteter dreiwöchiger Aufenthalt im Jänner 1938 in Lissabon, um die portugiesische Regierung für eine Öffnung von Angola für flüchtende Juden zu gewinnen.
Da dieser Versuch ergebnislos blieb, bot sich Brasilien, trotz des Antisemitismus der faschistoiden Vargas-Diktatur, als Alternative an. Deshalb schrieb Zweig das oft missverstandene Brasilien-Buch („Brasilien. Ein Land der Zukunft“, 1941). Es war eben keine peinliche Auftragsarbeit für die Vargas-Regierung, um den Asylanten das Aufenthaltsvisum zu sichern. (Solches besorgte Paul Frischauer, ein „literarischer Abenteurer“, der 1943 eine lobhudelnde Vargas-Biografie abfasste.) Vielmehr stellte Zweig in dithyrambischen Sätzen Brasilien als Paradies vor, leer allerdings, und daher dringend bedürftig einer „Transfusion von Blut und Kapital“ – wobei Zweig an jüdische Einwanderer mit ihren Talenten dachte.
Um darauf zu warten, zeigte sich Zweig zu ungeduldig. Das von ihm gemietete Häuschen mit schöner Terrasse in Petropolis wurde sein selbstgewählter Todesort. Lang stand es leer. Doch seit 2006, dank des unermüdlichen Bemühens von Dines, funktioniert es als Museum „Casa Stefan Zweig“. Muito obrigado, Alberto Dines!
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