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"GEDENKDIENST AM MONTREAL
HOLOCAUST MEMORIAL CENTRE"
LOTHAR BODINGBAUER
************* INFORMATION *************
"Wenn der Staat etwas für Euch tut, dann sollt Ihr
auch etwas für den Staat tun". Diese Forderung wird
jungen Männern spätestens dann klar, wenn es darum
geht, den Präsenzdienst anzutreten. Die Wahlmöglichkeit
ist gering, doch ist sie durchaus gegeben: Militärdienst
oder Zivildienst.
Von rund 32. 000 Entscheidungen pro Jahr werden etwa ein
Viertel, etwa 8000, für den Zivildienst getroffen, und
damit folgt eine zwölf-monatige Tätigkeit an sozialen
Hilfseinrichtungen in Österreich. Es gibt aber auch Stellen
im Ausland zu besetzen: Arbeiten mit Straßenkindern
in Brasilien etwa, Friedensdienst im ehemaligen Jugoslawien
oder in Palästina, und die dritte Form ist der Gedenkdienst
an Holocaust-Gedenkstätten.
60 solcher "Gedenkdiener" sind derzeit in aller
Welt verstreut. Sie arbeiten in Museen und in ehemaligen Konzentrationslagern,
in Archiven und an Projekten, in denen die Verbrechen des
zweiten Weltkrieges aufgearbeitet werden. Dieser Auslandsdienst
dauert 14 Monate und wird nach Beendigung rückwirkend
als Zivildienstjahr gutgeschrieben.
Lothar Bodingbauer arbeitet derzeit als Gedenkdiener in Kanada,
im Montrealer Holocaust Memorial Centre. Von ihm stammt die
folgende akustische Orts- und Tätigkeitsbeschreibung:
************* BEGINN SENDUNG *************
ATMO Golden Age Orchester / Walzer
Es war wieder einmal einer jener Tage, an denen alles schief
gehen sollte. Das Innenministerium war mit seiner Zahlung
schon den zweiten Monat im Verzug, Regierungswechsel, und
der Bankomat war in der Folge für mich zumindest
seit einer Woche tot. In der Nacht hatte ich meinen
ersten Holocaust-Traum, ich wurde von Nazi-Schergen gejagt
und mußte beim Loch am Zaun zur Straße in die
Freiheit warten und das wußten sie. Sie erschossen
mich. Solche Träume seien ganz normal unter Gedenkdienern,
heißt es, normalerweise kommen sie schon früher.
Ich hatte meinen erst im vierten Zivildienstmonat. Gedenkdienst
heißt der Zivildienst eigentlich bei mir. Und weil wir
gerade dabei sind: Der Holocaust ist die systematische und
bürokratische Vernichtung von 6 Millionen Juden während
des zweiten Weltkrieges durch das Nationalsozialistische Regime
und seine Kollaborateure. In der Anerkennung der Täterrolle
Österreichs schickt mich die Republik nach Kanada um
das Land zu verteidigen. Zivildienst, so sagte man uns beim
Stellungstermin, sei die zivile Form der Landesverteidigung
und: "Österreichs Werte sollen erhalten werden".
Die Inntalbrücke wurde uns damals auf einem Video gezeigt
und alte Menschen in Rollstühlen.
Was hat der Holocaust damit zu tun? Nun ja, er ist Teil der
österreichischen Geschichte. Ob nun Österreich Opfer
oder Täter war, ist mir wiederum ziemlich egal. Da wird
viel gestritten und die Sachlage ist philosophisch, politologisch,
pädagogisch. Aber selbst die schärfsten Kritiker
stimmen zu: "Niemals vergessen", und nix über
einen Kamm scheren. Und wo viel gestritten wird, gibt¹s
viel zu tun, und deshalb bin ich hier.
ATMO Golden Age / Restaurant
Der Hunger trieb meinen Kollegen Mike Pollan und mich ins
Golden Age ins Altenheim des jüdischen Zentrums
in Montreal. Hier wird von den alten Leuten neben gutem Essen
auch Musik gemacht, wie Sie eben gehört haben. Den Walzer.
