Die Presse 16. September 2006
Gerhard Drekonja-Kornat

Vom langen Leben nach dem Tod

Was Österreichs Kulturpolitik nicht fertig brachte, hat der Brasilianer Alberto Dines geschafft: Das Haus in Petropolis, in dem Stefan Zweig mit seiner zweiten Frau, Lotte, 1941 residierte (und wo das Paar in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 in den Freitod ging) fungiert seit kurzem als Zweig-Museum. Dieser Tage jährt sich zudem der 65. Jahrestag der Veröffentlichung des Buches "Brasilien - Ein Land der Zukunft" (beim Exilverlag Bermann-Fischer in Stockholm), eines Textes, der als Zweigs Hommage an sein Gastland und an seinen blutjungen brasilianischen Verleger, Abrahao Koogan, zu verstehen ist.

Als treibende Kraft hinter Brasiliens Zweig-Renaissance muss Alberto Dines vorgestellt werden. Dines, Redakteur der Tageszeitung "O Estado de São Paulo", besuchte 1941 in Rio de Janeiro als Erstklässler die jüdische "Scholem- Alejchem-Schule", welche Stefan Zweig mit seinem Besuch beehrte. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Beschäftigung des Brasilianers mit dem Österreicher Zweig. Dines' gern gelesenes Zweig-Buch "Morto no Paraíso" (Tod im Paradies) kam unlängst in Rio beim Verlag Nova Fronteira in der dritten, erweiterten Auflage heraus.

Im Übrigen werden in Brasilien auch Stefan Zweigs Romane und Erzählungen gekauft und verschlungen. Der Satz vom "Land der Zukunft", bis vor kurzem oft ironisch verwendet (Brasilien ist das Land der Zukunft - und wird es immer bleiben!), erhielt eine neue Bedeutung, weil Brasiliens Ex-Finanzminister Mailson da Nóbrega, in direkter Anspielung auf Zweig, ein Buch mit dem Titel "O Futuro Chegou" (Die Zukunft ist jetzt da), als optimistische Prognose für das steil aufstrebende Land, veröffentlichte.

So weit, so gut. Was indessen Dines' Zweig-Buch höchst aktuell macht, ist die - in der dritten Auflage hinreichend dokumentierte - These, Zweig, der Theodor Herzls Palästina-Idee nicht goutierte, habe in seinen letzten Lebensjahren als alternative Zuflucht für Europas Juden den portugiesischsprachigen Übersee-Raum sondiert. Deswegen seine - bisher rätselhaften - Lissabon-Aufenthalte. Deswegen auch die überschwängliche Beschreibung von Brasilien.

Heute wissen wir, dass Stefan Zweig recht hatte. Theodor Herzl, Autor des dünnen Bändchens "Der Judenstaat" (1896) und des Romans "Altneuland" (mit der Vision einer aristokratisch geleiteten jüdischen Nation), nahm bei seinen Verhandlungen mit dem Osmanischen Reich einfach keine lokalen Ansässigen wahr. Israel als jüdischer Nationalstaat schaukelte nach 1948 die Spannungen mit den Palästinensern kontinuierlich auf. Da gleichzeitig die finanzielle, politische und religiöse Erneuerung der islamischen Welt einsetzte, auf die Israel militärisch reagierte, stehen wir alle in der heutigen Sackgasse.

Zunehmend kämpft Israel um sein Überleben, umzingelt von Akteuren, die dem jüdischen Nationalstaat das Existenzrecht absprechen. Schon frisst sich die Idee eines atomaren Holocausts in die Hirne ein: 600 Millionen Muslime gegen sechs Millionen Israelis! Solches hat Stefan Zweig, aus dem Bauch heraus, befürchtet. Und der Brasilianer Alberto Dines kann mit seinem Buch Zweigs diffuse Ängste um einen Judenstaat in Palästina unmissverständlich belegen. [*]