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"Wir sind Botschafter"
- Gedenkdiener in Kanada
Lothar Bodingbauer (29) arbeitet im Holocaust Centre in Montreal
ALTHEIM. "Ich verbringe im Augenblick viel Zeit damit,
in Montreal Fragen zur politischen Situation in Österreich
zu beantworten. Die Leute hören immer wieder von Haider
und haben eine sehr schlechte Meinung." Lothar Bodingbauer
(29) arbeitet am Montreal Holocaust Memorial Centre (MHMC)
und ist einer von 21 jungen Österreichern, die im Ausland
einen 14-monatigen Gedenkdienst leisten. In der Diskussion
mit den Menschen - die meisten sind Überlebende des Holocaust
und ihre Familien - erfüllt er eine wichtiges Ziel des
Auslandsdienstes: ein Zeichen zur aktiven Beschäftigung
mit der NS-Vergangenheit zu setzen und ein bisschen Botschafter
Österreichs zu sein.
Interviews mit Überlebenden
Der Altheimer ist der mittlerweile sechste Gedenkdiener im
MHMC und gemeinsam mit seinem jüdischen Wiener Kollegen
Michael Pollan Teil des achtköpfigen Teams. Seine Aufgabe
besteht unter anderem darin, an einem Zeitzeugen-Programm
mit Video-Interviews von Überlebenden des Holocaust mitzuarbeiten.
Bei dem Job hilft Lothar Bodingbauer seine Erfahrung aus dem
ORF, für den er neben dem Physik- und Mathematik-Studium
Radiobeiträge gestaltet.
Das MHMC ist ein jüdisches Zentrum, das neben einem
Umbau befindlichen Museum auch eine Volkshochschule, einen
Kindergarten und ein Altenzentrum beherbert. Im Aufsichtsrat
sind vor allem Holocaust-Überlebende vertreten.
Ursprünglich waren die Auslandsdiener im MHMC gar nicht
willkommen. Eine Alibi-Aktion, die Österreichs Image
nach der Waldheim-Affäre verbessern sollte, lautete der
Vorwurf. Obwohl sich durch den täglichen Kontakt ihr
Bild von Österreich änderte, blieb die Haltung vieler
im Zentrum reserviert. Deshalb überrascht es Lothar Bodingbauer
umso mehr, wenn - in der ansonsten englisch- sprachigen Umgebung
- Überlebende plötzlich wieder ihre deutsche Mutersprache
verwenden. Viele haben dies seit ihrer Auswanderung nicht
mehr getan.
Hoffnung auf Entschädigung
Auch privat sind die beiden österreichischen Studenten
in das jüdische Leben integriert. Eine hochgeistige Umgebung
sei es, die Diskussionen liebt uns sehr an ihrer Meinung interessiert
sei. "Ich profitiere selbst sehr von dieser Arbeit."
Eine zusätzliche Aufgabe der Auslandsdiener ist, ehemaligen
Zwangsarbeitern bei den Anträgen auf Entschädigung
behilflich zu sein. "Die Leute hier sehen das eher pragmatisch
und sind guter Hoffnung. Aber sie hauen nicht mit der Faust
auf den Tisch." Dabei sind es keine reichen Amerikaner,
die Anträge stellen, sondern in der Mehrzahl Mindestpensionisten.
Nur die Engagierten dürfen teilnehmen
Für österreichische Studenten ist es nicht ganz
einfach, einen Gedenkdienst antreten zu dürfen. Nur wer
sehr engagiert im "Verein für Dienste im Ausland"
mitarbeitet, hat eine Chance, akzeptiert zu werden. Jeweils
9.800 Schilling stehen Lothar Bodingbauer und Michael Pollan
im Monat zur Verfügung. Was sie sonst noch zum Leben
brauchen, müssen die beiden selbst zahlen oder auftreiben.
Stichwort: Auslandsdienst
- Der "Verein für Dienste im Ausland" wurde
1998 von Dr. Andreas Maislinger gegründet. Diese Initiative
vermittelt junge Österreicher an Gedenk-, Sozial- und
Friedenseinrichtungen im Ausland. Der Schwerpunkt liegt jedoch
auf Institutionen, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen.
- Der Auslandsdienst dauert 14 Monate und bietet eine Alternative
zum Wehr- und Zivildienst.
- Derzeit sind 21 Auslandsdiener in 17 Partner-Organisationen
im Einsatz. Beispiele: Simon Wiesenthal Center in Los Angeles,
Steven Spielbergs Shoah Foundation in L.A. usw.
- Informationen unter http://www.auslandsdienst.at
email: contact@auslandsdienst.at
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