Zu essen gab es aber "Plinzen". Süße
Teigtaschen mit Topfenfüllung. Und der Koch fragte mich
mit einem aufmunternden Blick, ob ich Apfelsoße wollte.
Genauso aufmunternd und deutsch und deutlich sehr erfreut,
war meine Antwort "Jawoll!"
ATMO weg Stille
Es fiel mir ein. Ein "Jawoll" war unter dieser
Schar von Holocaust-Überlebenden das unangebrachteste
Wort, Apfelsoße gut zu finden. Es hätte bös
enden können, aber: Der Koch erklärte der Kassierin,
daß ich von den fünf Plinzen nur vier bezahlen
muß, weil ich eh so schlecht aussehe.
ATMO Kasse "Wow, you take care of me"
OT Paula / Welcome
Paula arbeitet wie viele andere im Museum ehrenamtlich. Auch
sie ist ein "Survivor", eine Überlebende des
Holocaust. Als in den 70er Jahren weltweit Stimmen laut wurden,
den Holocaust habe es nie gegeben, begannen die Survivor zu
sprechen. Sie suchten einen Platz, um ihre Erinnerungen den
neuen Generationen mitzuteilen. Hier in Montreal wurde im
jüdischen Zentrum das Holocaust Memorial Centre eingerichtet:
Ein Gedächtnisraum, ein Museum, und Programme wurden
entworfen für Schulen. Die Überlebenden fanden einen
Platz und viele Aufgaben; und damit war auch eine therapeutische
Funktion erfüllt.
Neu für mich war, zu erfahren, daß die jüdische
Gemeinschaft einer Stadt für mittellose Juden vier Verpflichtungen
zu erfüllen hat: Ein Dach über dem Kopf zu bieten,
Essen, Bildung, und zwei Sets von Kleidungsstücken, Sommer-
und Winterkleidung.
Unser Dienstort also ist im Bildungsteil angesiedelt, im
Holocaust-Museum. Der Direktor Bill Surkis:
OT Surkis
Als vor fast vier Jahren das Saide Bronfman Centre, auf der
Straße gegenüber einen Brief von Judith Pfeifer
erhalten hat, sie wolle für ein Jahr nach Montreal kommen,
als österreichische Gedenkdienerin, da wußte noch
niemand, was es war. Und unsere erste Frage war, ob das Ganze
ernst gemeint ist, und ob es so eine Einrichtung in Österreich
überhaupt gibt. Eine Mitarbeiterin von uns ist dann zufällig
zu dieser Zeit nach Wien gefahren und sie ist mit der Bestätigung
zurückgekommen, den Gedenkdienst gibt es, er wurde vom
Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger gegründet
und schickt junge Österreicher an Holocaust Gedenkstätten,
als Ersatz für den Militär- beziehungsweise Zivildienst.
Judiths Anfrage wurde dem Komitees des Centres vorgelegt
und auch bewilligt. Es kam also ein junger Mensch aus
Österreich, und obendrein eine junge Frau. Sie wurde
aufgenommen und begann, bei uns zu arbeiten.
OT Philip Katz
Philip Katz war zu dieser Zeit Präsident des Museums.
Es gab, so erinnert er sich, beträchtliche Bedenken innerhalb
der Gemeinschaft der Überlebenden gegen eine Beteiligung
Österreichs am Museum. "Ihr seit 60 Jahre zu spät",
hieß es, "und ihr wollt nur gute Stimmung machen".
Man sah keine wirkliche Einsicht Österreichs, daß
man den Holocaust nicht nur miterlebt hat, sondern auch daran
schuld daran war. Als dann aber klar wurde, daß da junge
Österreicher kommen, denen die traurige Rolle zumindest
einiger ihrer Vorfahren durchaus bekannt war, da konnten sich
die Offeneren im Komitee durchsetzen, wir wollten es probieren.
