Bollettino della Comunità Ebraica di Milano März 2000
Michael Berger

Österreich: Im Dienst der Erinnerung

Seit Anfang 1999 ist es für junge Österreicher möglich geworden, in Mailand, in diesem Fall an der Fondazione CDEC, einen Auslandsdienst zu leisten.

Selbiger dauert 14 Monate und ist eine Alternative zum Militärdienst in Österreich. Der Gedenkdienst muss an einer Institution absolviert werden, die sich mit dem Gedenken an die Shoa und die Opfer des Nationalsozialismus beschäftigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Verantwortung von Österreichern für die Geburt des Nationalsozialismus und in Folge für die Shoa vergessen oder absichtlich verdrängt worden. Das Selbstbild Österreichs als das erste Opfer deutscher Aggression hat auch zu diesem Desinteresse für die Vergangenheit im Dritten Reich beigetragen. Die Initiative Gedenkdienst ist folglich sowohl eine Reaktion auf die erwähnte Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte, als auch ein konkreter Versuch, etwas an diesem Umstand zu ändern.

Der Gedenkdienst bietet einerseits eine konkrete Unterstützung der jeweiligen Institution, die sich bereiterklärt, an der Initiative teilzunehmen, und hat andererseits Symbolwirkung: Österreicher, die sich der dunklen Seiten ihrer Geschichte bewusst sind, gehen ins Ausland, an Gedenkstätten und frühere Lager, oder zu Instituten wie dem CDEC, die sich mit Shoa - Forschung beschäftigen, und arbeiten damit in positiver Weise an den "Orten", an denen andere Österreicher vor ihnen Verbrechen begangen haben.

Die aktiven Gedendiener im Ausland erhalten einen Kostenersatz vom österreichischen Ministerium für Inneres. Der Gedenkdienst stellt einen Versuch der Beschäftigung mit der Vergangenheit Österreichs in Bezug auf den Mord an Juden, Roma und Sinti, und anderer von den Nazis verfolgten Gruppen dar.

Abgesehen davon bietet er die Möglichkeit einer Neubewertung der Rolle Österreichs in der Geschichte, ein Part, der im Selbstbewusstsein vieler Österreicher zu oft nur mit dem "Opfer" assoziiert wird.

Der Gedenkdienst wurde in Österreich aufgrund der Bemühungen des "Vereins für Dienste im Ausland" eingeführt, dessen Gründer der Politologe Dr. Andreas Maislinger ist.