Libération 21. November 2001
Pierre Daum

Österreich: Klarer Schnitt beim Gedenken

Reduziertes Budget für die "Diener des Gedenkens" an die Opfer der Nazis

Von PIERRE DAUM

Wien von unserem Korrespondenten


Für Österreich, das noch immer die Lasten der Vergangenheit zu tragen hat, konnte es gar keine schönere Initiative geben: Seit 10 Jahren subventioniert der österreichische Staat den Auslandaufenthalt von ungefähr 40 jungen Männern, die anstatt den Militärdienst zu leisten, ihre Dienste diversen Institutionen, die sich dem Gedenken an die Opfer der Nazis verschrieben haben, zur Verfügung stellen. (14 Monate anstatt 8 Monate) Einige gehen nach Israel, als Hilfskräfte in einem Haus von Holocaustüberlebenden, andere gehen in die Vereinigten Staaten, ins Simon-Wiesenthal-Center, oder nach Frankreich in die "Fondation pour la mémoire de la déportation". (Stiftung für das Gedenken an die Deportation)Nun hat die Regierung von Wolfgang Schüssel (Rechtskonservative in Koalition mit der Rechtsextremen) beschlossen, unter dem Deckmantel der Budgetkürzungen die Subventionierungen für die Gedenkdiener zur Hälfte zu kürzen.

Image. "Das ist absolut unverständlich", versteht Andreas Maislinger die Welt nicht mehr. Andreas Maislinger ist der Vorsitzender eines Vereins für Wehrdienstverweigerer ist; er hat diesen Militärdienst in Österreich nach einem schon in Deutschland existierenden Modell gegründet. "Diese jungen Männer kosten dem Staat praktisch nichts (sie bekamen insgesamt jeder 10.000 Euro), aber was sie dem Staat an Imagegewinn bringen, ist unschätzbar!"

Werner Kutil, ein 28-jähriger Oberösterreicher, der gerade im Centre de la mémoire d'Oradour-sur-Glane, in Frankreich seinen Dienst angetreten hat, ist eines der ersten Opfer dieser Sparpolitik. "Auch wenn ich nichts von der Regierung bekommen werde, werde ich die 14 Monate hier bleiben", verspricht der Junge, der aus einer bürgerlichen, katholischen Familie stammt. "Leider gibt es auf der Welt noch immer Rassismus und Antisemitismus. Ich versuche hier einen kleinen Teil dazu beizutragen, daß sich die vergangenen Greueltaten nicht wiederholen."

Hereingelegt. Die Direktorin des Zentrums von Oradour, Anne-Dominique Barrère, bezeichnet die neue Haltung der österreichischen Behörden, als "sehr bedauerlich". Detail am Rande: Die Direktorin hatte ein Dankesschreiben an den Präsidenten der österreichischen Republik, Thomas Klestil geschrieben, in dem sie Ihre Freude über die Ankunft von Werner ausdrückt. "Es ist sehr mutig von einem jungen Österreichern, hierher zu kommen, um sich mit den Verbrechen der Nazis auseinander zu setzen." Der Präsident (durch Vermittlung seines Kabinetschefs) hat ihr soeben geantwortet, mit der Versicherung, daß er die Arbeit der Freiwilligen als "sehr wichtig" erachtet. "Hierbei fühle ich mich wirklich hereingelegt!", so Anne-Dominique Barrère. In Wien halten die Behörden an Ihrer Budgetvision fest: "Ausgehend vom Budget 2001", erklärt man im Innenministerium, "haben wir nur mehr Geld für maximal 25 Freiwillige. Punkt und aus."