OT Phil
Ich muß vergessen. Aber ich kann nicht vergessen. Vergeben?
Who kannst du vergeben, jemand, daß er totgeschlagen
deine Vater, Schwester, Nieces, Nephies. Sie können das
nie vergessen.
Phil Weinbaum.
OT Phil
Geboren in Poland, Zavichost an der Wisla River. Ich war
verschickt von der SS nach der Konzentrationslager Mauthausen
und dann Gusen. Ich war befreit bei der Amerikaner Armee 6
und 11 glaube ich. Ich glaube, daß ich habe gearbeitet
in Österreich und war nicht bezahlt. Die Messerschmitt
Kompanie war in Österreich, in Steyr. Ich habe dort gearbeitet.
Keine Essen, war nicht genug. Wie ich bin rausgekommen, habe
ich 38 kg gewogen. Und heute leide ich mit Rheumatismus, Arthritis,
mein Herz ist nicht gut und weil ich gearbeitet mit Aluminium
zu machen die Aeroplane, das gibt Cancer, Krebs. Und ich leide
von dem. Zwei Jahre zurück habe ich eine Operation gehabt,
ich kann nicht arbeiten, gar nicht heute, und die Rente, die
ich bekomme, ist nicht genug.
Phil Weinbaum lebt von 8000 Schillingen Rente pro Monat.
Das Preisniveau in Kanada ist ungefähr gleich wie in
Österreich. Menschen wie Phil kommen zu uns, damit wir
ihnen helfen, Claims auszufüllen. Claims sind die notwendigen
Registrierungen für Entschädigungen oder Rückerstattungen
aus Europa. Von den Schweizer Banken, von Österreichischen
Banken, von Versicherungen oder nun auch für die Zwangsarbeiterentschädigungen
aus Österreich und Deutschland. Da kommen sie, und werden
wieder einmal von einem Österreicher registriert. Eine
skurrile und immer wieder schwierige Situation. Natasha Laliberte
arbeitet im Holocaust Centre - sie erzählt von unserem
Vorgänger Klaus Jagoditsch.
OT Natasha
Eine Frau, die als Kind den Holocaust überlebt hat,
ist hereingekommen, hat Klaus gesehen und gehört, sie
sah in an und sage: "Wie kannst du das getan haben, fühlst
du dich nicht schlecht?" Er saß da und starrte
sie an, und hatte keine Idee, worüber diese Frau sprach.
Er war sehr verstört, er sagte, "Gnädige Frau,
ich kenne Sie überhaupt nicht, ich weiß nicht,
wovon Sie reden". Da hat sie bemerkt, daß sie ihn
für etwas beschuldigt hat, was während des Krieges
geschehen ist und sie entschuldigte sich bei ihm, sie sagte,
"mein Gott", ich kann gar nicht glauben, was ich
gerade sagte, Sie sind ja gar nicht verantwortlich".
Es waren vielleicht seine Vorfahren, aber nicht dieser 27jährige,
der hier im Centre seinen Dienst verrichtete.
ATMO Claim ausfüllen
OT Mike
Das erste mal wie er gekommen ist, wollte er, daß ich
ihm, wie heute, bei diesen Insurance Claims helfen. Das sind
für Fälle, wo die Familienangehörigen Versicherungen
hatten. Bei ihm war es der Vater, der Großvater. Der
Vater hatte eine Fabrik, die versichert war. Dieses Versicherungsgeld
wurde nie wieder gesehen. Sonst war er ein paarmal da, und
ich habe ihm geholfen bei Briefen, die er nach Deutschland
schicken mußte, für die Wiedergutmachung. Meistens
ist es so, daß diese Brief in Deutsch schreiben, es
ist ein kompliziertes Deutsch, und ich habe auch oft Probleme,
zu verstehen, was da gemeint ist, und deshalb kommen oft Leute
her, und fragen, daß man das übersetzt, und hin
und wieder auch einen Brief zurückschreibt und solche
Sachen.
ATMO Unterschreiben
OT Phil
Mike helped me a lot, he filled out all of my papers from
the Holocaust, everything. He helped me a lot. It is very
important for me. Because me for myselfe I do not know how
to fill it out in German and all of these things.
OT Mike
Er hat eine sehr große Familie gehabt, er ist der einzige
Überlebende, wirklich der einzige, man muß sich
vorstellen, alle Leute, die er in seinem Leben in Polen gekannt
hat, sind umgekommen. Er war in Auschwitz, er wurde auch sterilisiert,
man muß sich vorstellen, er hat auch keine Kinder bekommen,
und deshalb bekommt er auch ein bißchen mehr Pension
im Monat, 1500 DM im Monat, das ist nicht viel, aber ist doch
ein bißchen mehr als die normale Pension.
ATMO Walter Absil / Schüler
Good morning kids, (GOOD MORNING) how are you. (GOOD). Should
I say good morning to the teachers to (YEA)? Good morning
teachers. I was born in Austria. You guys know where Austria
is? (YEA). You know any famous Austrians? (THE GUY IN THE
PAPER - JÖRG HAIDER) Haider, yes. Anybody else? (HITLER).
How about somebody very important today? (YOU) No. How about
Arnold Schwarzenegger. (YEA). We have other guys that are
little less important, like Mozart, Strauss, the walz king,
Dr. Freud. (SIGMUND FREUD - PSYCHOANALYSIS). Those were all
Austrians, and like another one we would like to forget, Hitler.
All right.
Walter Absil war als Jugendlicher im belgischen Widerstand,
und überlebte. Er emigrierte nach Kanada und baute sich
dort ein neues Leben auf. Heute ist Walter Absil 75 Jahre,
und er genießt es, im Holocaust Centre zu Kindern zu
sprechen. Den Anschluß Österreichs an das Deutsche
Reich vergleicht Walter Absil so: Stellt euch vor, die Amerikaner
marschieren morgen in Kanada ein, in Quebec, und macht es
zu einem seiner Bundesstaaten. Glaubt ihr, die kanadische
Armee könnte etwas dagegen tun? Über Nacht wurden
wir zur Ostmarkt. Das Leben eines jüdischen Buben, ich
war 13, änderte sich drastisch. Ich durfte nicht mehr
zur Schule gehen, ins Swimming Pool, ich durfte nicht mehr
ins Theater gehen oder ins Kino. Sogar die Parkbänke
waren angeschrieben: "Nicht für Juden". Da
habe ich meinen ersten Akt des Widerstand gemacht. Ich habe
mich geschwind auf die Ecke einer Bank gesetzt. Kommt und
holt mich! Glücklicherweise hat mein Vater einen Freund
getroffen, der gesagt haben, das ist verrückt, aber das
geht vorbei, das dauert nur ein paar Monate. Warum schaut
ihr nicht, daß Ihr wegkommt. Und zufällig haben
wir ein Visum für Belgien bekommen.
Und so klingt der Originalton, der für Erwachsene bestimmt
ist:
OT Walter
Meine Eltern wurden 1 Jahr vor der Befreiung Belgiens, 1943
von der Gestapo verhaftet. In meiner Abwesenheit, ich kam
vielleicht 10, 15 Minuten später nach Hause. Und sie
wurden in das Sammellager Malin gebracht, ich habe die Bestätigung
der belgischen Behörden und wurden von dort natürlich
nach Auschwitz verschleppt. Wir haben nie mehr von ihnen gehört.
- Das komische ist, daß wir, dadurch daß wir von
Belgien zuerst von Österreichern Deutsche wurden, wie
die Deutschen einmarschiert sind, dann haben wir den Belgiern
beigebracht, daß wir nicht Deutsch sind, sondern Juden,
in unserer Identitätskarte war dann eingeschrieben: Nichtfeindlicher
Deutscher. Dann kam die deutsche Besetzung und wir waren nicht
würdig Deutsche zu sein, sie so wurde unserer Nationalität
wieder auf Staatenlos geändert, auf Staatenlos. nach
der Befreiung ging die ganze Geschichte wieder verkehrt. Also
zuerst von Staatenlos auf Deutsch, dann bekommen wir nichtfeindliche
Deutsche, und dann eventuell wieder die österreichische
Nationalität. Also mit meiner kanadischen Nationalität.
Also mit meiner kanadischen Nationalität haben wir wahrscheinlich
6 mal diese Nationalität geändert. Meine Frau, die
auch in Wien geboren ist, ist ganz narrisch mit Österreich,
besonders mit Wien. Ich eigentlich freue mich auch, wir fahren
jetzt jeden Sommern nach Österreich und meine Frau singt
dann immer, "morgen bin ich wieder in Wien". Wir
wissen genau, wo wir gehen. Ich habe im 3. Bezirk gewohnt,
meine Frau im 9. Wir besuchen die alten Häuser. Und jedes
Jahr sind wir wieder dort. Und meine Frau sagt dann immer,
wenn ich nicht am Ring spazieren kann, dann hat der Hitler
gewonnen.
ATMO Yom Hashoah Feier
Kanada hat während des zweiten Weltkrieges fast keine
Juden aufgenommen, die emigrieren wollten. Bei der alljährlichen
Holocaust-Gedächtnisfeier wird dennoch zum Schluß
die Kanadische Hymne gesungen. Wir zwei Österreicher
haben den Gästen die Plätze angewiesen. Hinter mir
eine schniefende Frau, vor mir 6 brennende Kerzen und rechts
zu meiner Seite der ungarische Honorarkonsul.
Womit wir bei der Botschafterrolle angekommen sind. Mein
Kollege Michael Pollan sieht das so:
OT Mike
Ja es ist eine ziemlich heikle Situation. Als österreichischer
Gedenkdiener wird man von Holocaust Überlebenden immer
wieder besorgt nach der Situation in Österreicher gefragt.
Ich persönlich versuche zu erklären, warum die politische
Situation dort so ist, was überhaupt los ist, und es
zugänglicher zu machen, ohne das Problem zu verharmlosen
von meiner Sicht aus. Es ist sehr wichtig, daß die Menschen
hier, die vielleicht nicht diesen Einblick in die österreichische
Politik gemacht hat, vor Ort mit Menschen aus Österreich
darüber sprechen können.
Ich wiederum erkläre, daß die Österreicher
demokratisch gewählt haben, daß Jörg Haider
kein Neonazi ist, und daß das herkömmliche Regierungssystem
nach so langer Zeit wahrscheinlich sein Ende finden mußte,
was den Vorteil hat, daß wieder viel mehr Österreicher
eine politische Meinung jenseits der Wurstigkeit haben. Und
dann bedanke ich mich für die Proteste, denn die gehören
halt auch zur Demokratie.
Als Jörg Haider seinen Besuch in unserem Museum in Montreal
angekündigt hat, war für uns ein grauenhafter Tag.
Am Morgen hat Bill Surkis, unser Chef, noch angekündigt,
Haider wolle unser Museum besuchen. Wir sahen uns an, und
sagten, warum nicht, schaden tut's ihm sicher nicht. Die Sache
ist dann medienmäßig hochgegangen und der Canadian
Jewish Congress hat eine Stunde nach dem Aufsperren angeordnet,
die Museumstür wieder zuzusperren, das Licht abzudrehen,
und Haider nicht hereinzulassen. Die Reaktion des Canadian
Jewish Congress war auf der anderen Seite wieder verständlich,
denn zwei Wochen zuvor hat man noch zur Demonstration vor
dem Österreichischen Konsulat aufgerufen, gegen Haider,
den Hater, den Hasser, wie sie ihn nannten, und alles andere
wäre inkonsequent gewesen.
ATMO Demo / Jiddisch "Wo ist die Welt"
ATMO Kerzen anzünden Yom Hashoah
Sie haben einfach Angst. Vor allem, was aus der Richtung
der Vergangenheit kommt. Irrational Angst, was sie aus Europa
an die Toten, die sie beklagen, erinnert. Beim Yom-Hashoah
Gedächtnisfest für die Opfer des Holocausts zünden
jeweils drei Generationen eine Kerze an. Großvater,
Vater, Tochter legen ihre Hände übereinander. Während
der ganzen Feier fällt kein Wort gegen Österreich,
kein Wort gegen Deutschland. Es ist nur ein stilles Trauern.
OT Phil / Makes me mad
If I hear news from the Nazis, from the camps, I get very
mad, it makes me very mad. You know, when I don't talk about
that, I cool off. When they talk about Germany, about the
Holocaust. Because me myself, I passed a lot of troubles in
Auschwitz, Birkenau. I have been sterilized, kastriert, broken
leg, they beat me up. And I lost all my families. When comes
holidays, I feel very nervous.
Natasha Laliberte:
OT Natasha
Wenn man mit Menschen arbeitet, die ein Trauma erlebt haben,
dann gibt es natürlich die bekannten Probleme: Das Trauma,
einige haben Schuldgefühle, daß sie überlebt
haben, und andere nicht. Da gibt es die ganze Palette psychologischer
Probleme. Aber zu allem kommt, daß diese Menschen auch
jetzt ihren Alterungsprozeß erleben. Die Leute werden
älter und ihre Eigenheiten verstärken sich. In anderen
Worten, wenn sie in ihrer Jugend mit irgendetwas über
Kreuz waren, dann wird das stärker. Ihr hauptsächlicher
Lebensinhalt wird zu ihrer Mitte. Und wenn das das Überleben
des Holocaustes ist, können Sie sich vorstellen, was
das heißt. Arbeiten mit Überlebenden ist sehr,
sehr schwierig.
OT Catherine
Catherine Chatterley arbeitet an Schulprogrammen über
den Holocaust. Wir alle kennen die Geschichte unserer Eltern,
sagt sie, wenn wir uns über den Schulweg beklagten. Die
haben dann gemeint: Das ist ja gar nichts, gegen das, wie
wir zur Schule gehen mußten. 2 Stunden lang, im Schnee,
und das mit einem Schuh, oder so. Dann kann man sich vorstellen,
wie es Kindern ergangen ist, deren Eltern den Holocaust überlebt
haben, wenn sie mit irgendwelchen Sorgen zu ihnen gekommen
sind.
OT Survivor-Tochter
Meine Eltern haben gerade erst angefangen, zu reden, was
ihnen passiert ist. Sie haben das nie gemacht. Ich kann mich
erinnern, als Kind habe ich die Geschichten von Albträumen
mitbekommen, die sie sich erzählt haben. Ich hatte dann
auch diese Träume: Hunde haben mich gejagt. Vielleicht
ist das bei meinen Kindern nicht mehr so. Es dauert wirklich
Generationen.
OT Eltern: "We were only called Scheissjuden. . . "
Das war unser Name während der Zwangsarbeit. Und wir
waren noch glücklich, daß sie uns nicht sofort
erschossen haben. Ich kann es nicht vergessen - und wissen
sie, ich weiß nicht, wo ich gestern war, aber wo ich
50, 60 Jahre war, da erinnere ich mich an jedes kleine Detail,
wenn ich davon träume, spüre ich wieder diese Qualen.
ATMO Horrorfilm
Einmal pro Monat kommen Überlebende ins Museum, und
schauen sich einen Horrorfilm an. Einen Kriegsfilm aus der
Vergangenheit, oft in Deutsch. Ich habe bis heute nicht verstanden,
warum sie das machen.
Es gibt eine Hitparade des Holocausts, erzählt Chaterine
Chatterley. Es kommt darauf an, wo sie während des Krieges
waren in Europa, in welcher politischen Umgebung, welchen
religiösen Hintergrund sie hatten, wie sie sich mit dem
Judentum identifizierten. Diesen Wettbewerb gibt es wie in
jeder anderen Gemeinschaft auch. Aber daß es sich hier
um den Holocaust handelt, erhöht einfach den Einsatz.
Sie haben alles verloren. Es ist eine total verrückte
Gemeinschaft, ich kann es nie allen recht machen, sie sind
zu verschieden. Aus diesem Grund: Wenn wir jetzt das neue
Museum machen, neue Programme entwerfen, das Bild, das wir
zeichnen sollen, es ist extrem schwierig, es der jüdischen
Gemeinschaft recht zu machen - es ist eigentlich ganz unmöglich.
OT Morris / Clue
Morris Schenker, Überlebender aus Belgien. Er hat nach
dem Krieg als Repräsentant für die deutsche Radiofirma
Blaupunkt gearbeitet. Ironischerweise, wie er sagt. Es geht
um die Entmenschlichung des Menschen. Egal ob es politisch
ist, oder religiös, es kann jeder das Opfer sein, der
einen andern Hintergrund hat, oder einer anderen Nation angehört.
Es ist recht einfach, jemanden umzubringen, nachdem du ihn
erst einmal entmenschlicht hast.
ATMO Yom Hashoah
Hinter jeder Zahl steht ein Name. Und hinter jedem Opfer
standen die Täter. Die Opfer sind leichter auszumachen,
weil sie am Boden liegen.
Mr. Tarnagol braucht Geld für seine dritten Zähne.
Von den Schweizer Banken hat er vor einiger Zeit 5300 Schillinge
erhalten, und davon sein Auto repariert. Was aber wird er
mit dem Entschädigungsgeld für die Zwangsarbeit
machen?
OT Phil / Geld
Ich würde nach Israel fahren und ein Stückchen
Land kaufen für meine Familie. Ich würde einen Stein
aufstellen und für meine Familie beten, mit einem Rabbi.
Weil ich habe ja meine ganze Familie verloren. Den Namen Tarnagol
wird es nach mir nicht mehr geben. Weil jeder andere tot ist.
Und wissen Sie, von welchem Stückchen Land Phil Weinbaum
spricht, das er sich kaufen will? Er meint ein Grab in Israel.
ATMO Golden Age Orchester / Eviva Espana
Das Innenministerium zahlt mir für die Betreuung der
Täterrolle von Österreichern und für die Betreuung
der Opfer 138. 000 Schilling, genauso viel wie einem österreichischen
Zivildiener. Weil ich 14 Monate arbeite, und zu meinem Einsatzort
fliegen muß, Ich bezahle selbst umgerechnet pro Arbeitsstunde
25 Schilling, Feiertags zahle ich doppelt, in Summe 80. 000
Schillinge. Dafür darf ich in allen Bereichen mitarbeiten,
und bei den Festen mitfeiern, und natürlich auch mitessen.
Lieselotte hat wieder angefangen Deutsch zu reden. Sie fragt
viel, erkundigt sich, mal über die politische Lage, mal
übers Essen, mal wie es so geht. Sie muss als junge Frau
eine Prinzessin gewesen sein.
OT Lieselotte
Wenn Sie jetzt zurückkommen, im Jänner, werden
Sie darüber sprechen, was Sie hier gelernt haben? ---
Nein. --- Ich kann doch nicht sagen, schaut's wie normal die
Juden sind. Ich werde nicht sprechen müssen, weil ich
ja lebe. Ich werde Kinder erziehen müssen, oder dürfen,
ich werde Lehrer sein, und die Art, wie ich mit ihnen umgehe,
da muß ich gar nicht mehr reden. --- Nein, nein nein,
man muß nicht so, man kann zum Beispiel, Sie haben eine
Klasse, da kann man sagen, zum Beispiel Franzl, weißt
Du...
[ausgeblendet zum FIN]
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